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Vandalismus

Bismarckturm in Gießen »politisch« beschmiert - Zusammenhang mit weiterer Aktion?

  • Burkhard Möller
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Ins Visier von mutmaßlich linken Aktivisten ist Reichskanzler Otto von Bismarck geraten. Der nach ihm benannte Turm in Gießen wurde mit Farbe beschmiert,

Gießen - So lange ich Reichskanzler bin, treiben wir keine Kolonialpolitik.« Diesen Satz soll Reichskanzler Otto von Birmarck 1881 gesagt haben. Vier Jahre später war das Deutsche Reich Kolonialmacht, wenngleich eine kleine mit sogenannten »Schutzgebieten« in Afrika, China und der Südsee. Der »Eiserne Kanzler« wollte aus pragmatischen Gründen eigentlich keine überseeischen Besitzungen und wurde doch zum Kolonialpolitiker. Als deutsche Besatzungstruppen zwischen 1904 und 1908 in Südwestafrika den Völkermord an den Herero und Nama begingen, war Bismarck schon sechs Jahre tot.

Bismarcks eher distanzierte Haltung zum Kolonialismus hat Antirassismus-Aktivisten bundesweit freilich nicht daran gehindert, den preußischen Adligen in den letzten Wochen zur Hassfigur zu erklären. In vielen Orten wurden Denkmäler und die Türme, die nach ihm benannt sind, mit Farbe beschmiert.

Bismarckturm Gießen: Täter sprechen von »Verschönerung«

Vor etwa zwei Wochen soll das auch in Gießen passiert sein, wovon ein gelber und ein roter Farbfleck auf der Vorderseite des Bismarckturms zeugen. Dr. Bernhard Höpfner vom Förderverein, der das Kulturdenkmal vor etwa zehn Jahren vor dem Verfall rettete und den Turm auf der Hardt begehbar machte, bestätigte die Sachbeschädigung gegenüber der GAZ. »Die Kriminalpolizei hat mich auch schon kontaktiert und vermutet einen politischen Hintergrund«, sagte der langjährige ehrenamtliche Stadtrat. Diese Vermutung stütze die Polizei unter anderem auf einen Fund im Internet. Dort hätten sich die Täter dazu bekannt, den Bismarckturm »verschönert« zu haben, erklärte Höpfner.

Mit Vandalismusschäden habe sich der Förderverein schon konfrontiert gesehen, politische Motive haben seiner Einschätzung nach aber dabei bislang keine Rolle gespielt. Das Problem beim aktuellen Vorgang sei die Beseitigung der Farbe. »Das geht nur mit Sandstrahl, aber dabei geht viel Substanz des Mauerwerks verloren«, erläutert Höpfner.

Dass der Förderverein nun in die Debatte um Rassismus hineingezogen werden könnte, bereitet Höpfner Sorgen. Als Kind der Weststadt habe er mit der Restaurierung des Turms der Bevölkerung den vielleicht schönsten Aussichtspunkt Gießens zurückgeben wollen. »Der Namensgeber Bismarck war für mich nicht entscheidend«, sagte Höpfner.

Der 15 Meter hohe Turm war 1904 auf der Hardt errichtet worden. Die Spenden dafür hatten vor allem Studenten gesammelt. Begleitet von reichlich nationalem Pathos, entstanden im damaligen Kaiserreich und seinen Kolonien insgesamt 240 derartige Denkmäler zu Ehren des ehemaligen Reichskanzlers. Der historische Hintergrund des Bismarckturms war in Gießen bislang gleichwohl nie ein Thema. Auch als der schwarz-grün-gelbe Magistrat 2009 beschloss, die Restaurierung mit 45 000 Euro zu unterstützen, gab es keine Diskussionen.

Gießen: Erinnerung an Neonazi-Opfer - Zusammenhang zu Bismarckturm?

Unter dem Eindruck der Black-Lives-Matter-Bewegung könnte sich das ändern, wenn irgendwann der städtische Denkmalpreis verliehen wird. Denn der soll nach Informationen der GAZ an den Förderverein Bismarckturm gehen. Wie es heißt, habe die Jury bereits vor geraumer Zeit entschieden, dass der von Höpfner gegründete Verein den Preis erhalten soll. Zur Verleihung im Stadtparlament sei es dann aber wegen der Corona-Krise nicht gekommen, weil die Angelegenheit als nicht dringlich eingestuft wurde. Wann die Zeremonie stattfinden wird, steht noch nicht fest. Womöglich wird das erst der Fall sein, wenn die Stadtverordnetenversammlung vielleicht irgendwann im nächsten Jahr zu ihren normalen Abläufen zurückkehrt.

Unklar ist ferner, ob ein Zusammenhang zwischen der Farbschmierei und dem Überkleben von Straßenschildern in der Bismarckstraße besteht. An mehreren Stellen heißt die jetzt nämlich Noël-Martin-Straße. Der dunkelhäutige Engländer war kürzlich an den Spätfolgen eines gewalttätigen Angriffs durch Neonazis, der sich 1996 in Brandenburg ereignete, gestorben. Der 60-jährige Bauunternehmer hatte seit dem Angriff mit einer Querschnittlähmung im Rollstuhl gesessen.

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