Beweise im arktischen Eis

Wer einen Schritt vorankommen möchte, muss manchmal erst zwei Schritte zurück gehen. Oder drei Kilometer tief ins arktische Eis bohren. Unter anderem anhand so gewonnener Proben untersuchen Forscher, wie sich die Erdatmosphäre in den vergangenen 800 000 Jahren verändert hat. Ihre Erkenntnisse seien eindeutig, sagte Prof. Thomas Stocker im sechsten Teil der Ringvorlesung des JLU-Präsidenten "Energie(w)ende – Denken, forschen und handeln in Jahrzehnten und Jahrhunderten" am Montagabend in der Uni-Aula.

Wer einen Schritt vorankommen möchte, muss manchmal erst zwei Schritte zurück gehen. Oder drei Kilometer tief ins arktische Eis bohren. Unter anderem anhand so gewonnener Proben untersuchen Forscher, wie sich die Erdatmosphäre in den vergangenen 800 000 Jahren verändert hat. Ihre Erkenntnisse seien eindeutig, sagte Prof. Thomas Stocker im sechsten Teil der Ringvorlesung des JLU-Präsidenten "Energie(w)ende – Denken, forschen und handeln in Jahrzehnten und Jahrhunderten" am Montagabend in der Uni-Aula.

Die Kohlendioxid-Konzentration sei um mehr als 30 Prozent gestiegen, die Menge an Methan um 150 Prozent – und zwar beginnend vor 250 Jahren. "Sind die Klimaziele von Paris bereits verloren?", fragte der Berner Umweltphysiker deshalb in seinem gleichnamigen Vortrag. Zumindest wenn die bisherige Entwicklung ungebremst weitergeht, scheint die Antwort sicher: Ja!

195 Staaten hatten Ende 2015 in Frankreich beschlossen, die Erderwärmung auf höchstens zwei Grad Celsius zu begrenzen, verglichen mit der vorindustriellen Zeit. Allein von 1880 bis heute sei die globale Temperatur aber schon um ein Grad gestiegen, berichtete Stocker, der Mitglied des UNO-Weltklimarates ist. Die Ursache dafür liege nicht etwa in natürlichen Schwankungen, sondern im Verbrennen von Kohle, Öl und Gas sowie dem entsprechenden Ausstoß von CO2: "Der Einfluss des Menschen auf das Klimasystem ist klar."

Schließlich hätten Wissenschaftler die Korrelation zwischen Kohlendioxidgehalt der Luft und Temperaturanstieg zweifelsfrei nachgewiesen. 790 Milliarden Tonnen emittiertes CO2 ergäben im globalen Mittel zwei Grad mehr, rechnete Stocker vor. 575 Milliarden Tonnen aus fossilen Energieträgern seien inzwischen in der Atmosphäre, jährlich kämen zehn Milliarden Tonnen dazu. Mit anderen Worten: "Ändert sich nichts, ist unser Budget 2040 aufgebraucht. Dann werden wir das Pariser Ziel verloren haben."

Unterdessen ist der Klimawandel längst Realität. Als Beispiele nannte Stocker das Schmelzen der Gletscher sowie der Eiskappen an den Polen und den damit verbundenen Anstieg der Meeresspiegel, aber auch die "Veränderung des Wasserkreislaufs" generell, das heißt die Tatsache, dass in manchen Regionen der Erde Überschwemmungen, andernorts Dürren immer häufiger werden. Hier säuft fruchtbares Land ab, dort verwandelt es sich in staubige Wüsten. In beiden Fällen sei der Klimawandel "ein Ressourcen-Problem", so Stocker – und Klimaschutz folglich "Ressourcen-Schutz".

Gesundheitsrisiko

Für die Zukunft entwarf der Experte zwei Szenarien: In der "business as usual"-Variante drohe bis 2100 ein Temperaturanstieg von bis zu vier Grad, in der "Klimaschutz"-Version winke eine Erwärmung um nur ein Grad. Hinter diesen Zahlen steckt nicht zuletzt ein Risiko für die menschliche Gesundheit.

Stichwort "Feuchte-Temperatur": Steige diese über 32 Grad, seien längere körperliche Anstrengungen unmöglich, bei mehr als 35 Grad drohe selbst in Ruhe nach sechs Stunden der Kreislaufkollaps, erklärte Stocker. Schon jetzt seien die Werte mancherorts bedenklich; im schlechtesten Fall breiteten sich die kritischen Zonen erheblich aus, während etwa am Persischen Golf ganze Landstriche fast unbewohnbar würden.

Gerade dieser Befund lässt sich allerdings auch ins Positive wenden. "Wir bekommen etwas zurück, wenn wir den Klimawandel begrenzen", meinte Stocker. Konkret forderte er, den globalen CO2-Ausstoß bis 2050 auf null zu senken. Der Mechanisierung, der Elektrifizierung und der Digitalisierung müsse bis dahin die Dekarbonisierung als "vierte industrielle Revolution" folgen. Dieser Begriff sei wiederum "ein optimistischer", denn er stehe gleichermaßen für intelligentere Produkte, neue Arbeitsplätze und bessere Lebensqualität.

Und was wird nun aus Paris? Explizit beantwortete Stocker das nicht. Stattdessen brandmarkte er die "Trägheit" politischer Entscheidungsprozesse – und schloss mit Blick auf die Energiewende doch zuversichtlich: "Das müssen wir als Industrieländer einfach packen." (Foto: csk)

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