1. Gießener Allgemeine
  2. Gießen

Besonderer Fund in Gießen: Reste der verbrannten Synagoge tauchen auf

Erstellt:

Von: Burkhard Möller

Kommentare

oli_synagogenfund2_18022_4c
An der Kongresshalle gefunden: Die Grundmauern und Kellerräume der Synagoge, die 1938 angezündet und zerstört wurde. © Oliver Schepp

Für die Geschichte der Stadt Gießen ist es ein besonderer Fund: Knapp 85 Jahre nach der Zerstörung der größten jüdischen Synagoge sind bei Bauarbeiten Gebäudereste aufgetaucht.

In ihrer Gründlichkeit waren sie unfassbar grausam: Sie vergasten, verbrannten, erschossen und erschlugen rund sechs Millionen Menschen jüdischen Glaubens. Sie raubten ihr Eigentum und wollten alle Spuren jüdischen Lebens für immer beseitigen. »Der Reichsstatthalter in Hessen befahl, dass die Reste der beiden Synagogen in Gießen restlos zu entfernen sind«, erinnert Stadtarchäologe Björn Keiner an die Tage nach dem 10. November 1938, als an der späteren Südanlage von der großen Synagoge der liberalen jüdischen Gemeinde nur noch ein qualmender Schuttberg übriggeblieben war. Aber der Nazi-Stadtregierung war es wohl zu aufwendig, die Grundmauern auszugraben - sie ließ den Keller zuschütten und planieren.

Fast 85 Jahre nach dem Judenpogrom sind diese Überreste nun bei den Erweiterungsarbeiten für die Kongresshalle aufgetaucht. Seit November hatte eine von der Stadthallen GmbH beauftragte Grabungsfirma, die das Landesamt für Denkmalschutz empfohlen hatte, unter widrigen Bedingungen die mit Brand- und Bauschutt sowie Erde verfüllten Kellerräume im Rahmen einer »Notgrabung« freigelegt. Diese Grabung, die zunächst im Verborgenen abgelaufen war, ist abgeschlossen und wurde am Freitagvormittag vorgestellt.

In der Mitte der Gesellschaft

»Wir stehen hier immer im November und erinnern uns an die schrecklichen Ereignisse und die Gießener Synagogen. Nun sind wir auf das gestoßen, was davon übrig ist«, sagt der sichtlich bewegte und nachdenkliche Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher. Die für den Denkmalschutz zuständige Stadträtin Astrid Eibelshäuser betont die Bedeutung des Funds für die Stadtgeschichte: »Wir stehen den Schichten der eigenen Geschichte gegenüber.«

Dr. Sandra Sosnowski vom Landesamt für Denkmalpflege ordnet den Fund baugeschichtlich ein. Die Kellerräume befanden sich unter dem Mittelbau der ab 1867 errichteten und 1892 erweiterten »Neuen Synagoge« der stark wachsenden liberalen Gemeinde, die sich damals israelitisch nannte. Im Endausbau fanden 500 Personen in dem »prächtigen Sakralbau« Platz.

Das Gotteshaus mit dem architektonisch aufwendigen Portal stand dem Stadttheater gegenüber. Unter dem Rasen zur Straße werden weitere Reste des Vorderbaus vermutet. Der repräsentative und zentrale Standort in der Stadtmitte zeige, welchen Stellenwert die größere der beiden jüdischen Gemeinden um die Jahrhundertwende in der Stadtgesellschaft hatte, heißt es mehrfach während des Pressetermins. Auch für die Mitarbeiter des Landesdenkmalamts ist der Fund besonders: »Hier kommt uns unsere Geschichte sehr nahe. Es ist selten, dass es die Archäologie mit Resten einer Synagoge zu tun hat, die 1938 zerstört wurde«, sagt Sosnowski.

Dass es an dieser Stelle Reste der Synagoge geben könnte, war von den Denkmalpflegern nicht ausgeschlossen worden. »Als die Bodenplatte der Stadttouristik entfernt wurde, war da aber nichts. Da haben uns wohl nur einige Zentimeter von den Grundmauern getrennt«, erzählt Stadtarchäologe Keiner. Erst bei einem tieferen Schnitt sei man auf die Überreste gestoßen. Im Brand- und Bauschutt habe die Grabungsfirma unter anderem geschmolzenes Metall gefunden. Keiner: »Das muss ein sehr heißes Feuer gewesen sein.« An einer der Kellerwände lehnt ein mächtiger, achteckiger Betonstein mit einem Loch. War das der Sockel für die Menora? Viel ist noch unklar. Gegenstände wie die ledernen Reste von Gebetsbüchern mit hebräischer Aufschrift sind bereits bei den Restauratoren des Landesamts.

»Große Chance« für Gießen

Die Überlegungen, wie der Fund der Nachwelt erhalten werden und wie das mit den Arbeiten an der Kongresshalle in Einklang gebracht werden kann, stehen ganz am Anfang. Eine Präsentation unter einer Glasplatte, was bei solchen Funden oft vorgeschlagen wird, ist bei den Denkmalschutz-Profis aufgrund von Feuchtigkeits- und Schimmelproblemen »kein Mittel der Wahl«, sagt Sosnowski. Aber allen ist bewusst, dass der Stadt an der Südanlage eine »große Chance« geschenkt worden ist.

Führungen geplant: Die Stadt will an den Wochenenden nach Fassenacht Führungen am Grabungsort ermöglichen. Die Termine werden rechtzeitig bekannt gegeben. Die Stadt bittet darum, die Baustelle nicht auf eigene Faust zu betreten.

Auch interessant

Kommentare