Während der Kundgebung bilden die Teilnehmer auch ein Friedenszeichen aus Teelichtern.
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Während der Kundgebung bilden die Teilnehmer auch ein Friedenszeichen aus Teelichtern.

Gedenktag

Katharinenplatz in Gießen: »Die Bombe fiel aus heiterem Himmel«

  • vonChristian Schneebeck
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Eine Kundgebung am Katharinenplatz in Gießen hat an den Atomangriff auf Hiroshima und Nagasaki vor 75 Jahren erinnert. Der Platz soll nun umbenannt werden.

Gießen - Kinder verbrennen in der Schule. Eine Mutter stirbt mit ihrem Baby am Küchentisch. Der junge Mann verdampft auf dem Weg zur Arbeit. Es ist der 6. August 1945, kurz nach 8 Uhr, als die US-Atombombe bei heiterem Sommerwetter über der japanischen Stadt Hiroshima explodiert. 75 Jahre und ein paar Stunden später erinnerte das Friedensnetzwerk Gießen am Donnerstag auf dem Katharinenplatz an dieses nukleare Inferno.

Nichts hob die Katastrophe dabei eindringlicher in das Bewusstsein der etwa 30 Zuhörer als die Lesung von Zeitzeugenberichten. Was sie mit der Gegenwart zu tun haben, erklärte unter anderem Klaus Zecher. Der DGB-Kreisvorsitzende sah einen »nuklearen Rüstungswettlauf« in vollem Gange. Und er diagnostizierte den »internationalen Abgesang auf eine Politik des Abrüstens«.

Wie ein roter Faden zog sich solche Kritik an nationaler und supranationaler Verteidigungspolitik durch alle Redebeiträge. Netzwerk-Sprecherin Martina Lennartz (DKP) münzte sie besonders auf die Atompolitik der Bundesregierung: Das »Verbrechen gegen die Menschheit« vor einem Dreivierteljahrhundert zeige, wohin »atomare Teilhabe« im Zweifel führe.

Katharinenplatz in Gießen: Weltpolitische Lage spitzte sich weiter zu

Ungeachtet dessen seien 20 einsatzbereite US-Atombomben bis heute im rheinland-pfälzischen Büchel stationiert. Die weltpolitische Lage spitze sich aber immer weiter zu. Lennartz sprach von »Aggressionen der USA und der NATO gegenüber Russland und China«, die »sehr einseitig« seien. Und sie forderte den Abzug aller Atomwaffen aus Deutschland sowie den Austritt aus der NATO.

Genau wie Lennartz brandmarkte auch Burkhard Staude (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges) vor allem die Positionen der Bundesregierung. Als Beispiel diente ihm der Umgang mit dem UN-Atomwaffenverbotsvertrag: Er wurde im Juli 2017 durch die Vereinten Nationen angenommen, bisher aber von weniger als den mindestens notwendigen 50 Mitgliedern ratifiziert. Auch Deutschland ist noch nicht beigetreten. Statt völkerrechtlich verbindliche Abrüstung zu forcieren, drehe die Politik also auch hierzulande lieber die »Aufrüstungsspirale«, sagte Staude.

Zecher konfrontierte steigende Rüstungsausgaben mit den Lücken in Sozial- und Gesundheitssystemen. Auf der einen Seite würden global »Unsummen« investiert - und auf der anderen reiche das Geld vielerorts nicht, um eine Pandemie zu bekämpfen. »Hier passt etwas nicht!«, schimpfte er. Was tun? Das Zwei-Prozent-Ziel der NATO müsse in Zukunft zum Beispiel ganz anders gedacht werden, schlug der Gewerkschafter vor. Statt dass jedes Land zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung investiere, müssten alle die Ausgaben drastisch kürzen: »Minus zwei Prozent statt zwei Prozent!«

Katharinenplatz in Gießen: Platz wird kurz umbenannt

Weitere Reden kamen von Francesco Aman (Die Linke), Lara Herrlich (SDS) und Asis Hassan (SDAJ).

Ein politisches Symbol durfte auch nicht fehlen. So benannten die Demonstranten den Katharinenplatz um in »Hiroshimaplatz«. Ein entsprechender Vorstoß der DKP und der Jusos sei 1988 vom Gießener Magistrat abgelehnt worden, sagte Lennartz. Jetzt werde man den Antrag auf Umbenennung des Platzes wieder im Parlament einbringen, so die Linken-Stadtverordnete.

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