Jens Dapper wirbt für sachliche Diskussionen. 	FOTO: SCHEPP
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Jens Dapper wirbt für sachliche Diskussionen. FOTO: SCHEPP

Interview

Corona in Gießen: Pflegeheime in der Kritik – „Die Beschuldigungen sind unerträglich“

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Seit Altenpflegeeinrichtungen zu Corona-Hotspots geworden sind, wird diskutiert, wie das passieren konnte. Ein Gespräch mit Jens Dapper, Geschäftsführer der AWO in Gießen.

Herr Dapper, die Landrätin hat letzte Woche im Zusammenhang mit Besuchsregelungen im Interview gesagt, die Pflegeeinrichtungen wollten keine allgemeinverbindlichen Regelungen. Sind Sie und Ihre Kollegen sich Ihrer Verantwortung nicht bewusst? Sperren Sie sich gegen Vereinbarungen?

Ich glaube, alle Beteiligten sind sich ihrer Verantwortung sehr bewusst. Aber in diesem Punkt waren sich die Pflegeheimbetreiber nicht einig. Einige forderten eine Allgemeinverfügung, andere nicht. Ich gehöre zur letzteren Gruppe.

Warum lehnen Sie sie ab?

Ich beziehe mich auf das »Schutzkonzept für Pflegeeinrichtungen« des Sozialministeriums, in dem Besuchsregelungen klar definiert wurden. Die Einrichtungen haben eine »Interessenabwägung zwischen dem Selbstbestimmungsrecht der Bewohner und den notwendigen Maßnahmen des Infektionsschutzes vorzunehmen. Hierbei ist das lokale Infektionsgeschehen sowie die räumliche und personelle Situation einzubeziehen. Diese Vorgaben setzen wir um.

Eine Allgemeinverfügung ist also überflüssig?

So sehe ich das. Eine Allgemeinverfügung oberhalb der Regelungen des Ministeriums wäre rechtlich nicht möglich. Eine Verfügung unterhalb bedeutet in Konsequenz eine sehr enge Auslegung der Besuchsregelung. Und die wäre kaum mit den nachvollziehbaren Anforderungen der Heimaufsicht und den berechtigten Interessen von Bewohnern und Angehörigen in Einklang zu bringen. Warum sollten Besuche verboten werden, wenn im Heim kein Ausbruchsgeschehen zu verzeichnen ist? Es gilt eine gute Balance zu finden. Und dafür sind die Bestimmungen des Ministeriums ja durchaus hilfreich.

Ende des Jahres mussten Sie einen Bewohner aufnehmen, der sich im Krankenhaus infiziert hatte. War das nicht hoch riskant?

Das ist für alle Heime ein Top-Thema. Der Aufwand, infizierte Bewohner zu versorgen und auch die Angst, dass sich darüber ein Ausbruchsgeschehen im gesamten Heim entwickeln kann, ist immens. Andererseits muss natürlich auch in den Krankenhäusern Platz geschaffen werden. Das vereinbarte Zusammenspiel von Krankenhaus und Pflegeheim sieht vor, dass keine aktiv positiven Patienten verlegt werden. Das gelingt weitgehend gut, aber eben nicht immer, da manche Testergebnisse erst da sind, wenn der Patient bereits entlassen ist. Zur Minimierung des Risikos erfolgt in den Heimen die Wiederaufnahme von Patienten aus Krankenhäusern über eine 10-bis 14-tägige Zimmerquarantäne. Wir sind sehr froh, dass wir bisher nur drei positiv getestete Bewohner und keinen einzigen Todesfall hatten.

Das Albert-Osswald-Haus musste Anfang des Jahres wegen mehrerer positiver Tests geschlossen werden. Ist es wieder geöffnet?

Nein, bislang leider nicht. Bis 20. Januar erfolgt derzeit noch Zimmerquarantäne für einen nicht eindeutig negativ getesteten Bewohner.

Sie wünschen sich insgesamt mehr Flexibilität?

