Sowieso

Auf ein Bier zu Britta: Die Wirtin des Sowieso in Gießen im Porträt

  • Christoph Hoffmann
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Britta Prell ist ein Urgestein der Gießener Kneipenszene. Ihr halbes Leben steht sie schon hinter dem Tresen des Sowieso. Sie hat aber nicht nur schöne Momente erlebt.

Autos brettern vorbei. Oder sie stehen vor der Bahnschranke. Die zum Warten verdonnerten Fahrer sind genervt oder gelangweilt, nicht selten auch in Eile. Das Gleiche gilt für die Fußgänger, die schnellen Schrittes zum Bahnhof marschieren. Kurzum: Die Ecke Liebigstraße/Frankfurter Straße ist ein hektischer Ort. Doch es gibt einen Ausweg. Die ovale Holztür unter dem Liebig-Hotel ist ein Portal in eine andere, langsamere Welt. Wer das Sowieso betritt, kann Raum und Zeit für ein, zwei Biere vergessen. Oder auch für fünf oder sechs. Das liegt an der urigen Einrichtungen, am Fußball, guten Gesprächen und der ehrlichen Musik. Vor allem aber liegt es an der Wirtin Britta Prell.

Die 60-Jährige hat es sich an der runden Ecke des Tresens gemütlich gemacht. Vor ihr steht ein Weizenbier, daneben liegt ihr Handy. Nimmt man dann noch die Toten Hosen dazu, die gerade aus den Boxen erklingen, und das Hamburg-Shirt, das sie trägt, erfährt man schon ziemlich viel über die Wirtin. »Ich bin St.-Pauli-Fan«, sagt Prell. Rock- und Punk-Musik mag sie ebenfalls, auch wenn sie leider immer seltener Zeit hat, Konzerte zu besuchen. Das Handy nutzt sie gerne, um mit Menschen in Kontakt zu bleiben. Zum Beispiel, wenn ihr studentische Stammkunden während ihres Auslandssemesters eine Nachricht aus Australien schicken. Und ja, Prell trinkt gerne mal ein Bier. Vor allem aber ist es ein Symbol für ihre Kneipe.

Prell ist in Hanau geboren, als Dreijährige kam sie nach Gießen. Mit ihrer Schwester, aber ohne Mutter und Vater. Die beiden Kinder kamen ins Kinderheim St. Michael, weil sich die Eltern getrennt hatten. »Die ersten Jahre waren nicht so leicht, aber je länger ich da war, desto besser gefiel es mir. Das Heim wurde mein Zuhause, für uns wurde viel gemacht.«

Erst Milch, dann Bier

Prell besuchte die Ludwig-Uhland- und Friedrich-Feld-Schule, bevor sie ihre Ausbildung begann. »Zur landwirtschaftlich-technischen Assistentin«, sagt sie und fügt schmunzelnd hinzu: »In der Milchwirtschaft«. Später arbeitete sie für die Uni und Behörden, parallel stand sie aber auch immer schon am Zapfhahn. Besucher des »Hardrock-Café« werden sich vielleicht erinnern. Die regelmäßigen Schichten in den Kneipen hatten einen einfachen Grund: Prell musste Geld verdienen. Nicht nur für sich, sondern auch für ihren Sohn, der schon vor Beginn ihrer Ausbildung das Licht der Welt erblickt hat. Als dann eines Tages ihr Zeitvertrag an der Uni nicht verlängert wurde, wurde ihr die Geschäftsführung des Sowieso angeboten. »Das war 1989«, sagt Prell, »1994 habe ich den Laden dann ganz übernommen. Und es macht mir noch genauso viel Spaß wie am ersten Tag.«

Bei jedem Tor ein Bier

30 Jahre, in denen Prell viel erlebt hat. Schöne Momente, zum Beispiel ganz am Anfang, 1990, als Deutschland bei der WM im Halbfinale auf England traf. »In meinem jugendlichen Leichtsinn habe ich gesagt, dass ich bei jedem Deutschland-Tor ein Bier spendiere.« 5:4 hieß das Ergebnis, fünf Runden musste sie schmeißen. Die Wirtin lacht. »Der Laden war rappelvoll.« Lächelnd denkt Prell auch an die Zeit zurück, als ihr Sohn sich am Zapfhahn das Taschengeld aufbesserte.

