cg_Bismarckturm_290921_4c
+
Steinerne Landmarke auf der Hardt: Der Bismarckturm.

Brave Besucher und Landluft wie zu Bismarcks Zeiten

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
    schließen

Rege Diskussion. »Neben dem Turm geht es auf keinen Fall. Vielleicht direkt vor der Schranke?«, überlegt eine junge Frau und kichert. »Nee, das wäre ja ziemlich frech«. Ziemlich frech sind die jungen Leute auf keinen Fall, die sich am vergangenen Wochenende am Fuß des Bismarckturms niedergelassen haben. Sie trinken ein Fläschchen Bier, blinzeln in die Sonne, kraulen ihren zotteligen Hund, rauchen und reden.

Die Truppe möchte grillen, weiß aber nicht, wo es erlaubt ist. Und unerlaubt ein Feuer anzufachen kommt offenbar nicht in Frage. »Vielleicht gehen wir dahinten auf eine Wiese«, sagt ein junger Mann und zeigt in Richtung Hardthof.

Apropos Feuer. Gehörte der Gießener Bismarckturm eigentlich zu jenen Türmen, auf denen zu Ehren des verehrten Reichskanzlers an dessen Geburtstag ein Feuer entzündet wurde? Eine Feuerschale gibt es ja, aber ob sie je genutzt wurde? Die ursprünglich einmal geplante landesweite Feuerkette hat es jedenfalls nie gegeben, ist bei Wikipedia nachzulesen. Der Gießener Förderverein, der sich vor Jahren um die Sanierung des vernachlässigten Denkmals gekümmert hat, wird es wissen. 147 Bismarktürme gibt es noch, ursprünglich waren es einmal 240 in Deutschland und seinen Kolonien. Die koloniale Vergangenheit war es auch, die im vergangenen Jahr Politaktivisten dazu veranlasste, die Fassade mit roter Farbe zu beschmieren. Die Studentenschaft von 1905, die seinerzeit den Bau mit nationalem Pathos initiierte, würde sich im Grab umdrehen. Die meisten Besucher, die die kleine Allee hinauf zum Turm beschreiten, haben keine politischen Motive. Entweder suchen sie ein Plätzchen zum Feiern oder zum Schauen. »Guck mal, dahinten sieht man die Häuser des Lärchenwäldchens«, sagt eine Frau, die mit Mann und Hund unterwegs ist. »Ja, und da unten haben sie mich damals aufgeschnitten«, sagt der Begleiter theatralisch und zeigt auf das evangelische Krankenhaus. Offenbar haben sie ihn auch ordentlich gesund gepflegt, denn das Paar marschiert mit energischen Schritten davon.

Zwei Radlerinnen umrunden den Turm und lassen sich für einen Moment auf dem Steinsockel nieder. »Schön hier«, sagt die eine. »Riecht nur etwas streng«, sagt die andere. Der Wind trägt den Duft eines frisch mit Gülle gedüngten Feldes herbei. Manche Dinge ändern sich nie. Diese Art Landluft hat es schon zu Bismarcks Zeiten gegeben. (cg)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare