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Bewährungsstrafe für Rollstuhlfahrer wegen Diebstahls

Das Amtsgericht Gießen hat einen Rollstuhlfahrer wegen zahlreicher Diebstähle zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt. Seine Behauptung, er leide an Kleptomanie, konnte ein Gutachter widerlegen. Nach seiner Ansicht war der Angeklagte voll schuldfähig.

Gießen (sha). Dieser Mann will Service. Schnell, direkt und ohne Kompromisse. Wenn ein Verkäufer nicht sofort zur Verfügung steht, nimmt der 54-Jährige die Sache selbst in Hand. Und zwar im wahrsten Wortsinn: Egal, ob Socken, CDs, Turnschuhe, Brillen, Deo oder Lampen – der Gießener klaut es. Eigenen Angaben zufolge "aus Trotz". Vor den Augen der Angestellten. Denn schnell wegrennen kann der Mann nicht. Seit über zehn Jahren sitzt er im Rollstuhl.

Entsprechend oft ist er erwischt worden. Es dauerte eine Weile, bis am Freitag am Gießener Amtsgericht alle angeklagten Taten verlesen waren. Von August 2013 bis Januar 2014 griff der gelernte Bürokaufmann 13-mal zu. Der Wert des Diebesgutes: mehrere Hundert Euro.

Der Prozess musste bereits einmal unterbrochen werden, weil der 54-Jährige behauptet hatte, an Kleptomanie zu leiden. Richter Wolfgang Hendricks hatte deshalb einen psychiatrischen Gutachter bestellt. Tatsächlich berichtete dieser Mediziner aber am Freitag, er habe keine derartige Erkrankung feststellen können. Im Gegenteil: Der Gießener sei voll schuldfähig. Stattdessen attestierte der Arzt dem Mann eine dissoziale Persönlichkeitsstörung. Das erkläre dessen mangelnde Impulskontrolle, die aggressive Grundhaltung sowie das fehlende Schuldbewusstsein. Ein Kleptomane habe hingegen nach der Tat erhebliche Schuldgefühle.

Der 54-Jährige gab sich nach diesen Ausführungen reumütig. "Es tut mir alles leid", beteuerte er. Zudem habe er immer das Gefühl gehabt, von den Verkäufern "angestarrt statt bedient" zu werden. Da habe er sich gedacht: "Euch zeige ich’s." Wohl wissend, dass er dabei beobachtet wurde, habe er die geklauten Objekte in seinem Rollstuhl verstaut und sich daran gemacht, die jeweiligen Läden zu verlassen. Mit Blick auf die zahlreichen einschlägigen Vorstrafen empfahl Psychiater Dr. Jens Ulferts, der Angeklagte solle an einer psychotherapeutischen Verhaltenstherapie teilnehmen. Haft- und Bewährungsstrafen, die der Gießener bereits hinter sich hat, würden nur zu einer Unterbrechung der Klauerei führen. Eine Therapie könne jedoch etwas ändern, schätzte Ulferts. Vor allem, wenn der Gießener gewillt sei, an sich zu arbeiten. Das bejahte der Angeklagte ausdrücklich.

Richter Hendricks folgte der ärztlichen Empfehlung. Wie von der Staatsanwaltschaft gefordert, verhängte er eine einjährige Bewährungsstrafe gegen den Mann. Als Auflage muss der Gießener sich allerdings einer Therapie unterziehen.

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