Doch in die schönen Erinnerungen mischen sich auch Erfahrungen, die sie gerne vergessen würde. Als 2015 tausende Flüchtlinge nach Gießen kamen, suchten einige auch das Sowieso auf und benahmen sich daneben. »Wenn ich sie dann rausgeschmissen habe, wurde ich von einigen Leuten als Nazi und Rassistin beschimpft. Das hat mich sehr getroffen.« Zumal das Sowieso für sein alternatives und antifaschistisches Flair bekannt ist. »Aber wenn jemand Jacken klaut oder Frauen begrapscht, hört der Spaß auf. Da ist es egal, ob er Deutscher, Russe oder Marokkaner ist.« Die Anschuldigungen haben sie auch so belastet, weil sie zu vielen Geflüchteten ein besonderes Verhältnis hat. Manche gehören gar zu ihren Stammgästen. »Mit zwei jungen Eritreern habe ich zum Beispiel am Tresen Deutsch gelernt. Sie machen jetzt eine Ausbildung. Ich habe sie ins Herz geschlossen.«

Der Vorwurf, Leute wegen ihrer Hautfarbe zu diskriminieren, schmerzt die Gießenerin. Noch heute. Weil es so vollkommen ihrem Naturell widerspricht. Prell mag Menschen, sie liebt den Kontakt zu ihren Kunden. Sie ist mit jedem per Du, alle nennen sie Britta. Natürlich sei man als Wirtin immer auch ein bisschen Kummerkasten, sagt die Gießenerin. »Es sind aber längst nicht nur Probleme, über die man spricht. Es geht um alles mögliche. Das Leben eben.«

Selbst im Tor gespielt

Prell ist ein geselliger Mensch. Nicht nur in der Kneipe, sondern auch auf dem Fußballplatz. Als Torhüterin hat sie einst selbst für den VfB 1900 gespielt, heute schaut sie sich das Treiben von der Seitenlinie aus an. »Ich bin mit meinem Freund fast jedes Wochenende bei Spielen in der Region. Nicht nur in Gießen, sondern auch in Kinzenbach, Fernwald oder bei den Fußballerinnen in Kleinlinden.« Da sie mit dem neuen FC Gießen nicht warmgeworden ist, drückt sie neuerdings dem MTV die Daumen. Auch, weil die Kicker regelmäßig im Sowieso ein Bierchen trinken. Wie viele andere Amateur- und Hobbyliga-Spieler auch. Der Schal der Glasbier Rangers über dem Tresen belegt das.

Auch wenn der Fußball in ihrer Kneipe allgegenwärtig ist, bleibt der große Bildschirm seit einigen Jahren immer öfters aus. »Als Sky die Preise angezogen hat, bin ich direkt ausgestiegen«, sagt die 60-Jährige. Überraschenderweise habe das aber nicht dafür gesorgt, dass weniger Gäste kommen. Bei der Einführung des Rauchverbots sei es ähnlich gewesen. Ein paar ältere Kunden seien zwar abgewandert, dafür hätten jüngere das Sowieso für sich entdeckt. Die Litanei vieler Wirte, die Branche ginge den Bach hinab, will Prell daher nicht teilen. Im Gegenteil: »Eigentlich sind es mit den Jahren eher ein bisschen mehr Kunden geworden. Vor allem, seitdem es in Gießen keine Sperrstunde mehr gibt.«

Es ist aber auch Prell selbst, die dafür sorgt, dass ihre Kunden stets wiederkommen. Nicht nur, weil sie bei einem Tor von St.-Pauli auch mal eine Runde schmeißt. Sondern vor allem, weil sie ein Original ist. Jemand, mit dem die Kunden ein bisschen schwätzen können, der die meiste Zeit noch selbst hinter der Theke steht. Inzwischen kommen schon die Kinder ihren ersten Kunden in den Laden, auch die zweite Generation sucht eine Auszeit von dem Trubel. »Viele sagen gar nicht, sie gehen ins Sowieso«, sagt Prell. Dann lächelt sie. »Sie sagen, sie gehen auf ein Bier zur Britta.«

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