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Im Krisenmodus: Landrätin Anita Schneider, Gesundheitsdezernent Hans-Peter Stock und Dr. Jörg Bemer vom Kreisgesundheitsamt. FOTO: SO

Coronavirus

Bislang zwei Corona-Fälle in Gießen bestätigt

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Seit dem Wochenende gibt es die ersten beiden Coronavirus-Fälle in Gießen. Eine 24 Jahre alte Studentin ist erkrankt, ebenso ihr 28 Jahre alter Mitbewohner. Sie befinden sich in häuslicher Quarantäne.

Die Worte von Dr. Jörg Bremer klangen durchaus optimistisch. "Ich gehe davon aus: Diesen Fall haben wir im Griff", sagte der ehemalige Leiter des Kreisgesundheitsamtes. Mittlerweile ist er Berater des selbigen und als solcher war er am Samstag auf der eilig einberufenen Pressekonferenz zugegen. Es galt, den ersten Coronavirus-Fall im Landkreis Gießen zu moderieren.

Eine 24 Jahre alte Studentin aus Gießen hat sich angesteckt. Am Freitag hatte sie sich bei den Gesundheitsbehörden gemeldet. "Sie hat genau richtig gehandelt", lobte Landrätin Anita Schneider die Studentin. Nach einem ersten Test war schnell klar: Die junge Frau ist mit dem Coronavirus infiziert, zeigt milde Krankheitssymptome.

Auf Anweisung des Kreisgesundheitsamts befindet sie sich in häuslicher Quarantäne, ebenso ihr Mitbewohner. Auch er ist am Samstag positiv auf Corona getestet worden und zeigt derzeit laut Kreis-Pressesprecher Dirk Wingender "derzeit milde Krankheitszeichen".

Dass Experte Bremer zu vorsichtigem Optimismus tendiert, hat vor allem damit zu tun, dass man die relativ wenigen Kontakte der jungen Frau nach der Ansteckung - nämlich zwölf - ermittelt habe, die Infektionskette also frühzeitig unterbrechen konnte. Dass die Studentin in den vergangenen Tagen nicht an der Uni war, weil momentan Semesterferien sind und sie ihre Bachelorarbeit schreibt, macht die Gemengelage übersichtlicher. Für den Mitbewohner gilt das gleiche: Ebenso wie bei der bereits Erkrankten kann die Infektionskette nach Nordrhein-Westfalen zurückverfolgt werden. Nach derzeitigem Stand sind die Kontaktpersonen beider Fälle identisch.

Angesteckt beim Karneval in NRW

Der Ort der Ansteckung war schnell ausgemacht, sagte Landrätin Schneider auf der Pressekonferenz. Sehr wahrscheinlich hat sich die 24-Jährige im Raum Heinsberg in Nordrhein-Westfalen infiziert, wo sie sich zusammen mit ihrem Mitbewohner Fastnacht gefeiert hat. In H einsberg sind derzeit die meisten Coronavirus-Erkrankungen in Deutschland registriert.

Seit jenen Karnevalstagen hatte die Studentin eben nur zu zwölf weiteren Personen engeren Kontakt, sechs davon aus Hessen: Ihrem Mitbewohner in Gießen sowie einer Person im Kreis Marburg-Biedenkopf und vier Menschen aus dem Kreis Offenbach. Weitere sechs Kontakte gab es zu Menschen im Saarland und in Nordrhein-Westfalen. Auch diese wurden bereits kontaktiert, sagte Mediziner Bremer.

Die Studentin und ihr Mitbewohner werden nun engmaschig kontrolliert, sagte Bremer. Das werde so lange aufrechterhalten, bis die Symptome abgeklungen und ein Test auf Viren negativ sei.

In einem Fall von häuslicher Quarantäne stellen sich aber auch ganz praktische Fragen. Etwa die nach der Versorgung der beiden in ihrer Wohnung in Gießen. Freunde der zwei würden sich darum kümmern. Sie würden ihnen Lebensmittel und Dinge des täglichen Bedarfs vor die Tür stellen, hieß es am Samstag.

Jene betroffene Studentin und ihr Mitbewohner werden höchstwahrscheinlich nur die ersten Fälle im Landkreis Gießen sein, wohl aber kaum die letzten. Deshalb ging es am Samstag auch um grundsätzliche Fragen. Etwa dem Schließen von Einrichtungen oder der Absage von größeren Veranstaltungen. Dies komme derzeit nicht in Betracht, sagte Landrätin Schneider. Ein Event wie die Gießener Messe Bau-Expo an diesem Wochenende wurde bewusst nicht eingeschränkt. Das Risiko einer Infektionsübertragung wurde als gering erachtet, sagte Schneider. Gleichwohl war das Gesundheitsamt mit dem Messeveranstalter im Dialog, hatte darauf hingewiesen, dass beispielsweise ausreichend Seife in den Toiletten und Waschräumen vorhanden war und mit Schildern auf gründliche Hygienemaßnahmen hingewiesen.

"Es war richtig, dass eine international besuchte Messe wie die Tourismusbörse ITB in Berlin abgesagt wurde", sagte Schneider. "Bei regionalen Messen mit regionalem Publikum sehen wir die Notwendigkeit derzeit nicht," Mittelhessen sei kein Risikogebiet nach der Definition des Robert-Koch-Instituts, sagte Schneider. "Die aktuell vorliegende Coronavirus-Erkrankung hat ihren Ursprung außerhalb Hessens, und die Infektionskette ist bekannt." Man wolle aufmerksam sein, aber immer angemessen und dem Einzelfall entsprechend handeln.

Was aber, wenn in einer Schule oder in einem Kindergarten ein Infektionsfall auftritt? Auch da erfolge immer ein Abwägen des Einzelfalles, sagte Schneider, und dann eine kurzfristige Entscheidung, ob eine Schließung der Einrichtung notwendig sei. "Wenn es angeraten ist, werden wir es auch tun."

Das Kreisgesundheitsamt hat laut Gesundheitsdezernent Hans-Peter Stock bereits vor vier Wochen begonnen, seine Pandemiepläne zu überarbeiten und ist in ständigem engen Austausch mit Hausärzten, dem Gießener und Marburger Uni-Klinikum sowie allen anderen Krankenhäusern in der Region. Auch die Städte und Gemeinden sind angehalten, ihre Notfallpläne auf den aktuellen Stand zu bringen.

Hotline zum Coronavirus

Der Landkreis Gießen hat Informationen und Empfehlungen zum Thema Coronavirus auf seiner Internetseite unter www.lkgi.de bereitgestellt.

Es existiert eine hessenweite Hotline zum Coronavirus unter Telefon 0800/5554666 (montags bis freitags von 8 bis 20 Uhr).

Das Gesundheitsamt des Landkreises Gießen ist unter Telefon 06 41/93 90-14 00 montags bis donnerstags zwischen 8 und 16 Uhr sowie freitags zwischen 8 und 14 Uhr zu erreichen. Für Notfälle gibt es außerdem rund um die Uhr eine Rufbereitschaft, auf die per Bandansage hingewiesen wird.

Grundsätzlich sollten immer die Hausarztpraxis bzw. außerhalb der Praxiszeiten der Ärztliche Bereitschaftsdienst unter der zentralen Rufnummer 116117 erste Ansprechpartner für Betroffene sein.

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