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Seit vergangenem Samstag gibt es auch am Wellersburgring ein Testcenter. Gleich am ersten Tag schlagen dort acht falsch positive Tests auf.

Corona-Schnelltests

„Bieten keine Gewissheit“: Gießener Professor warnt vor trügerischer Sicherheit durch Corona-Schnelltests

  • VonSebastian Schmidt
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In Gießen eröffnet ein Schnelltestcenter nach dem anderen, aber Professor Frank Runkel sieht ein Problem: die hohe Quote falsch negativer Test-Ergebnisse.

Herr Runkel, vergangenen Samstag wurden in einem Gießener Testcenter von 50 Personen acht fälschlicherweise positiv getestet. Die Tests stammten alle von einem Gießener Hersteller. Gefährdet so ein Vorfall die Teststrategie?

Ehrlich gesagt, sehe ich da kein großes Problem. Die falsch positiv Getesteten müssen anschließend einen PCR-Test zur Validierung machen, und dann weiß man Bescheid. Schlimmer ist es dagegen, wenn Menschen falsch negativ getestet werden. Dann laufen sie nämlich herum und stecken weitere Menschen an.

Wie wahrscheinlich sind falsch negative Ergebnisse bei Schnelltests?

Wenn Sie Menschen ohne Symptome testen, sind je nach Testanbieter bis zu 50 Prozent falsch negativ.

Kann man sich auf die Testergebnisse also nicht verlassen?

Nein. Ein negativer Test bietet keine Gewissheit. Durch die Tests entsteht vielmehr ein falsches Gefühl der Sicherheit. Es ist fatal, wenn sich Menschen mit Freunden treffen oder an manchen Orten auch ins Theater oder Restaurant gehen und denken, dass sie durch ein negatives Testergebnis geschützt sind. Ich höre immer wieder, dass jemand sagt, er wäre „freigetestet“. Das ist ein Problem.

Wie kommt es zu den vielen falsch negativen Tests?

Die Corona-Schnelltests haben eine Sensitivitätslücke. Das bedeutet, die Tests brauchen eine bestimmte Viruslast, damit sie anschlagen können. Die Infizierten können aber schon bei einer geringeren Viruslast ansteckend sein. Besonders häufig sind falsch negative Tests, wenn die Getesteten noch symptomlos sind.

Sind Schnelltests also gar nicht sinnvoll?

Doch. Wenn Sie jemanden positiv testen, können Sie eine Infektion mit einem PCR-Test verifizieren. Und ein einzelner Schnelltest zeigt Ihnen vielleicht ein falsch negatives Ergebnis, also müssen Sie in Abständen von drei bis vier Tagen erneut testen. Damit können Sie dann auch Cluster aufdecken, zum Beispiel in der Schule. Wenn ein Schüler positiv getestet wurde, können Sie die übrigen Schüler in Quarantäne stecken und engmaschig auf Infektionen testen.

Sollte man dann nicht viel mehr testen?

Die Sensitivitätslücke kann man sogar durch nichts anderes abfangen als durch vermehrtes Testen. In der Wissenschafts-Community reden wir im Moment davon, dass eine Person zwei bis drei Tage ansteckend ist, bevor ein Schnelltest positiv wird. Durch mehr Tests kann man schneller bemerken, dass jemand infiziert ist und das Virus verteilt. Aber auch wenn man mehr testet: Auf ein einzelnes negatives Testergebnis kann man sich nicht verlassen.

Dabei wurden die Tests doch oft als Lösung angepriesen, zum Beispiel vor Weihnachten oder Ostern, um mit der Familie entspannt feiern zu können.

Ja, es gibt da ein großes Kommunikationsproblem. Wir müssen die Menschen viel besser aufklären. Im Internet steht einfach jede Menge Unsinn, und wir müssen über ordentliche Medien die Menschen richtig informieren, auch wenn es nicht gefällt, was wir sagen. Ich bin in erster Linie Wissenschaftler und sage, was ich für richtig halte. Drosten und Lauterbach sagen zu den Schnelltests übrigens das Gleiche wie ich.

Nicht nur in Gießen, auch in Fernwald, sind am Wochenende falsch positive Schnelltests aufgeschlagen, insgesamt 35. Wie kann so etwas passieren?

Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten, die man jetzt untersuchen muss. Wenn es ein seriöser Anbieter ist, passiert das auch bereits. Man muss wissen, dass die Tests zum Beispiel bei Raumtemperatur validiert werden und bei anderen Temperaturen vielleicht nicht so gut funktionieren. Natürlich können Tests auch falsch angewendet werden, oder es lag an der verwendeten Charge. In Deutschland denkt man immer, alles ist so genau, aber Produktion bleibt Produktion. Da kann auch mal etwas schiefgehen.

Wie handhaben Sie es eigentlich mit dem Testen?

Ich teste meine Familie und mich öfter in Abständen von wenigen Tagen. Aber was wirkungsvoller ist: Mein gesamter Arbeitskreis beachtet die AHA-Regeln, den Unterricht mache ich aus der Distanz. Das wichtigste Mittel gegen das Coronavirus ist: Kontaktvermeidung, Kontaktvermeidung und Kontaktvermeidung.

Das große Credo der Pandemie.

Ja, wir haben inzwischen viele Lehren aus der Pandemie gezogen. So wissen wir, dass man Konzepte braucht, falls so ein Virusausbruch wieder geschieht. Wir müssen die Digitalisierung viel mehr vorantreiben, gerade in den Schulen. Und natürlich müssen wir wieder lokale Impfstoffproduktionen aufbauen. Das Know-how für die Entwicklung haben wir ja.

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