Die Lichtenberg-Kartei. FOTOS: PM
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Die Lichtenberg-Kartei. FOTOS: PM

Die besonderen Briefe des Walter Benjamin

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Gießen(chh) In der Universitätsbibliothek schlummern so einige Schätze. Dazu gehören auch die Werke des Philosophen und Kulturkritikers Walter Benjamin. Laut dem leitenden Bibliotheksdirektor Peter Reuter befindet sich in den Räumen in der Otto-Behagel-Straße eine der weltweit größten Sammlungen von Briefen, Manuskripten, Büchern und Sonderdrucken Benjamins, den Reuter als einen der "bedeutendsten und einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts" bezeichnet.

Die Sammlung besteht demnach aus zwei Teilen, die 1965 bzw. 1969 vom damaligen Germanistischen Seminar der Universität auf dem Antiquariatsmarkt erworben wurden. "Seit vielen Jahren befindet sie sich als eines der herausragenden Stücke in der Rara-Abteilung der Universitätsbibliothek", sagt Reuter.

28 Briefe und fünf Postkarten

Die Sammlung umfasst 28 Briefe und fünf Postkarten Benjamins an seinen langjährigen Freund, den Komponisten und Rundfunkpionier Ernst Schoen, aus der Zeit zwischen 1913 und 1920 sowie vier noch unveröffentlichte Briefe von Benjamins Ehefrau Dora Sophie aus dem Jahr 1918. "Die teils umfangreichen Briefe, die seit 1996 vollständig ediert vorliegen, sind nicht nur wichtige Quellen zur frühen Biografie Benjamins, sondern auch interessante und aufschlussreiche Dokumente eines intensiven geistigen Dialogs, der weitreichende Spuren in Benjamins Leben und Werk hinterlassen hat", betont Reuter und fügt an, dass zur Sammlung auch ein Konvolut von Manuskripten, Typoskripten, Druckwerken, Sonderdrucken und Zeitungsausschnitten von (und im geringen Teil über) Benjamin gehört. Dieser Teil stammt aus dem Besitz von Martin Domke, einem Rechtsanwalt aus dem Kreis um Bertolt Brecht, der eine wichtige Rolle bei der Überlieferung des Benjamin’schen Nachlasses gespielt hat.

Bei den zum Teil mit eigenhändigen Anmerkungen und Korrekturen von Benjamin versehenen Typoskripten handelt es sich um wichtige Varianten bekannter Texte. Daneben enthält die Sammlung auch handschriftliche Vorarbeiten und Skizzen, etwa ein Fragment, das während der Arbeit an dem Lichtenberg-Hörspiel entstanden ist und in dem Notizen zum Ergebnis der Reichstagswahlen 1933 mit einer "Der Wahlvogel" titulierten Zeichnung versehen ist.

Herausragendes Stück der Sammlung ist eine vollständige Fassung der "Berliner Kindheit um neunzehnhundert". Die kurzen Prosastücke, die Benjamin "einzelne Expeditionen in die Tiefe der Erinnerung" nannte, hat er für eine geplante Buchausgabe immer wieder überarbeitet und neu gruppiert.

Lichtenberg-Kartei noch nicht publiziert

Wenig bekannt und noch unpubliziert ist hingegen die sogenannte Lichtenberg-Kartei, eine umfangreiche Vorarbeit zu einer Bibliografie zu Georg Christoph Lichtenberg auf 339 Karteikarten.

Die Sammlung umfasst noch wesentlich mehr. Davon können sich bald auch Interessierte außerhalb der Universitätsbibliothek überzeugen, wie Reuter verrät: "Im Rahmen der noch im Erscheinen begriffenen, neuen Benjamin-Ausgabe (Werke und Nachlass, Suhrkamp) werden die Gießener Texte umfassend berücksichtigt und zum Teil überhaupt erstmals publiziert."

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