Martin De Jong mit einem Herbarbeleg. Auch DNA kann daraus extrahiert werden. FOTO: CHH
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Martin De Jong mit einem Herbarbeleg. Auch DNA kann daraus extrahiert werden. FOTO: CHH

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Die Bibliothek der Pflanzen

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Das Sammeln, Pressen und Trocknen von Pflanzen ist Standartprogramm in den Kindergärten. Dabei handelt es sich jedoch nicht um Kinderkram, sondern um eine wichtige wissenschaftliche Arbeit in der Botanik. Das zeigt ein Blick in das Herbarium der JLU, zu dem mehr als 23 0000 getrocknete Pflanzen gehören.

So farbenprächtig die Pflanzenwelt ist, so grau ist das Herbarium der Justus-Liebig-Universität. Zumindest auf dem ersten Blick. In den Kellern der Hermann-Hoffmann-Akademie lagern knapp 10000 Kartons, die auch Schuhe oder Akten beherbergen könnten. Tatsächlich aber finden sich in der schnöden Kartonage über 23 000 getrocknete Pflanzen in allen Farben, die die Natur her gibt. Diese Herbarbelege, so der offizielle Name, gehen bis ins 19. Jahrhundert zurück und liefern den Wissenschaftlern aufschlussreiche Erkenntnisse über die Flora und ihre Veränderungen. »Im Grunde ist das wie eine Bibliothek«, sagt Dr. Martin de Jong, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsgruppe Spezielle Botanik.

Die Sammlung reicht von A wie Adoxaceal (Moschuskrautgewächse) bis Z wie Zosteraceae (Seegrasgewächse). Die ältesten Exemplare hat Hermann Hoffmann noch selbst gesammelt. »Die hat uns seine Urenkelin vermacht«, sagt de Jong und zückt aus einer Mappe einen getrockneten Wolfs-Eisenhut. Auf einem Etikett ist zu lesen, dass Hoffmann die Pflanze am 1. Juni 1872 am Hangelstein gesammelt hat. »Das ist sehr interessant«, sagt de Jong. »Die Pflanze wächst heute noch dort. Sie kommt im gesamten Umkreis lediglich dort vor.« Gut möglich also, dass dieses hochgiftige Gewächs zur Ausrottung des Wolfes beigetragen hat. Denn die Pflanze trägt ihren Namen, weil mit ihr früher tatsächlich Wölfe vergiftet worden sind.

Die Sammlung der getrockneten Pflanzen wäre weitaus größer, wenn das Botanische Institut am Brandplatz während des Zweiten Weltkriegs nicht zerbombt worden wäre. Damals seien nahezu alle Belege des Herbariums zerstört worden, sagt de Jong.

Doch mit den Jahren wurde es wieder aufgebaut. Noch heute streifen de Jong und seine Kollegen regelmäßig durch die Natur und sammeln Pflanzen ein, die dann anschließend schonend getrocknet werden. »In diesem Jahr sind wir schon wieder bei Beleg 560 angelangt«, sagt der Biologe. Denn auch in modernen Zeiten spiele das Sammeln von Pflanzen eine große Rolle für die Wissenschaft.

»Herbarbelege sind in vielerlei Hinsicht spannend für die Forschung«, sagt de Jong. So könnten zum Beispiel Evolutionsfragen geklärt und Erkenntnisse darüber gewonnen werden, wie sich bestimmte Arten entwickelt haben. Durch die Molekulargenetik hätten Herbarien zudem eine zusätzliche Bedeutung erlangt. »Man denkt vielleicht, es handelt sich nur um gepresstes Heu. In Wirklichkeit sind es Objekte, aus denen DNA extrahiert werden kann. So können auch Hunderte Jahre alte Pflanzen für moderne Untersuchungen genutzt werden.«

Die Sammlung umfasst Pflanzen aus allen Teilen der Erde. So haben sich Botaniker durch den Urwald Kolumbiens gekämpft und indonesische Inseln durchforstet. Um an exotische Pflanzen zu gelangen, müssen sie aber nicht immer um die halbe Welt reisen. Manchmal reicht ein Schritt vor die Tür. »25 Prozent stammen aus dem Botanischen Garten«, verrät de Jong.

Man könnte meinen, für Biologen sei das Bestimmen von Pflanzen ein Klacks. Dem ist aber nicht immer so. Manchmal kommen sogar externe Experten ins Herbarium, um bei der Bestimmung zu helfen bzw. falsch bestimmte Pflanzen zu korrigieren. »Es gibt Familien, die sehr schwer zu erkennende Merkmale haben. Einige Arten, wie etwa Weiden, haben zudem die Eigenschaft, schnell zu hybridisieren. Durch diese Vermischung kommt das Bestimmen einem Puzzle gleich.«

Dieser Aufgabe haben sich die Spezialisten aus der Hermann-Hoffmann-Akademie verschrieben. Auch wenn sie nur mit einem Bruchteil der rund 23 000 Herbarien arbeiten. Den Rest wegen des Platzmangels zu entsorgen, sei jedoch keine Option, betont de Jong: »Man weiß schließlich nicht, welche Pflanzen in 20, 50 oder 100 Jahren interessant sein können.« Schmunzelnd fügt er hinzu: »Ein Buch, das ein paar Jahre nicht ausgeliehen worden ist, schmeißt man schließlich auch nicht weg.«

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