+
Wladimir Kaminer findet in seinen Geschichten immer im Tragischen das Komische. Foto: Sebastian

"Das beste Buch meines Lebens"

  • schließen

Privat ein Russe, beruflich ein deutscher Schriftsteller, ist Wladimir Kaminer die meiste Zeit unterwegs mit Lesungen und Vorträgen. Am 5. Dezember kommt der 52-Jährige in die Kongresshalle und stellt sein neues Buch "Liebeserklärungen" vor. Im Interview erzählt er vorab von verliebten Töchtern, Putins nacktem Oberkörper und dass ein deutscher Porno den Zusammenbruch der Sowjetunion eingeleitet hat.

Nach Büchern über Kreuzfahrten, Schrebergärten und Pubertät: Warum haben Sie sich jetzt ausgerechnet das Thema Liebe für Ihr neuestes Buch ausgesucht?

Wladimir Kaminer: Ich versuche immer, im Tragischen etwas Komisches zu finden. Und das trifft besonders auf Liebesgeschichten zu. Es kommt nie so, wie man denkt. Aber man hat trotzdem das Gefühl, dass die Menschen glücklich sind.

Wie viel von Ihrer eigenen Liebes- und Familiengeschichte steckt drin?

Kaminer: Zunächst einmal gibt es die erste Liebesgeschichte meiner Mutter. Sie ist jetzt 88. Ich habe gemerkt, wie wichtig ihr diese Liebesgeschichte noch heute ist. Sie hat sie mir nicht umsonst erzählt. Sie wusste nicht, dass ich Schriftsteller bin. Nun hat sie das Buch gelesen und mir gedroht: Ich werde dich verklagen. Aber das war nicht ernst gemeint.

Und Ihre Tochter ist Ihnen hoffentlich auch nicht böse, dass Sie über ihre Liebe zu einem Rockstar geschrieben haben?!

Kaminer: In der Geschichte ist es die Liebesgeschichte der Freundin meiner Tochter. Aber Sie haben das schon richtig erkannt: Das war eine Verfremdung. Meine Tochter berichtet mir ausführlich über ihre Abenteuer in Bezug auf das Ausgehen. Sie hat erkannt, dass es im Leben eines Menschen einen Mehrwert gibt, wenn er zum Gegenstand von Literatur wird. Es macht schon ohnehin Spaß, Mensch zu sein. Wenn du aber davon ausgehen kannst, dass deine Geschichte noch in 100 Jahren gelesen werden kann, das hat schon etwas.

Stimmt es, dass das Buch "Theorie und Praxis der Liebe" heißen sollte?

Kaminer: Das Wort Liebe ist so ein pathetischer Begriff, ich wollte einfach die Pathetik rausnehmen. Es gab in meiner Heimat, der Sowjetunion, im Untergrund ein politisches Magazin, das hieß "Theorie und Praxis der kommunistischen Diktatur". Es ging darum, dass in diesem Staat Theorie und Praxis sehr weit auseinanderlagen. Es wurde das eine gesagt und das andere gemacht. In der Liebe ist das auch nicht anders. Was man in der Praxis bekommt, hat mit dem, wie man es sich vorgestellt hat, nicht viel zu tun. Das ist der Witz in meinen Geschichten.

Ihre Frau Olga liest sicher Ihre Texte. Wie geht man als Ehepaar mit Kritik um?

Kaminer: Sie hat inzwischen sicherlich die Nase voll von meinen Texten.

Was ist der ultimative Liebesbeweis?

Kaminer: So etwas gibt es nicht. Es geht um ständiges Geben und Nehmen. Wenn dieses Gleichgewicht nicht stimmt, ist es in meinen Augen keine Liebe.

Lieben und flirten Russen anders als Deutsche?

Kaminer: In Russland sind die archaischen Formen des Zusammenlebens noch etwas ausgeprägter als in Europa. Die Frauen sind nicht gleichberechtigt und abhängig von den Männern. Männer lassen sich eher gehen, haben dicke Bäuche und Frauen sind schick und tough. Ich glaube, dass Russland in Wahrheit gar nicht von Putin, sondern von Frauen regiert wird. Die agieren im Hintergrund.

