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Gießener Bier in der Krise: „Lange werden wir das nicht mehr durchhalten“

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Von: Christoph Hoffmann

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Gestiegene Kosten machen den Brauereien zu schaffen. © Oliver Schepp

Die Folgen von Inflation, Krieg und Energiekrise treffen auch Bierbrauer. Das Gießener Bier Schlammbeiser könnte deshalb teurer werden. Der Mikrobrauerei Octobräu gehen zudem die Flaschen aus.

Gießen - Die Sonne schien, die Biergärten waren geöffnet. Menschen, die gerne ein kühles Blondes genießen, hatten zuletzt gute Zeiten. Nicht selten mussten sie dafür jedoch tiefer in die Tasche greifen als noch im vergangenen Jahr. Viele Brauereien haben im Frühjahr die Preise für Bier erhöht. »Wir konnten eine Preiserhöhung bisher noch verhindern«, sagt hingegen Florian Dreyer, der Geschäftsführer der Gießener Brauerei GmbH, die das Schlammbeiser Pils produziert. »Wenn es so weitergeht, werden aber auch wir die Preise erhöhen müssen.«

Die Bierbranche befindet sich in turbulenten Zeiten. Die Pandemie hatte für Kneipenschließungen und jede Menge Festabsagen gesorgt. Die Zapfhähne versiegten, Geld floss somit auch nicht mehr. Der Wegfall der Corona-Beschränkungen hat 2022 dann für Besserungen gesorgt. Laut amtlicher Statistik haben Brauereien und Bierlager in den ersten sechs Monaten dieses Jahres rund 4,3 Milliarden Liter Bier abgesetzt. Das waren 3,8 Prozent mehr als in der ersten Hälfte des Vorjahres, aber auch immer noch 5,5 Prozent weniger als im ersten Halbjahr 2019. Allerdings sieht sich die Branche nun mit erheblich gestiegenen Kosten konfrontiert.

Bier aus Gießen: Preise für Getreide gestiegen

Der Deutsche Brauer-Bund schlägt Alarm. Brauereien würden jeden Tag große Mengen Flüssigkeit erhitzen und wieder abkühlen. Man sei nach der Chemie die Branche mit dem zweithöchsten Energieverbrauch, sagte Hauptgeschäftsführer Holger Eichele jüngst der Deutschen Presse-Agentur. Die Folgen seien absehbar: »Immer mehr mittelständische Betriebe gehen in die Knie, Lieferketten stehen vor dem Kollaps.«

Die Gießener Brauerei GmbH braut ihr Schlammbeiser Pils nicht selbst. »Wir lassen unser Bier von der Vogelsberger Landbrauerei nach unserem eigenen Rezept produzieren«, sagt Dreyer. Die Kosten, die im Vogelsbergkreis entstehen, werden aber weitergegeben. Und das seien nicht nur die gestiegenen Ausgaben für Gas und Strom, betont Dreyer. »Auch das Malz ist deutlich teurer geworden. Die Weltmarktpreise für Getreide sind gestiegen.« Das liegt vor allem an Putins Angriffskrieg. Große Mengen an Getreide, die von deutschen Bierbrauern verarbeitet werden, stammen aus Russland und der Ukraine. Und natürlich müssten die Paletten mit Bier auch zu den Kunden gebracht werden, fügt Dreyer an und erinnert an die hohen Spritpreise an den Tankstellen.

Bier aus Gießen: Der Verdienst geht zurück - Preiserhöhungen möglich

Wegen teils langfristiger Verträge würden die Preisexplosionen die Gießener Brauerei noch nicht vollumfänglich treffen, sagt Dreyer, spürbar sei der Anstieg aber auch jetzt schon. Rund zehn Prozent müsste das Unternehmen aktuell mehr zahlen. »Bisher konnten wir das noch abfedern, unter anderem, weil wir schlichtweg weniger verdient haben. Lange werden wir das aber nicht mehr durchhalten.« Wenn die Entwicklung so weitergehe, stünden spätestens Anfang kommenden Jahres auch beim Schlammbeiser-Bier Preiserhöhungen an.

Die heimische Bier-Landschaft hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. An das »Gießener Pilsener« erinnert nur noch der Brauhausturm, das »Alt-Gießen« mit seiner Hausbrauerei schloss vergangenes Jahr ebenfalls. Dafür gibt es seit einigen Jahren mit Octobräu eine Mikrobrauerei in der Stadt, die Craftbeer in kleinen Mengen in Handarbeit erzeugt. »Die Arbeit ist für uns deutlich schwieriger geworden«, sagt Jan Burg, der das Bier zusammen mit drei Freunden braut, und verweist genau wie Dreyer auf höhere Energie-, Getreide- und Transportkosten. Der Preis für ein Pale Ale aus dem Hause Octobräu soll jedoch nicht erhöht werden, betont Burg. Zum einen sei das Bier wegen der handwerklichen Arbeit ohnehin nicht gerade günstig, zum anderen sei der Preis pro Flasche bereits zu Jahresbeginn um 15 Cent erhöht worden, da die Produktion komplett auf Bio umgestellt worden sei.

Bier aus Gießen: Selbst Flaschen werden zum Problem

Burg spricht aber noch ein weiteres Problem an, mit dem Brauereien zu kämpfen haben. »Es ist aktuell sehr schwer, Flaschen zu bekommen.« Die Lieferzeit würde bei einem halben Jahr liegen. Umso wichtiger sei es, das verkaufte Leergut zurückzubekommen.

Die Gießener Brauerei mit ihrem Schlammbeiser Pils hatte das Problem bereits im vergangenen Jahr, damals wurde der Mangel mit der Pandemie erklärt. In diesem Jahr ist eine neue Krise für den Mangel verantwortlich, sagt Octobräu-Gründer Burg. »Viele Flaschen kommen aus Russland.« (chh)

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