seg_landgericht6_250921_4c
+
Im Prozess vor dem Landgericht werden Fotos gezeigt, die aus einem Horrorfilm stammen könnten.

Blut auf dem Betonboden

  • VonSebastian Schmidt
    schließen

Gießen (seg). Der 33-jährige Angeklagte hatte 2019 zuerst versucht, mit einer versteckten Kamera den Intimbereich seine Arbeitskollegin zu filmen. Wenige Wochen später im Juli versuchte er dann, die heute 57-Jährige zu vergewaltigen. Beide Taten gelangen ihm aber nicht. Denn die Frau hatte die Kamera entdeckt, und sie wehrte sich erfolgreich gegen den Angriff.

Am ersten Verhandlungstag vor dem Landgericht hatte der Angeklagte ein vollumfängliches Geständnis abgelegt, am zweiten Verhandlungstag am Freitag wurden nun Fotos des Tatorts gezeigt, ein psychologisches Gutachten des Täters vorgetragen und die Plädoyers verlesen. Sowohl Staatsanwältin, Nebenklägerin und Anwalt sahen mildernde Umstände.

Dabei könnten die Tatortfotos aus einem Horror-Film stammen: Ein Betonboden mit Blutspritzern des Opfers. Mehrere Stahltüren, die aussehen, als könnte kein Hilfe-Schrei nach außen dringen. Silberne Schwerlastregale, die Reihe um Reihe mit Aktenordnern gefüllt sind. Und zwischen zwei Reihen: Malervlies auf dem Boden. Vom Täter dort angebracht. Dann zeigt ein Foto ein Messer mit einer langen Klinge. Nicht gezeigt, nur von der Staatsanwältin erwähnt, werden noch eine Plastikpistole und Kondome.

Massive Gegenwehr des Opfers

Der Angeklagte hatte den Tatort in einem Gießener Bürogebäude am Morgen präpariert und dann seine Kollegin unter einem Vorwand in den Keller gelockt. Dort bedrohte der Mann sein Opfer. Er wollte Sex. Doch die 57-Jährige wehrte sich und konnte sich befreien. Dabei schlug der Angeklagte mit der Pistole zu. Der 33-Jährige alarmierte schließlich selbst die Polizei.

Der psychiatrische Sachverständige Rolf Speier spricht von einer »Röhre«, in der der Täter gesteckt habe. Mit der massiven Gegenwehr der Frau habe er nicht gerechnet. Der Angeklagte habe vielmehr gedacht, er könnte auf diese Weise nicht nur Sex, sondern auch längerfristig eine romantische Beziehung zu dem Opfer aufbauen. Dem Täter attestiert der Gutachter dabei eine »schwere Persönlichkeitsfehlentwicklung«. Fehlschläge die vielen Menschen passieren - eine nicht bestandene Führerscheinprüfung, eine Absage von einer Frau - hatte der Angeklagte so geschildert, »als wären sie erst gestern geschehen.« Der Mann habe keine Freunde und sei »ganz extrem unsicher«. Zum Gutachter hätte der Täter selbst gesagt, er hatte den Wunsch nach sexueller Nähe, aber war in Wirklichkeit vollkommen isoliert. Dann hatte sich der Angeklagte in eine Sehnsucht zu seiner deutlich älteren Kollegin hineingesteigert. Der Angeklagte befindet sich jetzt in psychologischer Behandlung, und Speier schätzt es als »sehr unwahrscheinlich« ein, dass der Mann noch einmal so eine Tat verübt.

In den Plädoyers lassen Staatsanwältin, Nebenklägerin und der Anwalt des Angeklagten die Tat noch einmal Revue passieren. Während der Ablauf fast gleich geschildert wird, gibt es doch eine unterschiedliche Bewertung. Die Nebenklägerin folgt in weiten Teilen der Staatsanwältin. Die berücksichtigt strafmildernd, dass es beim Versuch der Vergewaltigung geblieben ist. Auch der psychische Zustand des Angeklagten wirke sich strafmildernd aus. Die Staatsanwältin forderte schließlich als Strafe für das Anbringen der Kamera 60 Tagessätze zu je 60 Euro und für die versuchte Vergewaltigung und den Schlag drei Jahre und vier Monate Haft. Der Anwalt will die Tat nur als minderschweren Fall einordnen und fordert zwei Jahre auf Bewährung. Das Urteil soll am Montag folgen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare