Borschtsch statt Bratwurst

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
    schließen

Oleg Ismagilow betreibt seit zwei Jahren das Bistro Moskau in der Weststadt. Der 33-Jährige ist als Kind mit seinen Eltern aus Kasachstan nach Deutschland gekommen. Auch wenn die Ankunft nicht leicht war, ist Deutschland längst seine Heimat geworden. Seine Wurzeln sind ihm dennoch wichtig - nicht nur in der Küche.

Russland ist der größte Staat der Welt. Mit 17,1 Millionen Quadratkilometern umfasst er rund ein Neuntel der Landmasse der Erde. Seit zwei Jahren hat das riesige Reich eine zusätzliche, 60 Quadratmeter kleine Enklave in der Gießener Weststadt. Oleg Ismagilow hat zwischen Gummiinsel und Christoph-Rübsamen-Steg das »Bistro Moskau« eröffnet. »Das war lange unser Traum. Wir wollten den Gießenern die russische Küche näherbringen.«

Ismagilow wurde 1988 in Kasachstan geboren. Zu jener Zeit gehörte das große Land zwischen Kaspischen Meer und Altai-Gebirge noch zur Sowjetunion. Ismagilows Vater war Geschäftsmann und importierte Waren, seine Mutter kümmerte sich als Krankenschwester um die kleinen Patienten auf der Kinderstation. »Allerdings war der Lebensstandard sehr schlecht«, sagt Ismagilow. »Mal wurden Gehälter gezahlt, mal nicht, und wenn kein Geld da war, wurden die Leute mit Zucker oder Kartoffeln bezahlt.« Da der Großvater zu jener Zeit bereits in Deutschland wohnte und obendrein wegen einer Krankheit Unterstützung benötigte, beschlossen die Ismagilows, ihr Glück in Deutschland zu suchen. Sie landeten im mittelhessischen Weilburg.

Für einen siebenjährigen Jungen ist ein Umzug nicht leicht, vor allem dann, wenn die neue Heimat in einem fremden Land liegt. Auch Ismagilow hatte Probleme, in Deutschland Fuß zu fassen. »Die erste Zeit war schwer. Vor allem, weil ich die Sprache und die Gegebenheiten nicht kannte.« Doch die Anlaufschwierigkeiten waren nur von kurzer Dauer. »Kinder passen sich eben sehr schnell an«, sagt er. Ismagilow hatte so schnell Deutsch gelernt, dass er vorzeitig von der ersten in die zweite Klasse versetzt wurde. Wenn der 33-Jährige heute spricht, hört man nicht, dass er aus Russland stammt - dass er in Mittelhessen aufgewachsen ist, hingegen schon.

Nach seinem Realschulabschluss machte Ismagilow noch sein Fachabitur, bevor er sich an der THM in Gießen für den Studiengang Betriebswirtschaftslehre einschrieb. »Ich war von Gießen gleich angetan«, sagt er. »Vor allem die Infrastruktur hat mich beeindruckt.« Trotzdem blieb er seiner Heimat Weilburg treu - auch nach dem Studium. »Mein Vater hatte nach seiner Ankunft in Deutschland ein Autohaus samt Werkstatt aufgebaut. Dort habe ich nach dem Studium erst einmal angefangen zu arbeiten.«

Doch die wirtschaftliche Situation bereitete dem Vater-Sohn-Gespann Sorge. »Die gesetzlichen Auflagen wurden immer größer, und die Kosten stiegen. Für einen Kleinbetrieb war die Situation irgendwann nicht mehr rentabel.« Und so reifte der Entschluss, das Autohaus zu verkaufen - und einen Neustart in der Gastronomie zu wagen. Dafür nahmen die Vater und Sohn auch einen Rollentausch vor: Nachdem Ismagilow im Autohaus Angestellter seines Vaters war, ist nun er der Chef. »Mein Papa ist aber nur auf dem Papier mein Angestellter. Wir machen das zusammen. Ich profitiere sehr von seiner langen Erfahrung in Sachen Selbstständigkeit.« Und auch die Mutter ist mit im Boot. Schließlich hat sie die Familie schon seit jeher mit der Küche ihres Heimatlandes versorgt.

Seit Mai 2019 können die Gießener im »Bistro Moskau« Schaschlik, Blini, Borschtsch und viele weitere russische Spezialitäten essen. »Zu unserer Eröffnung sind sogar Russen gekommen, die in Wolfsburg wohnen«, erzählt Ismagilow. Auch viele russischstämmige Gießener würden regelmäßig in das kleine Restaurant einkehren, in dem zuvor das »Octopus« anzutreffen war. Allerdings würde die Zahl der deutschen Gäste bei weitem überwiegen, sagt Ismagilow. »Russen haben eine andere Essenskultur. Sie gehen seltener ins Restaurant, und wenn, dann wollen sie lieber etwas essen, dass nicht die ganze Woche zu Hause serviert wird.«

Mit dem Standort in der Weststadt ist Ismagilow sehr zufrieden. »Die Miete ist nicht zu hoch, und außerdem kommen viele Menschen über den Fahrradweg zu uns.« Außer in den vergangenen Monaten. Da blieb die Küche meistens kalt.

Corona hat die Familie Ismagilow hart getroffen. »Im Winter haben wir ohnehin weniger Kunden. Wir haben einen großen Biergarten, dafür aber drinnen weniger Plätze.« Als diese schwierige Zeit gerade überwunden war, kam der Lockdown. Und dann der zweite. Ismagilow ist noch immer sauer, wenn er daran denkt. »Es hieß immer, der Lockdown dauert nur zwei Wochen. Dann wurde er verlängert und wieder verlängert. Die Verantwortlichen hätten gleich für einen längeren Zeitraum dichtmachen sollen, dann hätte ich mir andere Arbeit suchen können«, sagt Ismagilow und fügt hinzu: »Gottseidank haben wir diese schwere Zeit überlebt.« Dafür sind die finanziellen Reserven, die die Familie über Jahre angespart hat, aufgebraucht.

Wenn der 33-Jährige nicht gerade am Herd oder hinter dem Zapfhahn seines Bistros steht, ist er am Fußballplatz anzutreffen. Zusammen mit Freunden, die ebenfalls Wurzeln in der einstigen Sowjetunion haben, hat er vor 13 Jahren einen eigenen Fußballverein gegründet, den FC Rubin. Ismagilow engagiert sich auch im Vorstand. »In das Bistro und in den Fußball fließt mein ganzes Herzblut«, sagt er. Inzwischen sei das Team zu einer Multikulti-Truppe geworden mit Spielern auch aus Deutschland, Türkei, Kamerun und Frankreich. Trotzdem überwiegt die Zahl der russisch- bzw. kasachischstämmigen Männer. Ismagilow war nach seiner Ausreise lediglich einmal in Kasachstan, Verwandte hat er dort inzwischen keine mehr. »Trotzdem fühle ich mich der Kultur noch immer sehr verbunden.«

Den kulinarischen Aspekt will er seinen deutschen Landsleuten näher bringen. Ismagilow lacht bei den Gedanken: »Es muss ja nicht immer Bratwurst oder Döner sein.«

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare