Birgit Füller über den Dächern der Anneröder Siedlung. Hier oben setzt sie sich sehr für ihre Mitmenschen ein. FOTO: CHH
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Birgit Füller über den Dächern der Anneröder Siedlung. Hier oben setzt sie sich sehr für ihre Mitmenschen ein. FOTO: CHH

Mensch, Gießen

Birgit Füller: Ein Herz für die Anneröder Siedlung

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Viele Bewohner der Anneröder Siedlung in Gießen kennen Birgit Füller. Sie hilft dabei, das Leben ihrer Mitmenschen zu verbessern - und zwar nicht nur als Kirchenvorstand .

Der Bäcker ist nur einen Steinwurf von Birigt Füllers Wohnung entfernt. Trotzdem dauert es mitunter länger, bis die Brötchen bei Füllers auf dem Esszimmertisch stehen. Die 65-Jährige trifft auf dem kurzen Weg meist Mitmenschen aus der Anneröder Siedlung, die ihr noch schnell etwas Wichtiges erzählen möchten. Der Gang zum Bäcker ist also mehr als Essensbeschaffung. Er dient auch der Kontaktpflege. Und die ist der 65-Jährigen sehr wichtig.

Aufgewachsen ist Füller am anderen Ende der Stadt. "Wir haben in Wieseck gewohnt. Mein Elternhaus stand direkt neben dem Wahrzeichen, der Wiesecker Port." Während sich die Mutter um den Haushalt kümmerte und das Familieneinkommen durch Putzdienste aufbesserte, arbeitete ihr Vater sein Leben lang bei einem heimischen Baustoffbetrieb. Klassische Rollenverteilung also. Und auch die Ansichten ihrer Eltern waren von der konservativen Zeit geprägt.

Eigentlich wollte Füller Lehrerin werden. Doch das stand nicht zur Disposition. Der Vater hatte andere Pläne für die Tochter. "Er hat gesagt, du bist ein Mädchen, du wirst eh geheiratet. Es war also nicht so, dass ich groß wählen konnte." Immerhin ließen ihr die Eltern eine Alternative offen. "Ich konnte mir aussuchen, ob ich bei der Bank oder der Verwaltung anfangen wollte." Füller entschied sich für letzteres. Eine Entscheidung, die auch ihr Privatleben maßgeblich beeinflussen sollte.

Mit gerade einmal 17 Jahren zog Füller nach Darmstadt und schlug den mittleren Verwaltungsdienst beim dortigen Regierungspräsidium ein. Doch dann packte sie das Heimweh, und so kehrte sie nach ihrer Ausbildung nach Gießen zurück. "Bei der Stadtverwaltung wurde mir die Möglichkeit eröffnet, als Inspektoranwärterin ein Studium der Verwaltungswirtschaft zu beginnen", erzählt Füller. Später war sie im Amt für Wohnungswesen und als Teamleiterin im Sozialamt der Stadt Gießen tätig. Doch dann ereilte sie der Ruf aus der Vergangenheit. Anfang der 80er Jahre wurde das Regierungspräsidium in Gießen aufgebaut. Die Behörde suchte dringend neue Mitarbeiter. "Da ich die Arbeit einer Mittelbehörde kannte, habe ich mich beworben", erzählt Füller. Mit Erfolg: Die Gießenerin wurde in den Aufbaustab berufen und arbeitete in den folgenden Jahren als Diplom-Verwaltungswirtin im Sozialdezernat und später in der Kultusabteilung des RP. Mit Ihrer Beförderung zur Amtsrätin war ein erneuter Wechsel in das Medizinaldezernat verbunden. Auch der Bau von Krankenhäusern fiel jetzt in ihr Aufgabengebiet. Ein Thema, das sie besonders interessierte. "Bauen ist mein Ding", sagt sie. Und das, was sie dabei gelernt hat, konnte sie später zum Wohle des Anneröder Viertels einsetzen.

