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Vladimir Sorokin FOTO: JOU

Bibliophiles Gelage mit Büchern als Grillgut

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Gießen(jou). Im Rahmen der "Kleine Fächer Wochen" präsentierte das Slavistik-Institut im Hermann-Levi-Saal den prominenten russischen Autor Vladimir Sorokin (geb. 1955). Der Vertreter des "Moskauer Konzeptualismus" las aus seinem jüngsten Roman "Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs". Wie Prof. Dirk Uffelmann zur Einführung anmerkte, begann Sorokin seinen künstlerischen Werdegang als Maler, sei aber seit den 1980er Jahren vor allem als Prosa-Schriftsteller berühmt geworden. In der Forschung werde Sorokin als "Bauchredner" bezeichnet, lasse er doch fremde Stimmen zu Wort kommen.

Auch wenn er mittlerweile als kanonischer Autor gilt, konnte man sich schon bei der sarkastischen Anfangspassage von "Manaraga" leicht vorstellen, dass Sorokin mit seiner experimentellen Literatur Kontroversen ausgelöst hat. Als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt, führt der Ich-Erzähler vor Augen, wie er für seine Kundschaft Bücher zum Grillen zweckentfremdet. Als Kochkünstler zelebriert er ein "bibliophiles Gelage", lässt in seinen "Lesungen" Seite für Seite zu Fleisch oder Fisch brutzeln.

Transparenz als Ziel

Sorokin zeichnet ein erschreckendes Szenario einer nahen Zukunft, in der Bücher nicht mehr gedruckt werden und nur noch in Archiven und Museen vorzufinden sind. Satirisch zugespitzt erhalten vor diesem Hintergrund Äußerungen des Protagonisten wie "das Buch muss man lieben" eine ganz neue Bedeutung. Dieser verdient Geld damit, vermögenden Kunden gestohlene Museumsexemplare für das "Book’n’Grill" in Flammen aufgehen zu lassen. Den immer höhere Ansprüche entwickelnden Gourmets serviert der Protagonist etwa "Thunfischsteak auf Moby Dick".

Es bildet sich eine eigene Gastronomiebranche heraus. Über allem schwebt "das Schwert des Gesetzes" - Haftstrafen drohen, die indes kaum jemanden von dem üblen Geschäft abhalten. In einer weiteren Passage blickt der Protagonist auf seine familiären Wurzeln zurück.

Sorokin las mit leiser Stimme auf Russisch, Dirk Uffelmann trug die Übersetzung vor. Bei aller Bescheidenheit hatte der Autor im Publikumsgespräch schlagfertige Antworten parat, konterte etwa ebenso humorvoll wie scharfsinnig die respektlose Unterstellung einer Besucherin zu seinen zu "Klassikern" gewordenen Texten. Alle seine Bücher seien, wie Sorokin ausführte, Fiktionen und "Ausdruck einer kollektiven europäischen Angst". Manchmal würden dabei nicht geplante Dinge passieren. Beispielsweise habe er 2005 eine Novelle über die Zukunft Russlands geschrieben, und ein paar Jahre später sollten darin zentrale Gedanken zur Abschottung des Landes Realität werden.

Sorokin betonte, stets eine Sprache zu verwenden, die für alle Nationen verständlich sei, und reihte sich unter Autoren wie Lew Tolstoi und Anton Tschechow ein. "Transparenz" sei sein eigentliches Ziel, und diesem Ideal wird er durchaus gerecht, wie bei der spannenden Lesung deutlich wurde.

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