Bei Breidert-Abschied neuen Direktor präsentiert

Gießen (pd). Selbstverständlich stand am Freitag bei der Verabschiedung des Schulleiters der Ricarda-Huch-Schule der scheidende Direktor Richard Breidert im Mittelpunkt. Als jedoch Schulamtsdirektor Arno Bernhardt zum Schluss seiner Laudatio auf den bisherigen Schulleiter den langjährigen Stellvertreter Werner Nissel als Nachfolger präsentierte, sorgte diese Nachricht für ein überraschtes Raunen in der neuen Aula der kooperativen Gesamtschule.

Der Vertreter des Staatlichen Schulamts freute sich darüber, dass es gelungen sei, den Staffelstab an der RHS ohne Verzögerung zu übergeben. Auch der künftige Direktor, der 1994 an die "Ricarda" gekommen war und seit 1998 die Aufgaben des stellvertretenden Schulleiters wahrnimmt, zeigte sich im Interesse der Schule erleichtert über den "nahtlosen Übergang".

Dank des Engagements seines Vorgängers könne er eine "gut bestellte Schule" übernehmen, sagte der 55-Jährige, der die Tätigkeit Breiderts als "Baudirektor" als ein Attribut unter vielen bezeichnete.

Vor allem Dankesworte richtete der scheidende Direktor in seiner Abschiedsrede an Kollegium, Schulträger und Schulaufsicht. Er erinnerte an seine "pädagogische Sekundärsozialisation" in Schweden - dort sammelte Breidert Ende der sechziger und in den siebziger Jahren Erfahrungen mit dem skandinavischen Schulsystem. Wichtige Impulse hätten ihm aber auch die 16 Jahre an der Gesamtschule Gießen-Ost gegeben. Dort habe er den Begriff "Teamteaching" kennen gelernt, sei mit Projektwochen und Ganztagsarbeit vertraut gemacht worden. "Wir haben dort den Begriff Gesamtschule vom Kopf auf die Füße gestellt", beschrieb der 62-Jährige die damalige Umbruchsituation.

Gerade die Tatsache, "dass an der Ricarda-Huch-Schule so vieles anders war als an der GGO" habe ihm den Eindruck vermittelt, "dass ich hier gebraucht werden könnte", beschrieb er seine Eindrücke beim Wechsel an die kooperative Gesamtschule 1994. Der damalige Direktor Klaus Bernard habe ihn als Pädagogischen Leiter "werkeln lassen", mit der Übernahme der Schulleitung 1999 hätten sich neue und schwierige Aufgaben gestellt. Breidert zählte Renovierung und Umbau der "Ricarda" auf, nannte die Umwandlung der Gießener Oberstufenschulen in Gymnasien, berichtete von den Bemühungen zur Veränderung der RHS in eine Ganztagsschule sowie von der schließlich erfolgreichen Abwehr der Schulzeitverkürzung G8. Namentlich dankte er Schulverwaltungsamtsleiter Folkert Sauer und Stadtrat Dr. Volker Kölb. Obwohl er mit dem Schuldezernenten hinsichtlich bildungspolitischer Ansätze oft nicht einer Meinung gewesen sei, habe sich Kölb als verlässlicher Partner bei baulichen und pädagogischen Maßnahmen erwiesen. Vor allem bedankte sich Breidert aber bei "diesem Kollegium" für dessen großes Engagement.

Dass auch der Schulleiter selbst stets engagiert und als "Lehrer mit Leib und Seele" zu Werke ging, hatte zuvor Schulamtsdirektor Bernhardt bekräftigt und als Beweis mehrere Zitate aus der Personalakte Breiderts zum Besten gegeben. Schon früh seien ihm "natürliche Dominanz und Autorität" zugeschrieben worden. Ihm selbst werde stets der von Breidert kreierte Begriff der "hochkooperativen Gesamtschule" in Erinnerung bleiben, so Bernhardt, der dem Schweden-Freund skandinavische Köstlichkeiten überreichte. Die Geschenke wurden übrigens von beiden auf Schwedisch kommentiert.

Auch Kölb ging darauf ein, dass die Tatsache, "dass wir bei der Förderung von Schülern unterschiedliche Wege gehen uns nicht daran gehindert hat, sehr gut zusammen zu arbeiten". An den scheidenden Schulleiter werde er stets "mit Respekt und Dankbarkeit" denken.

Wenn es darum gegangen sei, etwas für Schüler zu tun, die Unterstützung brauchen, dann sei Richard Breidert stets ein "unermüdlicher Motor" gewesen, sagte Sabine Wießner Müller. Die Leiterin der Helmut-von-Bracken-Schule erinnerte an die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen ihrer Förderschule und der RHS sowie daran, dass es zwischen beiden Schulen sogar eine Kooperationsvereinbarung gebe.

"Wir hätten gut gemeinsam eine Gesamtschule leiten können", erinnerte Heribert Ohlig als Direktor der Gesamtschule Gießen-Ost an eine Reihe von gemeinsamen beruflichen und privaten Stationen. Die erste Begegnung habe es Ende der sechziger Jahre bei einer politischen Veranstaltung gegeben, später habe Richard Breidert die Entwicklung der GGO als Vorsitzender des Bauausschusses und des Personalrats geprägt. "Du hast diese Schule wahrhaft zu einer Schule für alle gemacht", attestierte Ohlig dem scheidenden Direktor.

"Danke für Ihre kritische Loyalität" rief Eva Jobst dem Mann zu, der die RHS in den vergangenen zehn Jahren geprägt hat. Die Oberstufenleiterin erinnerte an die Vorbehalte, mit denen Breidert, der von einer integrierten Gesamtschule an die "Ricarda" gekommen war, von Teilen des Kollegiums empfangen worden sei. Viele hätten geargwöhnt, dass er die "Unterwanderstiefel" trage. Doch diese Kollegen hätten ihre Meinung revidiert. Breidert sei mitunter anstrengend und unbequem, aber stets verlässlich gewesen. "Die Schule stand noch nie so gut da wie heute", fasste Jobst zusammen.

Er habe wenig mit Verboten und Strafen gearbeitet und stets den offenen Dialog gepflegt, bescheinigte Leoni Nagel von der Schülervertretung dem Direktor, der sich außerdem über Ansprachen und Geschenke des Schulelternbeirats, des Vereins der Freunde und Förderer sowie der Ehemaligen und Freunde der Ricarda-Huch-Schule freute. Dass die RHS auch musikalisch viel zu bieten hat, demonstrierten die Songwerkstatt der Sekundarstufe II, die "Voice Guys" sowie Lea Keil mit "Let it be".

Wie man eine Rede für jemanden konzipiert, von dem man sich nicht vorstellen kann, dass er verabschiedet wird, zeigte auf ironisch-humorvolle Weise der Personalrat in einer gespielten Sitzung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare