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Ein Tag nach der Irrfahrt im Sommer 2020: An dieser Stelle hat die Polizei den Tatverdächtigen geschnappt.

Verfolgungsjagd

Bewährung für »Chaosfahrt« über Seltersweg

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Auf der Flucht vor der Polizei raste ein Mann im vergangenen Sommer mit seinem Auto über den gut besuchten Seltersweg. Er hatte Drogen und Alkohol im Blut. Am Dienstag ist dem 29-Jährigen am Gießener Amtsgericht der Prozess gemacht worden.

Richterin Sonja Robe hält ein Blatt Papier in den Händen. Es ist beidseitig beschrieben. Eine schöne Handschrift attestiert Robe dem Verfasser, »und kein einziger Rechtschreibfehler«. Trotzdem handelt das Papier von einem Fehler. Geschrieben hat diesen »offenen Brief« Jan Müller (Name geändert). Er bittet darin bei den Menschen um Verzeihung, die er am 11. Juli 2020 auf dem Seltersweg beinahe überfahren hätte. Dass alle mit dem Schrecken davon gekommen sind, bezeichnet Robe als »verdammt großes Glück«. Am Dienstag ist Müller am Amtsgericht Gießen wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr, Fahren ohne Führerschein, fahrlässiger Trunkenheitsfahrt sowie versuchter gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt worden. Ins Gefängnis muss der 29-Jährige aber nicht: Das Schöffengericht setzte die Strafe zur Bewährung aus.

Der 11. Juli 2020 ist ein Samstag. Die erste Welle der Corona-Pandemie ist abgeebbt, in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens ist Normalität zurückgekehrt. So auch in der Gießener Innenstadt. Die Geschäfte haben wieder geöffnet, der Seltersweg ist gut besucht. Währenddessen, so schildert es Oberstaatsanwalt Frank Späth, sitzt Müller in seinem Auto und fährt die Ludwigstraße entlang.

Mit 50 km/h über belebten Seltersweg

Mit Alkohol und Amphetamin im Blut, gestohlenen Nummernschildern und fehlender Fahrerlaubnis. Angeschnallt ist er auch nicht. Letzteres fällt einer Polizeistreife auf, die auffälligen Fahrspurwechsel machen die Beamten ebenfalls misstrauisch. Zu einer Kontrolle kommt es aber nicht: Anstatt wie aufgefordert anzuhalten, drückt Müller aufs Gas und liefert sich mit der Polizei eine wilde Verfolgungsjagd. Sie führt unter anderem über die Neuen Bäue und die Johannesstraße. Am Ende fährt Müller in den Seltersweg, wo ihm die Beamten dann den Weg abschneiden und festnehmen können.

Dass auf der belebten Einkaufsstraße niemand zu Schaden gekommen ist, grenzt an ein Wunder. Laut einem Gutachten, das Richterin Robe vorlas, war Müller mit mindestens 50 km/h durch den Seltersweg gerast, der Bremsweg betrug demnach knapp 22 Meter. Laut Späth konnten einige Passanten gerade noch ausweichen. Besonders gefährlich sei die Situation vor dem Backshop bei Karstadt gewesen, wo eine Gruppe Menschen im letzten Moment von ihren Stühlen gesprungen sei. »Darunter war auch eine Schwangere«, sagte Späth und betonte, dass eine Frau mit Kinderwagen kaum ein Chance zum Ausweichen gehabt hätte.

»Ich bin heilfroh, dass niemanden etwas passiert ist«, betonte Müller am Dienstag vor Gericht. Ähnliche Worte fand er auch in dem Brief, den er kurz nach der Tat in der Untersuchungshaft geschrieben hatte. Zu den Einzelheiten der »lebensgefährlichen Chaosfahrt«, wie Späth es bezeichnete, wollte sich der Angeklagte nicht äußern. Er schilderte aber, warum er zu jener Zeit einfach »neben der Spur« gewesen sei.

»Meine Freundin und ich haben uns getrennt. Später habe ich erfahren, dass sie schwanger war und ohne mein Wissen abgetrieben hat.« Dieser »Schicksalsschlag« habe ihn aus der Bahn geworfen, zwischenzeitlich habe er keine Wohnung gehabt und habe in seinem Auto geschlafen.

Schwangere weicht gerade noch aus

Am Tattag, an dem Müller eine eher geringe Menge Alkohol (0,6 Promille), dafür aber umso mehr Amphetamine im Blut hatte, sei ihm alles zu viel geworden. »Ich wusste nicht, wohin mit mir.« Die Verfolgungsjagd bezeichnete er als Kurzschlussreaktion.

Sowohl Oberstaatsanwalt Späth als auch Richterin Robe bescheinigten dem Angeklagten eine positive Prognose. Das lag auch an einem wohlwollenden Bericht seiner Betreuerin aus dem Betreuten Wohnen, wo Müller seit einiger Zeit lebt. Seine Bemühungen bei der Jobsuche werteten sie ebenfalls positiv. Vor allem aber vertraten beide die Meinung, dass Müller seine Tat aufrichtig bereue.

Vor Gericht würden Angeklagte häufig Lippenbekenntnisse von sich geben, sagte Späth. »Bei Ihnen glaube ich, dass es ernst gemeint ist.« Er hielt daher eine Bewährungsstrafe verbunden mit 150 Arbeitsstunden für ausreichend. Seinen Führerschein solle der Angeklagte nach einer Frist von zwei Jahren erneut beantragen dürfen.

Verteidiger Tomasz Kurcab empfand das offenbar als fair, seine Forderung lag nur geringfügig darunter. Und auch Richterin Robe folgte weitestgehend. Lediglich die Sperrfrist für die Fahrerlaubnis setzte sie herab. »Vielen Arbeitgebern ist ein Führerschein wichtig«, sagte Robe und fügte an: »Das ist ein Zeichen, dass wir an Sie glauben.«

Dem Angeklagten war die Erleichterung anzusehen. Ihm war es offenbar gelungen, Staatsanwaltschaft und Gericht davon zu überzeugen, was er schon in seinem Brief geschrieben hatte: Dass er die Tat vom ganzen Herzen bereue. Und dass er eigentlich »ein ganz netter Kerl« sei.

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