In Gießen ist ein Mann wegen einer Vergewaltigung auf einer WG-Feier zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. (Symbolbild)
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In Gießen ist ein Mann wegen einer Vergewaltigung auf einer WG-Feier zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. (Symbolbild)

Gerichtsprozess

„Von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde geworden“: Bewährungsstrafe nach Vergewaltigung auf WG-Party in Gießen

  • VonConstantin Hoppe
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Ein 27 Jahre alter Assistenzarzt soll eine WG-Mitbewohnerin vergewaltigt haben. Nun ist das Urteil gegen den Mann gefallen.

Gießen – Ein Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung für eine Vergewaltigung: Am Freitagmittag fiel vor dem Gießener Amtsgericht das Urteil gegen einen 27-jährigen Assistenzarzt, der vor zweieinhalb Jahren seine WG-Mitbewohnerin vergewaltigt haben soll. Vor dem Urteilsspruch nutzte der Angeklagte seine Chance auf ein letztes Wort und brachte unter Tränen sein Bedauern zum Ausdruck. Er übergab ein Entschuldigungsschreiben an die Vertreterin der Geschädigten, die als Nebenklägerin auftrat: »Bitte lesen sie es sich durch. Falls sie denken, dass es in Ordnung ist, geben Sie es bitte weiter«, sagte er.

Vergewaltigungsprozess in Gießen: „Ärztedichte wie auf einem Golfplatz“

»Wir haben mit diesem Verfahren einen Ausflug in eine andere Welt gemacht: Es gab hier im Saal eine Ärztedichte wie auf einem Golfplatz«, leitete Staatsanwalt Rouven Spieler sein Plädoyer ein. »Aber eine Vergewaltigung ist keine Frage der sozialen Schicht.« Für ihn stand fest, dass sich die Tat wie angeklagt ereignet hat: Am 27. Oktober 2018 betrat der Angeklagte im betrunkenen Zustand das WG-Zimmer seiner heute 26 Jahre alten Mitbewohnerin, legte sich zu der Schlafenden, zog ihr BH und Unterhose aus beziehungsweise herunter und verging sich an ihr.

»Er ist in dieser Nacht von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde geworden«, sagte Spieler. Neben den Aussagen der Geschädigten bestätigten auch Indizienbeweise wie DNA-Spuren an dem Angeklagten und der Geschädigten diese Abläufe für die Staatsanwaltschaft. Auch eine Schuldunfähigkeit sei für die Tat nicht gegeben, eine verminderte Schuldfähigkeit wegen hohen Alkoholkonsums jedoch sehr wohl. Deshalb plädierte der Staatsanwalt für eine Freiheitsstrafe über ein Jahr für den Angeklagten, die zur Bewährung ausgesetzt werden sollte. Zudem forderte er eine Geldzahlung in Höhe von 10 000 Euro, die zu gleichen Teilen an die Geschädigte und eine soziale Einrichtung getätigt werden solle. Auch die Nebenklage schloss sich der Staatsanwaltschaft an.

Vergewaltigungsprozess in Gießen: Staatsanwalt kritisiert Anwältin

Anders sahen das die beiden Verteidigerinnen, Anja Riemann-Uwer und Dagmar Nautscher. Aus Sicht der Verteidigung müssten die Vorgänge der Tatnacht »nur« als sexuelle Nötigung gewertet werden. Wie Riemann-Uwer sagte, hätten diese sogar in einem schuldunfähigen Zustand stattgefunden. Denn in der Tatnacht habe ein »pathologischer Rausch« bei ihrem Mandanten bestanden, der mit einer Aufhebung der Schuldfähigkeit einhergehe. Dazu erläuterte sie in ihrem Plädoyer auch deren Eingangskriterien wie ein anschließender Tiefschlaf mit Gedächtnisverlust sowie eine komplette Persönlichkeitsveränderung in der Zeit des Rausches. Alle Punkte seien bei dem 27-Jährigen in der Tatnacht erfüllt gewesen. Zum Abschluss ihres Plädoyers fügte sie hinzu: »Es geht bei unserem Mandanten auch um seine private und berufliche Existenz. Eine Verurteilung wegen einer Vergewaltigung würde ihn sein ganzes Leben lang brandmarken.«

Doch diese Ausführungen der Verteidigung wollte Staatsanwalt Spieler so nicht stehen lassen: »Ich bin überrascht von dieser manipulativen Art wie hier Entscheidungen zitiert werden«, reagierte er auf die Verteidigerin: »Aber wenn man nur jeden zweiten Satz einer Entscheidung zitiert, dann passt das auch. Aber zu einem pathologischen Rausch gehört auch, dass der Betroffene wie ein Psychopath handelt. Das war nicht der Fall.«

Vergewaltigungsprozess in Gießen: Entschuldigung positiv gewertet

Das Gericht schloss sich den Ausführungen der Staatsanwaltschaft an. Dass es bei einer vergleichsweise milden Strafe blieb, liegt auch daran, dass sich die Tat aus Sicht des Gerichts aufgrund des Alkoholeinflusses in strafmilderndem Zustand zugetragen habe: »Allerdings ist das kein gutes Argument in dieser Situation. Denn der Alkoholeinfluss hat die Tat auch verursacht«, meinte der Richter. Außerdem ist der Angeklagte bislang in keinster Weise strafrechtlich in Erscheinung getreten. »Und es war nur ein ›leichter‹ Fall von Vergewaltigung. Er befindet sich juristisch am unteren Rand der Schwere einer Vergewaltigung«, erklärte der Richter weiter. Auch nahm das Gericht die Entschuldigung des Angeklagten positiv wahr.

Die Haftstrafe von einem Jahr wird für eine zweijährige Bewährungszeit ausgesetzt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. (con).

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