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Der Brandplatz ist wochentags in aller Regel ein großer Parkplatz.

Stadtverkehr Gießen

Verkehr in Gießen: Brandplatz-Tiefgarage vom Tisch?

  • Burkhard Möller
    VonBurkhard Möller
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Die Kandidaten zur Oberbürgermeisterwahl in Gießen haben bei einer Online-Debatte ihre Ideen zum Thema Verkehr dargelegt. Dabei gab es auch eine echte Nachricht zu vermelden.

Gießen – Sechs Jahre dauert die Amtszeit des neuen Gießener Oberbürgermeisters, der im Dezember ins Amt kommt. Vielleicht hatte Frank-Tilo Becher dies im Hinterkopf, als er am Dienstagabend bei der Online-Debatte der Agenda-Gruppe »Nachhaltige Mobilität« zur Oberbürgermeisterwahl vor einer Selbstblockade bei der Umsetzung der viel zitierten Verkehrswende warnte. »Wir müssen aufpassen, dass wir uns mit vielen Parallelprojekten nicht selbst lahmlegen«, sagte der SPD-Kandidat, als er zum Thema Regiotrambahn, deren Realisierbarkeit er mit einer Machbarkeitsstudie prüfen lassen würde, Stellung bezog. Generell sei die Verkehrspolitik in Gießen »an vielen Stellen ein bisschen zäh unterwegs«, befand Becher.

Aber man wird gehört, wenn man als Kandidat für das wichtigste Amt der Stadt Stellung bezieht zur Zukunft des Stadtverkehrs. Immerhin rund 50 Interessierte hatten sich eingeloggt, um der von Klaus Hass, dem Sprecher der Agenda-Gruppe, und Michael Bassemir vom städtischen Büro Bürgerbeteiligung moderierten Veranstaltung beizuwohnen.

Neben Becher diskutierten mit Alexander Wright (Grüne), Frederik Bouffier (CDU) und Marco Rasch (PARTEI) vier der fünf OB-Kandidaten. Einzelbewerber Thomas Dombrowski fehlte entschuldigt. Während knapp die erste Hälfte der rund zweistündigen Veranstaltung mit einem jeweils zehnminütigen Statement der Kandidaten verging, entwickelten sich später in der Diskussion mit den Zuhörern so etwas wie Kontroversen.

Verkehr in Gießen: Lange Baustelle schreckt vor Tiefgarage ab – Brandplatz als Treffpunkt für Menschen

Es brauchte freilich eine Frage aus dem Chat, bevor das Thema Brandplatz zur Sprache kam. Dabei schälte sich heraus, dass die von CDU-Bürgermeister Peter Neidel im Zuge des Projekts »Grüner Anlagenring« wieder ins Spiel gebrachte Tiefgarage wohl vom Tisch ist. Auch CDU-Kandidat Frederik Bouffier empfindet die Aussicht, dass über lange Zeit ein großes Baustellen-Loch am Brandplatz klafft, offenbar als nicht sonderlich attraktiv. Er brachte als Alternative, falls der Platz autofrei umgestaltet werden sollte, eine Aufstockung des Uniparkplatzes hinter dem Zeughaus ins Gespräch. Gleichzeitig sprach er sich gegen eine »ersatzlose Streichung« der 70 Parkplätze aus. »Die Erreichbarkeit für die Patienten der Arztpraxen und die Kunden der Geschäfte muss gewahrt bleiben«, sagte Bouffier.

Zuvor hatten Wright und Becher der Idee einer Tiefgarage eine Absage erteilt. »Da würde der Platz zwei Jahre lang gesperrt sein«, gab Wright zu bedenken und bekräftigte die Absicht der grün-rot-roten Stadtkoalition, den Brandplatz »als einen Treffpunkt für Menschen« umzugestalten. Becher wiederum würde es als »falsches Signal« erachten, eine Tiefgarage unter dem Brandplatz zu bauen. Der Pkw-Verkehr in der Innenstadt müsse reduziert werden und dürfe nicht noch angelockt werden.

Satire-Politiker Marco Rasch sagte, dass die »eigentliche Comedy« in Gießen die sei, dass Plätze wie der Brandplatz, der Lindenplatz, der Ludwigsplatz, der Marktplatz oder der Platz der Deutschen Einheit Verkehrsflächen ohne jede Aufenthaltsqualität seien.

Verkehr in Gießen: Wright will Radspur dauerhaft – Verkehrsentwicklungsplan fehlt

Nichts Neues gab es zum Verkehrsversuch auf dem Anlagenring mit separaten Rad- und Busspuren. Während Wright in seinem Eingangsstatement die Absicht der Grünen bekräftigte, eine »durchgängige Spur für den Radverkehr« auch dauerhaft zu schaffen, lehnte Bouffier Verkehrsversuche wie am Anlagenring oder auf der Philosophenstraße ab, solange der Verkehrsentwicklungsplan nicht vorliegt. Nur der könne die Grundlage für Veränderungen sein, nicht »irgendwelche Versuche«. Wright hielt Bouffier daraufhin vor, dass CDU-Bürgermeister Neidel den Verkehrsversuch in der Neustadt und Bahnhofstraße mit den Einbahnstraßen ohne Vorplanung einfach angeordnet habe. Becher sagte, der Versuch diene erst einmal der »Gewinnung von Erkenntnissen«. Es müsse im Stadtkern zu einer Neuverteilung des Verkehrsraums zugunsten von Fußgängern und Radfahrern kommen. Becher schlug vor, einen Fachbeirat einzurichten, der den Veränderungsprozess begleiten solle. Einen Beirat braucht Marco Rasch nicht: »Ich werde das Autofahren kategorisch verbieten.«

Einig waren sich alle vier Kandidaten, dass der ÖPNV zwischen Stadt, Umland und Region mit Direktverbindungen und kürzeren Takten besser verzahnt werden muss, um Berufspendlern, die derzeit noch das Auto nutzen, eine Alternative anzubieten. Die Zuständigkeit des Gießener Oberbürgermeisters für den Nahverkehr endet an der Stadtgrenze.

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