Diese auf dem Schiffenberg eher etwas versteckt gelegene Stelle hat Hugo von Ritgen in seinem Aquarell festgehalten. FOTO: PM
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Diese auf dem Schiffenberg eher etwas versteckt gelegene Stelle hat Hugo von Ritgen in seinem Aquarell festgehalten. FOTO: PM

Ein Blatt vom "kostbaren Pariser"

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Ein Schiffenberg-Aquarell aus der Sammlung des Oberhessischen Museums erinnert an den Gießener Baumeister und Maler Hugo von Ritgen.

Die Gießener lieben ihren Schiffenberg. Zu allen Jahreszeiten lockt die reizvolle Landschaft rund um das mittelalterliche Kloster die Menschen an. Vor allem an den Wochenenden und Feiertagen strömen die Erholungsuchenden herbei, um vom Alltag in der Stadt abzuschalten. Dann bieten sich ihnen im Wald allerlei Möglichkeiten zu ausgedehnten Spaziergängen und sportlicher Betätigung, während der malerische Innenhof des Klosters bei einer Rast zu Entspannung und besinnlicher Einkehr einlädt.

Museum hütet den Ritgen-Nachlass

Schon in früheren Zeiten muss der Schiffenberg ein beliebtes Ausflugsziel gewesen sein, wie ein Aquarell von Hugo von Ritgen (1811 bis 1889) aus der Sammlung des Oberhessischen Museums nahelegt. Der berühmte Baumeister, Restaurator und Maler war als Dreijähriger nach Gießen gekommen und hatte der Stadt zeitlebens die Treue gehalten - obwohl den später außerordentlich umtriebigen, fleißigen und erfolgreichen Mann Berufungen aus Braunschweig, Weimar und Darmstadt erreichten. Er lehnte sie alle ab und blieb in Gießen. Auf seinem Blatt "Schiffenberg bei Gießen, Terrasse" führt er uns zu einem idyllischen Fleckchen auf dem Hausberg seiner Heimatstadt, vielleicht sogar zu seinem Lieblingsplatz. Das Bild gehört zu einer ansehnlichen Sammlung von Zeichnungen und Aquarellen, über die das Museum als Hüter des Ritgen-Nachlasses verfügt.

Bei einem vielseitig begabten Künstler wie Ritgen, der sich hauptsächlich als Restaurator der Wartburg einen Namen gemacht hat, muss es nicht weiter verwundern, dass sein besonderes Augenmerk der Architektur galt. Burgen, Schlösser und Ruinen beherrschen als Motive seine Blätter, die ihm nicht selten als Studien zur Wiederherstellung der alten Gemäuer dienten.

Mit akribischem Kennerblick hielt er die Burgen an Lahn, Rhein, Main, Mosel, Tauber und Saale in luftig-duftigen Aquarellen fest, doch diese Bilder sind weit mehr als nur malerisch erfasste Baukunst, sondern strahlen - trotz betont nüchterner Darstellung - natürliche Frische und atmosphärische Stimmung aus. Von der Wartburg gibt es etwa etliche zauberhafte Ansichten, die allesamt belegen, wie meisterhaft der Baufachmann mit dem Pinsel umzugehen verstand und wie sorgfältig er sich auf die Restaurierungsarbeit vorbereitete.

Das in Ocker-, Grau- und Grüntönen gehaltene Schiffenberg-Bild zeigt einen Ausschnitt vor der Klostermauer mit einer steinernen Sitzgruppe im Mittelpunkt. Auf der linken Seite schweift der Blick in die Ferne, wo sich Vetzberg und Gleiberg schemenhaft abzeichnen. Als Gegengewicht dazu drängt sich auf der rechten Seite der wuchtige Torbogen ins Bild, der in den nicht sichtbaren Innenhof führt. Ein der klassisch-idealistischen Malweise verpflichteter Künstler hätte das Bild womöglich mit Bäumen und Blattwerk an den Seiten eingerahmt Hier aber versperrt ein imposanter Baum den Weitblick. Anders auch als bei einem Romantiker wie Caspar David Friedrich, der seine Malerei mit symbolischem Gehalt auflud, finden wir bei Hugo von Ritgen eine nüchterne, fast sachliche Sichtweise, die sich ganz auf die darzustellende Wirklichkeit konzentriert. Diesem Ziel der getreuen Wiedergabe ist alles ungeordnet.

Vater Miterfinder der Geburtszange

Der im westfälischen Stadtberge geborene Hugo von Ritgen wuchs in Gießen als Sohn des Gynäkologen Ferdinand von Ritgen auf, der 1814 einen Ruf als Medizinprofessor an die Gießener Universität erhielt. Er ging als einer der Erfinder der Geburtszange in die Medizingeschichte ein und war Begründer einer der ersten Geburtshelferschulen in Deutschland. Sein Sohn Hugo machte als Architekt, Denkmalpfleger und Maler Karriere und war Professor für Kunstgeschichte. Als er 1889 starb, hatte er über ein halbes Jahrhundert gelehrt. Nach seinen Plänen entstanden in Gießen viele Häuser. Neben der Restaurierung der Wartburg leitete er in unserer Region die Renovierungs- und Sicherungsarbeiten im Kloster Arnsburg, im Laubacher und Braunfelser Schloss, auf Burg Gleiberg und Burg Staufenberg.

Bei alledem fiel der Baumeister durch seine elegante Erscheinung auf. Sorgfältig gekleidet mit hohem Hut, kurzem Überzieher, Lackschuhen und Nadelschirm unterm Arm ist er Mitmenschen als modebewusster Mann in Erinnerung geblieben, die ihn wegen seiner pariserischen Mode auch den "kostbaren Pariser" nannten.

Wegen der Corona-Beschränkungen bleibt das Oberhessische Museum im Alten Schloss vorerst geschlossen.

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