Bossa Nova mit der HR-Bigband im Stadttheater

Natürlich war die HR-Bigband nicht zum Unterrichten nach Gießen gekommen, und das Stadttheater ist keine Schule, aber viel erfahren – und das auch noch sehr genussvoll – konnte man schon bei der traditionellen Oktober-Stippvisite des öffentlich-rechtlichen Jazzorchesters in Mittelhessen.

Schließlich gab es ein äußerst informatives Programmheft mit Hintergründen zu Musik und Sprache Brasiliens, Porträts und Songtexten. Aber vor allem hatten Chefdirigent Jim McNeely und seine wie immer bestens eingespielten Mannen mit der Brasilianerin Luciana Souza eine höchst authentische Repräsentantin des seit 50 Jahren um die Welt gehenden Bossa Nova mitgebracht.

Die in São Paolo geborene, in New York lebende Sängerin wurde zwar erst einige Jahre nach Losbrechen der Bossa-Welle in den USA geboren, ist aber die Tochter zweier hochkarätiger Vertreter dieser Mischung aus Samba und Cool Jazz. Papa Walter Santos gehörte zum Umfeld von João Gilberto, die Mutter dichtete. Aus der elterlichen Feder stammte "Amanhã".

Die meisten Kompositionen – allesamt von McNeely mit Gefühl für Leichtigkeit arrangiert – stammten jedoch von Antonio Carlos Jobim (1927 in Rio de Janeiro geboren), dem Songschreiber des Bossa schlechthin.

Seinen größten Hit, "Girl from Ipanema", enthielt Souza dem Publikum zwar vor – vielleicht, weil er zu sehr mit der berühmten Version Astrud Gilbertos verbunden ist? Dennoch stand der Name Jobim hinter etwa der Hälfte der in Gießen gespielten Stücke.

Die wie ihre Instrumentalkollegen schwarz gekleidete Sängerin begann ihren vokalen Einsatz mit wortlosem Gesang, wie man ihn im Jazz als "Scatting" kennt – ein Stilmittel, das sie häufig einsetzte, meist unisono oder als zweite Stimme zu den Melodien der Bläser. Die Saxofonisten griffen häufiger als in "rein" jazzigem Umfeld zu den Flöten, so etwa in Jobims "Waters of March" (in Englisch), zu dem Rainer Heute ein Solo auf der Bassklarinette beisteuerte. Auch Jobims "Corcovado" (der Berg mit dem Christus hoch über Rio de Janeiro) gab es – in einer sehr gemütlichen Version.

Gitarrist Martin Scales legte mehrmals seine dickbäuchige Jazzgitarre zur Seite und wechselte an ein Modell mit Nylonsaiten, etwa in "Samba do avião", einer federleichten Hommage an das aus dem Flugzeug gesehene Rio. "Adeus América" mit kurz angespielter US-Nationalhymne illustrierte – passend zu Souzas Biografie – das Heimweh des Brasilianers in den USA. Auch durch das gefühlvolle Tenorsaxofonsolo von Andreas Maile, der anscheinend neu in der HR-Bigband ist, wurde das Stück zu einem Höhepunkt. Der zweite folgte kurz danach, als McNeely ans Klavier wechselte. "Retrato em branco e preto" begann mit einem langen Piano-Intro, bevor sich Souzas Stimme, sanfte Flöten, leises Blech und schließlich dezenter Beseneinsatz auf den Drums hinzugesellten.

Etwas jazziger, komplexer wurde es bei Souzas eigenem Lied "I shall wait" mit Bass-Solo (Thomas Heidepriem). Vokal sehr flexibel, gab sich die Sängerin auf der Bühne für eine Südamerikanerin eher wenig beweglich. Mit ein paar Anekdoten über brasilianischen Fußball und Ex-Liebhaber, die beim Tanz doch wieder zueinander finden, hatte sie das Publikum aber schnell für sich gewonnen.

Und es blieb ihr an diesem Abend bis zum Ende treu und brachte die Künstler mit Forderungen nach einer zweiten Zugabe sogar ein wenig in Bedrängnis. Axel Cordes

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