Füller sitzt an diesem Vormittag nicht alleine am Esstisch. Neben ihr hat Ehemann Norbert Platz genommen. "Wir haben uns beim RP kennengelernt", sagt Füller und fügt dann lachend hinzu: "Am Kopierer." Mit den Jahren wuchs die Familie. Das zeigt sich auch an dem Kinderstuhl, der neben dem Tisch steht. Birgit und Norbert Füllers Sohn hat seine Eltern zu Oma und Opa gemacht. "Unsere Enkeltochter ist ein Jahr und vier Monate alt", sagt Füller stolz. "Momentan ist sie der Mittelpunkt der ganzen Familie."

Füller hat gerne für das Regierungspräsidium gearbeitet. Zum Ende hin wurde es für sie aber immer schwieriger, alle Bereiche ihres Lebens unter einen Hut zu kriegen. "Zusammen mit meinem Vater habe ich meine Mutter zu Hause gepflegt. Kurz nach ihrem Tod wurde auch meine Schwiegermutter krank und brauchte Hilfe." Die eigene Familie wollte ebenfalls versorgt werden. Und als die Gießenerin dann selber schwer erkrankte, waren die diversen Aufgaben nicht mehr zu stemmen. Also beendete sie ihre berufliche Laufbahn vorzeitig und ging in Pension.

Nachdem sie wieder genesen war stellte sich Füller die Frage: Was anstellen mit all der Zeit? Sie entschied sich für ein Engagement in der Andreasgemeinde und wurde recht schnell in den Kirchenvorstand gewählt. "Meine Aufgaben lagen im Bauausschuss und im Bereich Finanzen." Dort konnte sie ihr Wissen am besten für die Anneröder Viertel einsetzen, denn die Sanierung der dortigen Kindertagesstätte war dringend nötig. Bei der Planung, der Finanzierung und der Umsetzung war Füller stets an vorderster Front dabei. "Mein Mann hat ab und zu gesagt, ich solle mir ein Bett in die Kirche stellen", sagt Füller und fügt an: "Es waren vier sehr arbeitsreiche, aber auch erfüllende Jahre." Gerade die Finanzierung des Projekts sei schwierig gewesen. Daher habe sie aich eine zusätzliche Ausbildung im Bereich Fundraising absolviert. "Dieses Wissen half mir dabei, die Bewohner des Anneröder Viertels und darüber hinaus für das Projekt ›Ein Haus für Kinder‹ zu begeistern."

Aber es waren nicht nur die Kleinsten der Siedlung, um die sich Füller kümmerte. "Ich habe mich bei uns im Viertel umgeschaut und gefragt, was mir fehlt." Sie kam zum Schluss, dass es für Frauen zu wenig Angebote gab. "Ich wollte, dass sich die Frauen, die hier oben wohnen, besser kennenlernen und bestenfalls Freundschaften schließen können." Aus der Idee entstand das Frauenforum, das regelmäßig Vorträge, Ausflüge, Frühstücke und vieles mehr organisierte. Nach leichten Startschwierigkeiten sei das Angebot sehr gut angenommen worden, sagt Füller.

Noch heute kümmert sich Füller engagiert um ihre Nachbarn. Das zeigt zum Beispiel ein Blick auf ihren Wohnzimmerschrank, wo etliche Weihnachtskränze liegen. "Normalerweise haben wir hier oben einen kleinen Adventsmarkt, bei dem wir Kränze und Gestecke für kleines Geld verkaufen. Wegen Corona geht das in diesem Jahr aber nicht." Daher habe sich das Team entschlossen, Senioren anzurufen und ihnen die Möglichkeit zu geben, Kränze und Gestecke zu bestellen. "Wir werden sie dann binden, nach ihren Wünschen schmücken und direkt nach Hause liefen", erzählt Füller. Dann fügt sie an: "Denn keiner sollte in dieser Zeit ohne ein Licht sein."

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