Entblößt Putin daher gerne seinen Oberkörper, als Beweis seiner Männlichkeit?

Kaminer: Hand aufs Herz: Sein Oberkörper ist auch nicht mehr das, was er mal war. Dieser Kampf gegen die Zeit ist aussichtslos.

Ist es wahr, dass der deutsche Porno "Unter’m Dirndl wird gejodelt" in den 80er Jahren im russischen Staatsfernsehen lief, um die Russen "lockerer" zu machen?

Kaminer: Das war 1990. Ich bin sicher: An der Ausstrahlung dieses Pornos ist die Sowjetunion zerfallen. Das beschreibe ich auch im Kapitel: "Liebeserklärung an alle Russen".

Und welche Auswirkungen hat das Internet auf unser Liebesleben?

Kaminer: Von meiner Tochter weiß ich, dass sich manchmal auch auf Tinder nette Leute kennenlernen - und sogar bleiben. Man kann das Internet nicht für Empathieverlust verantwortlich machen.

Aber es ist leichter, jemanden auf dem Smartphone zur Seite zu wischen, als ihm persönlich einen Korb zu geben.

Kaminer: Das stimmt. Das Internet hat auf jeden Fall große Wirkungen auf zwischenmenschliche Beziehungen. Ob das die Menschen nun näher zusammenbringt, weiß ich nicht. Ich schreibe in meinem neuen Buch gerade über diese Generation und komme damit auch zurück zu meiner Familiensituation mit erwachsenen Kindern. Die sind 23 und 20. Und es geht um Eltern, die immer kindischer werden, wie meine Mutter. Das wird überhaupt das beste Buch meines Lebens.

Wann wird es erscheinen?

Kaminer: Nächstes Jahr.

Ich nutze mal die Chance, einen Insider zu befragen: Wir hatten kürzlich in unserer Zeitung eine Artikel-Serie über Russlanddeutsche. Dabei wurde klar, dass sich diese Gruppe sehr abschottet. Warum ist das so? Oder täuscht der Eindruck?

Kaminer: Ich glaube nicht, dass das eine Frage der Mentalität ist. Ich kenne viele Russlanddeutsche, die sich sehr gut integriert haben, aber voller Zärtlichkeit über ihre Vergangenheit reden. Als Lesereisender und Geschichtenerzähler habe ich die Erfahrung gemacht, dass sehr viele Russlanddeutsche zu meinen Lesungen kommen. Sie haben also ein Interesse an deutscher Literatur und interessieren sich für das, was im Land passiert. Es wurde viel darüber berichtet, dass Russlanddeutsche verstärkt die AfD wählen. Gut, sie haben vielleicht die falsche Partei gewählt, aber allein die Tatsache, dass sie gewählt haben, zeigt doch, dass sie gewillt sind, am politischen Betrieb dieses Landes teilzunehmen. Und das ist doch zumindest ein gutes Zeichen. Ich glaube übrigens nicht, dass es bestimmte Charaktereigenschaften bei einer Bevölkerungsgruppe gibt. Die Erfahrung der Menschheit zeigt, dass selbst die zivilisiertesten Völker früher Kannibalen waren. Deutschland ist ein tolles Land, bietet jede Menge Möglichkeiten zur Selbstentfaltung - und das wissen immer mehr zu schätzen.

Da haben Sie jetzt wieder etwas sehr Kluges gesagt. Aber in Talkshows wird auch nach solchen Sätzen oft sofort gelacht. Ärgert Sie das nicht manchmal, dass Sie auf diese Witzigkeit reduziert werden?

Kaminer: Mit Humor kann man auch immer Kritik ausdrücken, die man sonst nicht greifen könnte. Humor ist ein perfektes Mittel für ein offenes Gespräch in einer Gesellschaft.

Was erwartet die Besucher bei Ihrer Lesung, kommen sie mit Ihnen in Dialog?

Kaminer: Ich werde in Gießen aber auch schon der Zeit voraus sein und noch unveröffentlichte Geschichten aus dem Buch lesen, das im nächsten Jahr erscheint. Ich schreibe über erwachsene Kinder und über dieses Traumland Deutschland - aber natürlich aus humorvoller Perspektive.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare