Heinz-Jörg Ebert sieht den Seltersweg zwar weiterhin gut aufgestellt, er ist sich aber sicher, dass alle Beteiligten in Zukunft Kompromisse eingehen müssen, um den Stellenwert halten zu können. FOTO: SCHEPP
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Heinz-Jörg Ebert sieht den Seltersweg zwar weiterhin gut aufgestellt, er ist sich aber sicher, dass alle Beteiligten in Zukunft Kompromisse eingehen müssen, um den Stellenwert halten zu können. FOTO: SCHEPP

Einzelhandel in Gießen

BID-Chef: "Zeit der Einkaufs-Innenstadt ist vorbei"

  • Marc Schäfer
    vonMarc Schäfer
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Die Gießener Innenstadt steht vor großen Herausforderungen und drastischen Veränderungen. Das erklärt Heinz-Jörg Ebert, Vorsitzender des BID Seltersweg,

Heinz-Jörg Ebert ist überzeugt vom Konzept der Business Improvement Districts (BiDs). Muss er auch sein, könnte man sagen. Immerhin war der Geschäftsführer des Schuhhauses Darré Mitinitiator der BID-Gesetzgebung in Hessen und Mitbegründer des BID Seltersweg, der sich im Jahr 2006 zusammengeschlossen hat. Seitdem ist Ebert schon Vorsitzender dieser Standortinitiative, die damals die erste dieser Art in einem deutschen Flächenland war. Nur im Stadtstaat Hamburg hatte es zuvor ein BID gegeben. Ebert blickt, wie er sagt, auf "15 bewegende Jahre" zurück. Ein emotionales Zeichen des Aufbruchs sei 2006 die Installation der Weihnachtsbeleuchtung im Seltersweg gewesen, nachdem es in der Vergangenheit immer wieder Streit um die Finanzierung gegeben habe. Im ersten Jahr wurde die Innenstadtbeleuchtung zum Leitthema. "Seitdem hängen mehr als 200 Leuchtkörper unter den Dachrinnen und illuminieren die Fassaden unserer Einkaufsmeile. Vorher versank der Seltersweg mit Einbruch der Dunkelheit in einem schwarzen Loch", erinnert Ebert an eine Errungenschaft des BID. Weitere folgten. "Neue Bodenbeläge, Begrünung und Wasserspiele haben der Innenstadt deutlich mehr Aufenthaltsqualität gebracht", sagt Ebert. In all dem waren die BID-Initiativen involviert. Die zweite Runde war von Großereignissen geprägt: Dino- und Mammut-Ausstellung und Landesgartenschau. Die dritte Laufzeit, die Ende 2021 endet, habe "im Zeichen der Digitalisierung" gestanden, fasst Ebert zusammen. Er nennt Frequenzmessungen, Info-Stelen, Gießen-App und die digitale Versorgungsplattform "Heimatschatz" für den innerstädtischen Einzelhandel als Beispiele. Hilfreich sei im Rückblick auch die Positionierung des Selterswegs als "Boulevard der Marken" gewesen. Dies habe Eigentümern einen Kompass dafür gegeben, was und wer im Seltersweg zueinander passt.

Die vierte Laufzeit des BID Seltersweg soll in gut einem Jahr beginnen, dafür müssen die BID-Mitglieder im September 2021 ihre Zustimmung geben. Schon im April will Ebert einen konkreten Maßnahmenkatalog präsentieren. Er weiß, dass die Gießener Innenstadt in Zukunft vor sehr großen Herausforderungen steht. Die meisten Experten sind sich einig, dass es zu drastischen Veränderungen kommen muss, um Innenstädte vor dem Aussterben und den Stellenwert der Fußgängerzonen als Einkaufsziel, Aufenthaltsort und Aushängeschild aufrechtzuerhalten. Auch in Gießen werden Händler, Hauseigentümer und auch die Politik Kompromisse eingehen müssen. "Im Gegensatz zu vielen anderen Städten haben wir in Gießen eine erfreulich niedrige Leerstandsquote und bewegen uns weiter auf den Plätzen 1 bis 3 der höchsten Frequenzen in deutschen Städten unter 100 000 Einwohner. Das ändert aber nichts an der allgemeinen Entwicklung und daran, dass wir mit dem P&C-Gebäude und der Immobilie von "The Sting" und "CCC" zwei dicke Probleme haben. "Es ist klar: Die Zeit der Innenstädte als reine Einkaufsorte läuft ab", sagt auch Ebert. In einem Positionspapier, dass der Darré-Chef dieser Zeitung zur Verfügung gestellt hat, geht er auf mehrere Punkte ein:

Ebert über Corona:Corona hat den Einzelhandel erwischt. Gerade das ausgefallene Weihnachtsgeschäft wird einige vor gewaltige Herausforderungen stellen. Unabhängig davon sieht sich der Seltersweg gewappnet. Als Organisation werden wir die Maßnahmen in Richtung einer verantwortungsvollen Funktionsfähigkeit der Innenstadt fokussieren. Mit den Sofortmaßnahmen im März/April - Informations-, Beschilderungs- und Spuckschutz-Angebote, Masken und Desinfektionsmittel sowie der Freischaltung der Plattform "Heimatschatz" haben wir helfen können. In der kommenden Phase, von der keiner weiß, wie lange sie dauern wird, ist Koordination gefragt. Ich denke, dass Politik, Stadtverwaltung, Eigentümer und Händler sowie Kunden, Gäste und Bewohner verstanden haben, dass die Zukunft unserer Innenstadt auf dem Spiel steht. Ich bin überzeugt, dass es gelingen wird, diese Krise zu meistern. Allerdings wird es uns Veränderungsbereitschaft abverlangen. Corona hat den Transformationsprozess der Innenstädte brachial beschleunigt.

