Leuchtweste, eine Mütze mit Blinden-Symbol sowie einige Spezialhilfsmittel: So erobert sich Günter Dölp auf eigene Faust neues Terrain. "Sonst würde mir langweilig", sagt der 85-Jährige. FOTO: SCHEPP
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Leuchtweste, eine Mütze mit Blinden-Symbol sowie einige Spezialhilfsmittel: So erobert sich Günter Dölp auf eigene Faust neues Terrain. "Sonst würde mir langweilig", sagt der 85-Jährige. FOTO: SCHEPP

Blindheit als Herausforderung

  • vonOliver Schepp
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Erst seit vier Jahren ist Günter Dölp (85) blind. Beherzt arrangiert er sich mit der Behinderung und erkundet sein neues Zuhause in Gießen. Gute Beratung und sein Wissen über die alten Griechen haben ihm geholfen. Nur eines bereut der Senior.

Fotografieren. Wohnwagen-Reiserouten vorbereiten. Rad fahren. So verbrachte Günter Dölp am liebsten seine Freizeit. Diese Hobbys haben eines gemeinsam: Man braucht die Augen dafür. "Ja, ich vermisse das alles", sagt der ehemalige Schulleiter im GAZ-Gespräch, "aber es hilft ja nichts." Seit gut vier Jahren ist der 85-Jährige blind.

Dölp hatte als Zehnjähriger beim Holzhacken ein Auge verloren. "Aber das habe ich nie als Manko empfunden." Im Sommerurlaub 2015 in Südfrankreich nahm der damals 80-Jährige plötzlich eine durchgezogene Linie als gestrichelt wahr, Gänseblümchen erschienen ihm blau.

Die Dölps brachen ihre Reise ab und kehrten in ihren damaligen Wohnort Wiesbaden zurück. In der Augenklinik erfuhr der Altphilologe: Er hatte einen zentralen Venenverschluss erlitten, eine Art Thrombose im Auge. Zunächst behielt er fünf Prozent Sehvermögen und hoffte, zu den 20 Prozent der Betroffenen zu gehören, denen dieser Status erhalten bleibt. Doch seit dem Frühjahr 2016 ist er vollständig blind.

Günter Dölp erzählt davon in nüchternem Ton. Hat er nie mit seinem Schicksal gehadert? Er hält inne. Vielleicht gab es Momente. "Aber ich bin nie ganz abgestürzt. Das hätte ja keinen Sinn gehabt. Es gab immer neue Herausforderungen." Zum Beispiel: Weiterhin seine Ehefrau zu Veranstaltungen begleiten. Bus fahren unter erschwerten Bedingungen. Hilfsmittel für den Computer nutzen lernen, dann nach der Erblindung den Umgang mit Langstock und Spezialgeräten.

Seine Frau bekam ebenfalls gesundheitliche Probleme und ist mittlerweile kaum noch mobil. Im vergangenen Herbst sind die Dölps nach Gießen gezogen, weil ihr Sohn mit seiner Familie hier lebt. Im behindertengerecht ausgestatteten Albert-Osswald-Haus der Arbeiterwohlfahrt ist das Leben für beide einfacher.

Gießen habe auch sonst einiges zu bieten, sagt der 85-Jährige. Bei den "regen Stammtischen" des Blinden- und Sehbehindertenbunds sei er "sehr freundlich aufgenommen" worden. Die günstigen Minicars kenne er aus Wiesbaden nicht. Unternehmungen, zu denen er damit fahren könn-te, habe die Corona-Krise schmerzlich ausgebremst.

Doch unverdrossen erobert Dölp neues Terrain. Spaziergänge im nahen Philosophenwald unternimmt er allein, "kostümiert" mit Leuchtweste und Mütze. Sein Ultraschallgerät, das "mit Fledermaus-Technik" funktioniert, warnt ihn vor Hindernissen. Der lernbegierige Senior stellt interessiert fest, dass auch in seinem Alter die anderen Sinne sensibler werden: Er hört am eigenen Schritt eine leichte Steigung des Wegs, eine Ecke des Waldes riecht nach "Autolackiererei oder so etwas".

Dölp freut sich, dass andere Spaziergänger ihn zunehmend grüßen. Freundliche Hilfsangebote weiß er zu schätzen, lehnt sie aber in der Regel ab. "Ich suche lieber selbst so lange, bis ich den Weg finde, den ich mir vorgenommen habe. Sonst würde mir langweilig."

Der geistig hellwache 85-Jährige hört viel Radio. Über die Blindenstudienanstalt Marburg bezieht er Hörbücher und Lesetipps. Auch körperlich hält er sich fit und steigt dreimal täglich die Treppen durch sämtliche Stockwerke.

Leuchtweste und Fledermaus-Technik

Was hat ihm geholfen, sich derart beherzt auf seine Lage einzustellen? Wieder denkt Dölp nach. "Ich habe ja Latein und Altgriechisch studiert." Gerade die pessimistischen alten Griechen hätten ihm die Erkenntnis vermittelt, dass "das dicke Ende" jederzeit kommen könnte. "Die ersten 80 Jahre habe ich genossen. Tempi passati, es ist vorbei. Was soll man machen."

Wertvoll sei vor allem gewesen, dass er früh Beratung gesucht habe. Anderen Betroffenen würde er dasselbe empfehlen (Details im Kasten). Weitere Ratschläge: Die körperliche und geistige Beweglichkeit trainieren. Und: "Ich bereue, dass ich nie das Tippen im Zehn-Finger-System gelernt habe. Dazu kann ich nur jedem raten, der ab und zu schreibt und zum Beispiel an Makula-Degeneration leidet."

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