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Bilder mit Worten schaffen

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Von: Karola Schepp

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JLU-Germanistin Kirsten Prinz (l.) befragt im Hermann-Levi-Saal Iris Wolff zu ihrem Buch »Die Unschärfe der Welt«. SCREENSHOT: GL © Karola Schepp

Gießen (gl). »Mondviolen«, »Windwanderer« - wer solchen Wörtern lange nicht mehr oder noch nie begegnet ist, der sollte Iris Wolffs Roman ›Die Unschärfe der Welt‹ lesen«, lautet der Rat von JLU-Germanistin Kirsten Prinz. Sie hat die Autorin auf Einladung des Literarischen Zentrums zur Lesung mit Gespräch im Hermann-Levi-Saal getroffen. Ein Mitschnitt ist ab sofort kostenlos auf der LZG-Homepage und im neuen LZG-YouTube-Kanal abrufbar.

»Die Unschärfe der Welt« ist eine der Neuerscheinungen vom Herbst und war nominiert für den deutschen Buchpreis 2020. Im April wird die Autorin für ihr Werk den Marie-Luise-Kaschnitz-Preis erhalten.

Reisen in die Vergangenheit

Wolff wurde 1977 in Hermannstadt geboren und wuchs bis zu ihrem achten Lebensjahr im Banat auf, der Region, die heute zu Rumänien, Serbien und Ungarn gerechnet wird. 1985 ist sie mit ihrer Familie nach Deutschland ausgewandert, hat in Marburg Germanistik und Religionswissenschaft in Kombination mit Malerei und Grafik studiert. Doch ihre ganze Zeit gehe ins Schreiben, berichtete sie im Gespräch. Sie schaffe nun Bilder mit Worten und könne beim Schreiben, im Gegensatz zum Zeichnen, »so lange über die Sätze gehen, bis ich zufrieden bin«. Ihre Kindheitserinnerungen wandelt Wolff ins Literarische um. Eine Reise mit ihrer Familie nach Siebenbürgern als junge Erwachsene habe sie dazu inspiriert, hinzuschauen, was ihre Herkunft mit ihr mache, warum ihre Familie und andere der deutschen Minderheit ausgewandert waren. »Lange habe ich da nicht hingucken wollen. Und dann war plötzlich die Idee mit dem Roman da.« Gedauert habe es vom ersten Satz bis zur Publikation aber noch weitere sieben Jahre. »All das Leben, das durch mich hindurchgeht, muss ich literarisch fassen«, sagt Iris Wolff.

Wolffs Romane handeln allesamt vom Banat, von Hermannstadt. »Da gibt es noch viele Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden. Aber ich versuche auch immer, mich davon zu lösen, den Raum geografisch weiter zu machen«, sagt sie, aber sich ganz davon loszumachen, so weit sei sie noch nicht.

Sie reise gerne in die Vergangenheit, frage sich aber immer auch, was das mit unserer Gegenwart zu tun habe, erläutert Wolff. Die Vergangenheit sei »wie ein Brennspiegel für die Gegenwart«. Was ist Identität? Wie stark prägt uns unsere Familie? Wie leben Kulturen miteinander? - diese Fragen beschäftigen die Autorin. Die Figuren in ihren Büchern seien fast allesamt Reisende, »Menschen, die sich bewegen müssen«, betont Wolff.

In »Die Unschärfe der Welt« erzählt Wolff in ruhigem Erzählton von vier Generationen Familiengeschichte, allerdings ist die Erzählung nicht linear. »Dieses episodenhafte Erzählen habe ich nach und nach für mich entdeckt«, berichtet sie. Es gebe ihr auch eine große Freiheit, denn ihr Anspruch sei es, keine Texte zu schreiben, die eine bestimmte Deutung vorgeben. Die Wahrnehmungen von Autorin und Leser verschränkten sich und würden so der Geschichte erst gerecht werden. Diese Mehrdeutigkeit sei ihr gerade auch in »Die Unschärfe der Welt« wichtig gewesen. Im Roman verbinden sich die Lebenswege von sieben Figuren aus vier Generationen vor dem Hintergrund des zusammenbrechenden Ostblocks und der Geschichte des 20. Jahrhunderts.

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