Ebert über die Verkehrswende:Die einen wollen alle Autos raus, die anderen alle rein haben. Die Wahrheit liegt in der Mitte. Emotion ist in einer so tiefgreifenden Entwicklung kein guter Ratgeber. Faktisch müssen wir registrieren, dass 80 Prozent des Gießener Einzelhandelsumsatzes von Kunden aus dem Umland gemacht werden. Es spräche theoretisch nichts dagegen, sie zu bitten, statt mit dem Auto zu kommen den ÖPNV zu nutzen. Nur ist dieses Angebot derzeit weit davon entfernt, gebräuchlich zu sein. Hier muss immens nachgearbeitet werden, wenn es eine ernstzunehmende Alternative zum Auto sein soll. Eine Reduzierung des Autoverkehrs kann nur parallel mit dem Ausbau des ÖPNV vollzogen werden. Allerdings bietet Gießen schon jetzt ausgereifte Parkmöglichkeiten mit u.a. sechs Parkhäusern rund um den Anlagenring. Es gibt zudem eine Menge interessante Ideen der Verkehrswende-Bewegung, die auch der innerstädtische Handel und seine Bewohner nur begrüßen können. Niemand wird eine stadtplanerische Attraktivierung innerhalb des Anlagenrings mit mehr Grün infrage stellen. Nur muss die Botschaft heißen: "Alle Besucher sind willkommen. Egal von wo und wie sie den Weg zu uns gefunden haben. Ich persönlich habe, eine Leidenschaft für unterirdische Parkmöglichkeiten. Auto unten, Lebensgefühl oben -das ginge auch am Brandplatz.

Ebert zur Zukunft der Innenstadt:Innenstädte werden sich in den kommenden Jahren schnell verändern. Reine Einkaufs-Innenstädte werden bald der Vergangenheit angehören. Oder - sollte man die Entwicklung ignorieren - tot sein. Statt reinem Einzelhandel wird es ein Miteinander geben. Wo Ladengeschäfte um 19 Uhr die Türen schließen, werden sich Wohnen, Kultur, Gastronomie, Bildungsangebote, Dienstleistungen, Co-Working, mobiles Arbeiten und Handel gegenseitig befruchten. Die infrastrukturellen Weichen dafür zu stellen, ist Aufgabe der Politik, der Stadtplanung und -verwaltung und vieler Institutionen - auch der BIDs. Wir wollen das in unserer nächsten Laufzeit ab 2022 vorausschauend begleiten. In diesem Zusammenhang möchte ich eine in anderen Ländern schon lange praktizierte Idee andenken: Teile der jeweiligen Mieten könnten Branchen und Angebote nebenan subventionieren, die nicht so ertragsreich sind. Ziel ist, Leerständen entgegenzuwirken, indem eine lebendige Innenstadt mit buntem Angebot entsteht. Ein "stationärer Onlinehändler" subventioniert dann einen kleinen Buchladen? Warum nicht, wenn es Leben in die Bude bringt.

Ebert über Entwicklungsmöglichkeiten:Gießen kann sich glücklich schätzen, Investoren an seiner Seite zu haben, die mit Mut, Sachverstand und Verbundenheit ausgestattet sind. Die maßgeblichen Entwicklungen - der Uni-Campus, die Investitionen der Hochschulen, der Flughafen, Schlachthof oder Heyligenstaedt, die Alte Post oder die mit der Landesgartenschau zusammenhängenden Entwicklungen sind ein Beweis für kreative und zukunftsweisende Vernetzung in unserer Stadt. Auch die neuen Besitzer der The-Sting-Immobilie, deren Bereichsleitung Gießener Wurzeln hat, sind wesentlich kooperativer. Auf die Entwicklung bei P&C schauen wir hingegen gespannt. Viele Städte scheitern in ihrer Entwicklung indes an der brüchigen Zusammenarbeit zwischen Verwaltung, Politik und Privatpersonen. Vertrauen und Zutrauen fehlt. Das war am Anfang auch in Gießen so. Heute ist die Vernetzung vorbildlich. Bei unterschiedlichen Ansichten sucht man nach Lösungen - und findet sie. Nicht zuletzt Corona hat gezeigt, wie sehr sich diese Annäherung gelohnt hat. Aus meiner Sicht muss man jetzt nur noch an einer gemeinsamen Perspektive, einer Art Kompass arbeiten, damit man bei den Entwicklungen in eine Richtung laufen kann. Ein Leitbild könnte Energien freisetzen. Die Plockstraße war vor 15 Jahren eine zugeparkte, dunkle, mit Leerständen und Baulücken versehene Brache. Man gab ihr den Kompass "Klein und Fein". Alle haben gelacht. Heute ist sie eines unserer attraktivsten Sträßchen. Das ist die Kraft eines Leitbilds.

Ein Business Improvement District (BID) ist ein Zusammenschluss von Hauseigentümern, die über eine gesetzliche Regelung Maßnahmen zur Attraktivierung und Weiterentwicklung eines definierten Quartiers für jeweils eine Laufzeit erarbeiten, beschließen, umsetzen und finanzieren. Dies unter Einbezug des Einzelhandels, der Dienstleister und in Zusammenarbeit mit Stadtpolitik und Verwaltung. In Gießen gibt es drei aktive BIDs: Marktquartier, Theaterpark und Seltersweg.

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