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Klimawandel

Bäume im Gießener Bestattungswald sterben

  • Burkhard Möller
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Der Klimawandel hat den Gießener Bestattungswald auf dem Schiffenberg erreicht. Über 30 Bäume mit 82 Ruhestätten müssen wegen Bruchgefahr gefällt oder stark eingekürzt werden.

Benjamin Lakowski tippt den gebrochenen Ast der Buche mit seinem Arbeitsschuh an und zeigt hoch in die Wipfel. "Der kam von da oben, ganz plötzlich", erläutert der Baumexperte des städtischen Gartenamts. Für jeden Waldbesucher wäre das schätzungsweise 80 Kilogramm schwere Bruchholz zu einem tödlichen Geschoss geworden.

Es ist nicht irgendein Waldstück, durch das sich am Montagnachmittag die Vertreter der Stadt vorsichtig bewegen. Am Ortsrand des Pohlheimer Stadtteils Hausen endet der Gießener Bestattungswald. Fast 1000 Bestattungen haben hier seit 2012 bereits stattgefunden; und der Trend zur letzten Ruhe im Wald ist weiterhin ungebrochen. Aber das könnte sich womöglich bald ändern, denn die letzten zwei bis drei Dürrejahre sind auch an dem Buchenwald auf der Südostseite des Schiffenbergs nicht spurlos vorübergegangen.

Bei routinemäßigen Baumpflegearbeiten war den Mitarbeitern der Stadt der problematische Zustand von Teilen des Bestattungswalds aufgefallen. Es geht um den Bereich im Südosten, der schon etwas ausgelichtet und einer intensiven Sonneneinstrahlung ausgesetzt ist. "Die Sonne hat hier volle Angriffsfläche. Der Buche tut das gar nicht gut", erläutert Lakowski.

Um am Fuß des Schiffenbergs überhaupt weiter Baumbestattungen durchführen zu können, müssen also Verkehrssicherungsmaßnahmen durchgeführt werden. Zehn Bestattungsbäume müssen gefällt, 22 stark eingekürzt werden. Davon betroffen sind 82 Ruhestätten und weitere 56 Stellen, die vorsorglich erworben wurden, aber noch nicht belegt sind. "Für die Angehörigen sind das schlimme Nachrichten", sagt die für das Garten- und Friedhofsamt zuständige Stadträtin Gerda Weigel-Greilich.

Die Angehörigen bzw. die Erwerber von Belegungsrechten sind von der Stadt bereits angeschrieben worden. Zwischen 120 und 130 Schreiben seien rausgegangen, das Friedhofsamt biete in jedem Fall Einzelgespräche an, erläutert Mitarbeiter Roland Kauer.

Die Betroffenheit fällt unterschiedlich aus. Die eingekürzten Bäume bleiben stehen, verlieren aber etwas an ihrer imposanten Erscheinung, während im Fall der Fällungen nur ein etwa ein Meter hoher Stamm stehen bleibt, an dem die Plaketten mit den Namen der Verstorbenen angebracht werden sollen. Umbettungen seien auch schon auf normalen Friedhöfen rechtlich nicht einfach durchzuführen, aber in Bestattungswäldern gehen sie gar nicht. "Die Urnen bestehen aus biologisch abbaubarem Material", sagt Kauer.

Glück im Unglück für die Stadt: Der jetzt eingetretene Fall ist in der Friedhofssatzung, was den Bestattungswald betrifft, vorgesehen, denn es hätte auch ein Sturm sein können, der Bäume beschädigt oder umwirft. In diesen Fällen muss die Stadt die Angehörigen bzw. die Erwerber von Belegungsrechten anhören sowie eine Neuanpflanzung vornehmen. Da es sich nur um ein kleines Bäumchen handeln könnte, werden jetzt laut Kauer Alternativen geprüft, zum Beispiel in Form von Baumskulpturen. Zudem, so Weigel-Greilich, arbeite die Verwaltung an einer Lösung, bei der das Belegungsrecht bei vollem Gebührenausgleich zurückgegeben werden kann.

Die Dezernentin schließt nicht aus, dass eine Häufung solcher Meldungen aus den Bestattungswäldern den Trend zur Waldbestattung bremsen könnte, aber am Angebot will die Stadt unbedingt festhalten. "Es wird hier weiter Bestattungen geben, und die Ruhefristen laufen noch bis zum Jahr 2111", stellt Kauer klar. Zudem soll ein zweiter Standort für einen Bestattungswald geprüft werden. Auch die Anlage eines Bestattungshains auf dem Neuen Friedhof wird in Erwägung gezogen, fügt Amtsleiter Thomas Röhmel hinzu.

Für Spaziergänger ist der Bestattungswald wegen der Baumpflege bis Ende der Woche gesperrt. Im Bereich Richtung Gießen können Beisetzungen stattfinden, im gefährdeten Bereich am Ortsrand von Hausen geht auch das nicht. Zu zeitweisen Sperrungen kann es im Verlauf des Herbstes immer wieder kommen, wenn weitere Sicherungsmaßnahmen anstehen.

INFO

Wer Fragen zur aktuellen Entwicklung rund um den Bestattungswald hat, kann die von der Stadt geschaltete Hotline 0641/306-1778 anrufen. Auf www.giessen.de ist zudem ein FAQ mit den wichtigsten Fragen und Antworten zu dem The- ma veröffentlicht worden. E-Mail-Kontakt zur Stadt: bestattungswald@giessen.de

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