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Versuche mit leuchtenden Stoffen gehören auch zur Weihnachtsvorlesung. FOTO: CSK

Blau ist das neue Grau

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Gießen(csk). Nur rauchen darf diesmal ausnahmsweise nichts. Aus Sicherheitsgründen, so heißt es. Für echte Chemiker muss das eine bittere Nachricht sein. Die Professoren Siegfried Schindler und Richard Göttlich machen aber das Beste daraus. Das meint in diesem Fall: Sie kreieren etwas Kunterbuntes. "Alles so schön bunt hier - Chemie der Farben" lautet das Thema ihrer Weihnachtsvorlesung am Donnerstagabend. Dabei versprechen sie phasenweise das Blaue vom Himmel, während die Gäste im rappelvollen Hörsaal mehr als nur ein blaues Wunder erleben. Blau ist sozusagen das neue Grau - und der fehlende Rauch ganz schnell vergessen.

Los geht’s beim Indigo, jenem Stoff, der schon unzähligen Jeans ihren Style gab, und so manchem Hit den Namen. Zwischen Formeln, Versuchen und historischen Kontexten kommt deshalb auch die Band "Watershed" zu Wort: "You’re my little Indigo Girl." Ja, was wäre die Welt eigentlich ohne Blau?

Dass Schindler eine Vorliebe für die himmlischste aller Farben hegt, ist bereits nach wenigen Minuten klar. Göttlich scheint nicht recht überzeugt, erkennt jedoch das metaphorische Potenzial. "Ich wollte heute eigentlich blaumachen", erklärt er und unterstellt dem Kollegen kurzerhand: "Du bist natürlich vor allem gerne blau."

Bunter Sekt zur Belohnung

Mit den richtigen Substanzen kommen beide auch arbeitend zu ihrem Recht. Göttlich und vier Studenten färben wie von Geisterhand fünf Wassergläser blau, Schindler macht sich derweil am Alkohol zu schaffen. Freilich bloß als Kellner: Denn jeder, der hier eine Fachfrage richtig beantwortet, erhält zur Belohnung ein Glas bunten Sekt. Kann man trinken - obwohl es komisch aussieht. Über Pigmentfarbstoffe, das Berliner Blau und die Cyanotypografie führt die Vorlesung bis hin zur Chemilumineszenz. Unterwegs ist für jeden etwas dabei. Sogar für Kunstliebhaber.

Blau sei nicht zuletzt deshalb so beliebt, weil es lange schwer verfügbar gewesen sei, erzählt Schindler. Aus Lapislazuli gewonnen, habe sich das Ultramarin kaum jemand leisten können, weder für Kleidung noch für die Kunst. Dank chemischer Massenproduktion gab es seit Anfang des 18. Jahrhunderts dann genügend blau für alle. Folglich wissen versierte Chemiker genau: Erst um 1710 wird die Kunst so richtig blau. Ähnlich überraschend wie diese interdisziplinäre Querverbindung ist die Nachricht, dass blaues Blut tatsächlich existiert.

Grüner Ketchup zu sehen

Man findet es auf keinen Fall beim Adel und zumindest nicht primär in der Kunst - sondern naturgemäß eher in Pfeilschwanzkrebsen und Vogelspinnen. Der einschlägige Videoclip zeigt Schindler, dem ein besonders tarantelartiges Vieh langsam über seinen Hut krabbelt. Mutprobe für Blutprobe, im Dienste der Wissenschaft. Pyrotechnisch lassen sich Blautöne übrigens relativ schwer erzeugen, darum sind sie in Feuerwerken eher selten. Pyroklastrisch entsteht das Blaue quasi von selbst, zum Beispiel als mit Sauerstoff reagierende Schwefel-Lava im indonesischen Vulkan Kawah Ijen.

Zu hundert Prozent blau bleibt die Weihnachtsvorlesung dann doch nicht. Grüner Ketchup gehört auch dazu, leuchtende Stoffe sorgen für "Ohs" und "Ahs" und ein Professoren-Kampf mit Laserschwertern für ein beliebtes Fotomotiv. Ob der Ausfall der "Windows"-gesteuerten Rauchmelder den Einsatz von Qualm nun verhindern musste, wie Göttlich den Zuhörern zu Beginn mitteilt, oder ob solch ein Sicherheitsvorfall ihn doch eher hätte befeuern sollen, bleibt unklar. Ist auch egal. Denn dichter Nebel sieht ja aus wie Rauch. Und den produzieren die beiden Professoren mit ihrem Schlussversuch. Das Wasser spritzt jetzt bis in die erste Reihe. Es ist aber zum Glück angenehm warm.

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