Konzert im Knast

Blues hinter Gittern

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Vor 50 Jahren spielte Johnny Cash sein legendäres Konzert im Knast von San Quentin. Auch in der JVA Gießen finden regelmäßig Konzerte und Theateraufführungen statt – aus gutem Grund.

Der Mann in Schwarz hält im Knast seine Gitarre wie ein Gewehr. Er schwingt sie hin und her, dazu lässt er seine tiefe Stimme herumschnarren, mit der er von Verbrechen, Gewalt und Gefangenschaft singt. Zwischenrufe und Kommentare der Zuhörer begleiten jede einzelne Strophe. Die Konzertbesucher sind nicht irgendwelche, sondern Insassen der kalifornischen Haftanstalt San Quentin. Und der Mann, der am 24. Februar 1969 vor ihnen spielt, ist Johnny Cash. Bereits das vierte Mal tritt der Man in Black in dem lange Zeit als brutalster Knast in Kalifornien bezeichneten Gefängnis auf. Doch erst dieser Auftritt bedeutet den internationalen Durchbruch des Musikers.

Kultur im Knast – das ist heute auch in Gießen nichts Ungewöhnliches. Wobei sich Peter Gebhard über einen Auftritt eines Kalibers wie Johnny Cash freuen würde. Gebhard ist Sozialarbeiter in der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Gießen und organisiert Konzerte, Theateraufführungen und Filmvorführungen für die Gefangenen. In Zusammenarbeit mit dem Verein zur Förderung der Bewährungshilfe Hessen mit Sitz in Frankfurt bringt Gebhard Kultur zu Menschen, die selbst nicht zur Kultur kommen können. Weil sie im Gefängnis sitzen.

Kultur kann Horizont erweitern

Die Bandbreite der Veranstaltungen, sagt Gebhard, sei groß. Mehrere Minuten lang zählt er die Bands und Gruppen auf, die in der JVA Gießen bisher aufgetreten sind. Im vergangenen Jahr waren zum Beispiel die Bluesrocker von Imperial Crown zu Gast. Am Tag zuvor trat die Band aus Los Angeles noch im Franzis in Wetzlar auf. Generell scheinen Blues und Rock die bevorzugte Musik der Insassen zu sein: Der Rock-Blues-Gitarrist Larry Miller spielte in Gießen, ebenso die Wetzlarer Red Bananas Blues Band und die finnische Gitarristin Eira Lyytinen. Das Stadttheater Gießen führte in der JVA Gießen unter anderem das Stück "Das Herz eines Boxers" auf; gezeigt wurde außerdem "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran", ein Theaterstück des französischen Schriftstellers Éric-Emmanuel Schmitt. Auch das heimische – nicht mehr aktive – Duo Confusi jonglierte für die Insassen.

So wie Gebhard die Liste der Künstler abarbeitet, merkt man, wie viel Herzblut hinter der Organisation der Veranstaltungen steckt. "Strafvollzug", sagt der Sozialarbeiter, "ist eben nicht nur Verwahrung, sondern auch Beratung und Betreuung." Kultur könne den Horizont erweitern und dabei helfen, sich selbst zu hinterfragen, sagt Gebhard. Denn Straftäter bestraften sich mit ihrer Tat auch selbst – indem sie vom alltäglichen Leben "da draußen" abgeschnitten sind. Stattdessen müssen sie in einer Welt leben, in der alles reglementiert ist. Die Verwandten anrufen ist dann nicht mehr so einfach möglich; dafür braucht es einen Antrag.

Belohnung für gute Führung

Die Konzerte und Aufführungen finden – genauso wie Gottesdienste oder Weihnachtsfeiern – im Mehrzweckraum der JVA Gießen statt. Dort haben bis zu 45 Insassen Platz. Generell, sagt Gebhard, dürfe jeder Gefangene eine Kulturveranstaltung besuchen – egal, wegen welcher Straftat er hinter Gittern sitzt. Wer teilnehmen will, meldet sich bei Gebhard. "Wir müssen dann bewerten, wie sich der Insasse zuvor verhalten hat, ob es wegen bestimmter Konstellationen unter den Häftlingen zu Konflikten kommen kann." Deswegen sei die Teilnahme an den Kulturangeboten durchaus auch eine Belohnung für gute Führung.

Mit dabei ist immer ein Mitarbeiter der JVA, der Erfahrung mit Kultur hinter Gittern hat, Gebhard selbst und einzelne Justizangestellte. "Die Insassen merken in solchen Momenten, dass auch wir ganz normale Menschen sind", sagt der Sozialarbeiter. "Denn sonst erleben sie uns in einer anderen Rolle und meist hinter unseren Schreibtischen."

Gerade für Gebhard kann ein Konzert oder ein Theaterstück ein Türöffner sein. "Ein Häftling hat mir mal gesagt, die Veranstaltung sei Balsam für seine Seele gewesen." So komme er mit ihnen ins Gespräch – zum Beispiel über die Frage, was das Leben eigentlich ausmacht. "Und was man Schönes erleben kann, wenn man im Leben die richtigen Entscheidungen trifft."

Zusatzinfo

Wider der Eintönigkeit

Inhaftierten Menschen ein kulturelles Erlebnis zu ermöglichen: dies ist das Ziel von "Theater hinter Gittern", dem Projekt des Vereins zur Förderung der Bewährungshilfe in Hessen. Der Alltag im Gefängnis ist gleichförmig und für Gefangene komplett fremdbestimmt. Er bietet wenig Reize; Langeweile und Beschäftigungslosigkeit sind allgegenwärtig. Der Verein will mit seinen Angeboten dem entgegenwirken.

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