Den Urgroßvater im Rücken, die Zukunft im Blick: Tilo Heuser leitet das Traditionsunternehmen Bratfisch. FOTO: SCHEPP
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Den Urgroßvater im Rücken, die Zukunft im Blick: Tilo Heuser leitet das Traditionsunternehmen Bratfisch. FOTO: SCHEPP

Mensch, Gießen

"Bratfisch"-Chef über Corona, Jogginghosen und Tradition

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Tilo Heuser leitet "Bratfisch" in der vierten Generation. Dabei scheint er sich aus Tradition nicht viel zu machen. Das heißt aber nicht, dass ihm das Geschäft nicht am Herzen liegen würde.

Wer Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Karl Lagerfeld hat das mal gesagt. Das Zitat des 2019 verstorbenen Modezaren ist ein guter Beleg für den Wandel in der Mode. Heute sind die gemütlichen Buxen das Standard-Beinkleid vieler junger Leute. Tilo Heuser, Chef des Modehauses Bratfisch, schmunzelt darüber. "Es stimmt, das Legere und Sportive ist auf dem Vormarsch. Auch bei uns." Schlabberlook sucht man in dem altehrwürdigen Geschäft im Neuenweg aber vergeblich. Heuser spricht von "gehobener Luxusware", die sein Haus auszeichne. Alles andere ließe Ludwig Bratfisch, Tilo Heusers Urgroßvater, wohl auch im Grabe rotieren.

Heuser, der Mitten in der Corona-Pandemie seinen 50. Geburtstag gefeiert hat, ist mit seinen Eltern und der Schwester, die heute den Lehrstuhl für Anglistik in Marburg bekleidet, in Annerod aufgewachsen. Es war eine schöne Kindheit, betont er, "ein typisches Landleben mit viel Zeit im Freien". Nach der Grundschule ging es nach Gießen, auf der Friedrich-Feld-Schule machte er sein Abitur und setzte somit den ersten Tritt in die Fußstapfen seiner Vorfahren.

Es ist das Jahr 1910, als Ludwig Bratfisch in Gießen eine Tuchgroßhandlung gründet. Später wird daraus ein klassischer Herrenausstatter. Anfang der 1990er Jahre, als Horst Heuser die Geschicke des Unternehmens leitet, gibt es bei Bratfisch erstmals Mode für die Frau - jener Geschäftszweig, der heute gute Umsätze erzielt und die Herren mittlerweile übertrifft.

Zu jener Zeit ist Tilo Heuser noch in Nürnberg. Hier in der fränkischen Großstadt absolviert er bei einem Herrenausstatter seine Ausbildung. 1996 kehrt er als Einzelhandelskaufmann und Handelsfachwirt nach Gießen zurück - widerwillig, wie er einräumt. "Ich hatte die Sorge, in ein Provinznest zu ziehen." Seine Befürchtung sollte sich aber nicht bestätigen. Gießen hatte begonnen, sich zu wandeln, architektonisch und gesellschaftlich. Abgesehen davon wartete in der Universitätsstadt eine reizvolle Aufgabe auf ihn.

1996 steigt Heuser als Angestellter ins Unternehmen ein. Keine einfache Zeit. Das "operative Geschäft lief gut, aber die 1992 neu gekaufte und umgebaute Immobilie, in die wir eingezogen sind, war einfach zu teuer". Die Altlast drückte so sehr, dass sein Vater Horst Heuser im Jahr 2003 den Gang zum Insolvenzverwalter antreten musste.

"Das war eine harte Zeit", erinnert sich Tilo Heuser, "für mich aber auch eine Chance". Denn der Sohn kaufte das Unternehmen aus der Insolvenz und wurde alleiniger Geschäftsführer. "Rückblickend war es die beste Entscheidung, die wir treffen konnten. Der Schnitt war notwendig für den Neustart."

Heuser hatte seinerzeit die nötige Unterstützung, dieses Wagnis einzugehen. Auch privat. Denn nach seiner Rückkehr nach Gießen arbeitete er mit einer Kollegin zusammen, mit der er sich ganz besonders gut verstand. "Sari war Studentin und wollte sich eigentlich nur als Aushilfe etwas dazu verdienen", erzählt Heuser. Doch es kam anders. Heute leitet die einstige Aushilfe nicht nur die Frauenabteilung, sie ist auch seit 16 Jahren mit dem Chef verheiratet. Die beiden Kinder Hanna und Johannes komplettieren die Familie.

Heuser ist nicht nur beruflich in die Fußstapfen seines Vaters getreten, sondern auch mit Blick auf die Ernährungsweise. Seine Frau, die Kinder und er verzichten weitestgehend auf Fleisch. Genauso wie der inzwischen verstorbene Horst Heuser. "Er war quasi ein Pionier auf diesem Gebiet", sagt der Sohn." Und das in einer Zeit, in der Sonntagsbraten für viele Deutsche heilig waren und ein Steak für erfolgreiche Geschäftsleute zum guten Ton gehörte. Für Heuser gab es kein Fleisch - zumindest nicht zu Hause. "Wenn ich bei Freunden zum Grillen eingeladen war", sagt er grinsend, "haben mir meine Eltern Sojawürstchen mitgegeben. Meine Freunde waren ganz neugierig und haben daher getauscht. Ich habe die ganzen Bratwürstchen bekommen."

Zwei Kinder also. Steht somit schon die fünfte Generation der Bratfisch-Dynastie in den Startlöchern? Heuser überlegt einen Moment. "Eigentlich würde ich mir wünschen, dass sie einen anderen Weg einschlagen." Mit Blick auf die Tradition sei es natürlich wünschenswert, wenn das Geschäft auch weiterhin ein Familienunternehmen bliebe. Wichtiger ist Heuser aber, dass seine Kinder glücklich werden. Und da sieht der Vater bessere Wege.

"Der Einzelhandel ist sehr arbeitsintensiv. Es bleibt kaum Freizeit. Ich versuche meinen Kindern daher auszureden, in der Branche zu arbeiten." Heuser weiß, was es heißt, wenn die Arbeit die Freizeit auffrisst. Bei der Frage nach Vereins- oder anderweitigen Zugehörigkeiten muss der 50-Jährige lachen. "Da gibt es nichts zu schreiben." Wenn er mal dazu komme, gehe er mit seinen Kindern klettern oder Mountainbiken, sonntags schaue er zudem bei ihren Basketballspielen zu. Und wenn er dann im Winter noch ein paar Tage auf den Skiern stehen kann, sei das schon das Höchste der Gefühle.

In den vergangenen Wochen hatten Heuser und sein rund zehnköpfiges Team hingegen mehr Freizeit, als ihnen lieb war. Die Corona-Pandemie war für den gesamten Einzelhandel eine Katastrophe. Heuser macht keinen Hehl daraus, dass er zu Beginn des Shutdowns Existenzängste hatte. "Niemand wusste, wie lange die Geschäfte geschlossen bleiben müssen. Anfangs war ja sogar von drei bis sechs Monaten die Rede. Das wäre bedrohlich geworden." Zum Glück, sagt der Geschäftsführer, war die Zeit dann überschaubar. Seither habe sich das Geschäft "dank der treuen Stammkunden" fast wieder auf Normalniveau eingependelt.

Probleme gebe es jedoch im Business-Bereich. "Der ist fast komplett weggebrochen." Heuser liefert gleich die passende Erklärung: "In Zeiten von Homeoffice kann man auch in Boxershorts vor dem Computer sitzen." Wenn man bedenkt, dass viele Arbeitgeber und -nehmer gerade feststellen, dass die Arbeit von zu Hause auch ohne Pandemie Vorteile bietet, kann das weitreichende Auswirkungen auf ein Geschäft für gehobene Mode haben.

Das Sortiment für das kommende Frühjahr wird daher auch deutlich sportlicher ausfallen, verrät Heuser. Das geht übrigens auch im Luxussegment. Selbst Chanel bietet inzwischen Jogginghosen an. Wenn das Karl Lagerfeld wüsste.

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