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Für Arbeiten, die er später gar nicht oder nur in geringem Maße begonnen habe, habe sich der Tatverdächtige regelmäßig im Voraus bezahlen lassen. SYMBOLFOTO: MAC

Betrüger in Firmenkleidung

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Er kam mit Firmenwagen und in Firmenkleidung, arbeitete dann aber auf eigene Rechnung. Wegen gewerbsmäßigen Betrugs in mehreren Fällen sitzt ein ehemaliger Mitarbeiter einer Gießener Heizungsbaufirma in U-Haft. Kurios: Ein früherer Haftbefehl gegen ihn wurde auf- gehoben, weil das Amts-gericht keine Wieder- holungsgefahr sah.

Daniel Weber hatte keinen Grund, stutzig zu werden. Über einen Bekannten hatte er Kontakt zu einem Heizungsmonteur eines Gießener Unternehmens bekommen, der ihm für entsprechende Arbeiten bei der Kernsanierung seines Hauses ein gutes Angebot gemacht habe. "Er hat sich als Betriebsleiter ausgegeben. Das Angebot lag schriftlich vor. Mit Firmenstempel von Reitz-Topmann. Alles super", sagt der Mann, der sich nur Weber nennt, weil er nicht erkannt werden möchte. "Auch über die Vereinbarung zur Vorkasse in Höhe des Gesamtbetrags von 25 000 Euro habe ich mich nicht gewundert. Er hat es mit der hohen Nachfrage erklärt und gesagt, dass seine Firma ohne Vorauszahlung gar keine Baustelle mehr annehme. Da der Betrieb in Gießen sitzt und hier auch bekannt ist, habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht."

Im Spätsommer 2019 sei zunächst auch alles nach Plan gelaufen, erzählt Weber. Dass der Monteur zu dieser Zeit wegen gewerbsmäßigen Betrugs aber schon zweimal angeklagt war, konnte er nicht wissen. Der Arbeiter habe Firmenkleidung getragen, sei in einem Firmenwagen vorgefahren und habe wie vereinbart mit dem Auftrag begonnen. Teilweise habe er sogar mit mehreren Personen auf der Baustelle gearbeitet. Alle Absprachen seien reibungslos über seine Handynummer erfolgt. "Es war das Gewerk, mit dem ich auf der Baustelle den wenigsten Ärger hatte", sagt Weber. Deshalb habe er den Mann auch an Bekannte weiterempfohlen. Das bereut Weber heute sehr.

Mittlerweile sitzt der Heizungsmonteur nämlich in Untersuchungshaft. Bereits zum zweiten Mal. Das bestätigt Staatsanwalt Rouven Spieler, stellvertretender Sprecher der hiesigen Strafverfolgungsbehörde, die schon länger mit dem Fall vertraut ist. Es handele sich dabei um die Person, die kurze Zeit für Reitz-Topmann gearbeitet habe und in der Folge offenbar dazu übergegangen sei, sich weiterhin als Mitarbeiter auszugeben und auf diese Weise Geld zu ergaunern. "Wir haben den Tatverdächtigten bereits im Mai und im August 2019 wegen gewerbsmäßigen Betrugs in insgesamt fünf Fällen aus 2017 und 2018 angeklagt", sagt Spieler. Der damalige Haftbefehl wegen Wiederholungsgefahr sei vom Amtsgericht Gießen allerdings aufgehoben worden, weil man dort nicht von einer entsprechenden Wiederholungsgefahr ausgegangen sei. Eine Beschwerde der Staatsanwaltschaft gegen diese Entscheidung habe das Landgericht damals verworfen. Im Januar 2020 wurde der Mann aber zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten verurteilt. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig.

Die damalige Entscheidung von Amts- bzw. Landgericht könnte heute offenbar auch als folgenschwerer Irrtum bezeichnet werden. "Wir reden jetzt über insgesamt 13 Taten und eine Schadenssumme von 182 000 Euro", sagt Spieler. Der aktuelle Haftbefehl für das neue Verfahren bezieht sich auf zwei dieser 13 Fälle. Wann sich der dringend Tatverdächtige erneut vor Gericht verantworten muss, ist derzeit noch unklar.

Amtsgericht hebt Haftbefehl auf

Weber war die Problematik Anfang des Jahres aufgefallen, als mehrere Tage lang kein Bauarbeiter der Firma mehr auf seiner Baustelle aufgetaucht und auch über die Handynummer niemand mehr zu erreichen war, obwohl die Arbeiten nur zu etwa 80 Prozent fertiggestellt worden sind. "Ich habe dann zum ersten Mal bei Reitz-Topmann direkt angerufen und erfahren, dass der Mann nicht mehr dort beschäftigt ist und es meinen Auftrag offiziell auch gar nicht gab." Der Schock saß tief. "Ich konnte mir das nicht erklären, zumal auf meiner Baustelle auch eine Gasabnahme durch die Stadtwerke erfolgt ist und es dazu eine offizielle Fertigstellungsanzeige des Unternehmens geben muss", sagt Weber.

Sascha Reitz, Gesellschafter der Firma Reitz-Topmann und zugleich Obermeister der Gießener Innung für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, ist auch heute noch fassungslos über die Vorgänge. "Der Mann hat von September 2019 bis Februar bei uns gearbeitet, war davon aber sehr lange Zeit krankgeschrieben. Als wir von den Machenschaften erfahren haben, war er schon nicht mehr da", sagt Reitz. In seiner Funktion als Obermeister habe er mittlerweile erfahren, dass der Monteur auch bereits früher als Angestellter zweier Firmen aus dem Kreisgebiet auf ähnliche Weise betrogen und unter anderem Unterlagen gefälscht habe. Dass Monteure Firmenkleidung und Techniker im Notdienst auch Firmenfahrzeuge mit nach Hause nehmen würden, sei indes üblich und eine Frage der Effektivität. "Sie sollen im Notfall ja schnell bei den Kunden sein"; sagt Reitz. Zwar sei klar vereinbart, dass die Fahrzeuge nur zu dienstlichen Zwecken genutzt werden dürfen, dies zu kontrollieren sei allerdings kaum möglich. Auch Schwarzarbeit sei in den Arbeitsverträgen bei Reitz-Topmann klar ausgeschlossen. Da habe man "null Toleranz". Aber: "Wenn jemand betrügen will, ist es für jede Firma schwer, ihn daran zu hindern." Als Obermeister hoffe er nun darauf, dass kein weiterer Betrieb mehr auf diesen Mann hereinfallen werde.

Obermeister Reitz fassungslos

In dem anstehenden Verfahren geht es darum, dem Tatverdächtigen gewerbsmäßigen Betrug nachzuweisen. Zum Teil sei er unangemeldet bei älteren Menschen aufgetreten und habe behauptet, dass deren Heizung repariert werden müsse. Für die Arbeiten, die er später gar nicht oder nur in geringem Maße begonnen habe, habe er sich regelmäßig im Voraus bezahlen lassen. Bei einer 80-jährigen Frau soll er sogar zweimal zugeschlagen und auf diese Weise offenbar insgesamt 11 000 Euro gefordert und 10800 Euro erhalten haben, sagt Spieler. Für Weber ist die Tatsache, dass nicht nur er auf den Betrüger in Firmenkleidung hereingefallen ist, aber nur ein schwacher Trost.

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