Mitunter ja. Zum Beispiel wenn abzuwägen ist, ob 200 Bewohner wegen eines einzigen Falls, der sich in Zimmerquarantäne befindet, keine Besuche bekommen dürfen.

Das Gesundheitsamt war Ende Dezember/Anfang Januar mehrfach zu Testungen da. Wie oft wurde das Haus zuvor überprüft?

Unser Hygienekonzept ging im März 2020 an Heimaufsicht und Gesundheitsamt. Ein Besuch hat in dieser Zeit nicht stattgefunden.

Ein geschlossenes Altenpflegeheim hat wirtschaftliche Einbußen, weil es keine Bewohner aufnehmen kann. Es hat aber auch gravierende Folgen für die Bewohner.

Wir wissen vom Lockdown im Frühjahr, wie extrem wichtig der persönliche Kontakt mit den Angehörigen ist. Auch wenn diese im Heim Abstand halten müssen und Masken tragen. Die Bewohner leiden zum Teil massiv psychisch und physisch unter den Kontaktbeschränkungen.

Fühlen Sie sich vom Land, vom Versorgungsamt und vom Gesundheitsamt gut unterstützt?

In der Gesamtbetrachtung sicher ja. Die Dynamik der Pandemie erfordert schnelle Entscheidungen, das setzt alle unter Druck. In meiner Rolle als Träger schaue ich aber aus der Perspektive unserer Bewohner und Pflegekräfte. Da sehe ich dann manche Entscheidung und auch die Art der Kommunikation kritisch.

Was zum Beispiel?

Die Geschwindigkeit an Änderungen von Vorgaben und Beschlüssen ist ein Beispiel. Wir bekommen am Tag von unterschiedlichsten Stellen extrem viele Beschlüsse, die sich zum Teil auf die vorherigen beziehen und ähnliche Inhalte haben. Jede für sich genommen ist wichtig und für die Heimbetreiber zwingend umzusetzen. Wir versuchen diese Informationsflut strukturiert zu filtern, um die Führungskräfte in der operativen Pflege zu entlasten. Das gelingt allerdings nur zum Teil. Hier würden wir uns über abgestimmtere Prozesse freuen.

Derzeit gibt es Schuldzuweisungen und kluge Ratschläge von allen Seiten. Für die Pflegekräfte, die ihr Bestes geben, ist das besonders hart...

Die Mitarbeiter in der Pflege finden das in der Tat sehr belastend. Gestern noch die Helden der Pandemie. Heute die Berufsgruppe die zwangsgetestet, zwangsgeimpft und zudem noch unangekündigt möglichst täglich überwacht werden soll. Das macht mich betroffen. Es ist unerträglich, was meine Mitarbeiter jetzt aushalten müssen. Auf der einen Seite werden Kampagnen initiiert, um den Beruf der Pflegemitarbeitenden attraktiv darzustellen, und dann kommen solche Beschuldigungen.

Die Landrätin hat »testen, testen, testen« gefordert. Können Sie so viel testen, wie notwendig ist?

Aus Perspektive der Landrätin nachvollziehbar und richtig. Ich würde das anders formulieren: Schutzmaßnahmen, Schutzmaßnahmen, Schutzmaßnahmen. Und ein Teil davon sind die Tests. Die Kapazitäten für diejenigen, die die Tests durchführen müssen, sind ein Nadelöhr. Die Tests müssen von geschultem Fachpersonal erfolgen, welches aktuell nur schwer zu finden ist. Die von der Landrätin angestoßene Suche nach Freiwilligen ist von daher sehr zu begrüßen. Die seit 14. Januar beschlossene Erweiterung von Tests - zwei pro Woche und bei Abwesenheit über drei Tage zu Beginn der Schicht - wird heftig. Inwieweit Regelungen helfen werden, dass Mitarbeiter, die sich weigern, Tests durchzuführen, mit Ordnungswidrigkeiten rechnen müssen, wird sich zeigen.

Warum ist die Impfpflicht für Pflegekräfte der falsche Weg?

Zunächst eines: Ich bin dafür, dass alle meine Mitarbeitenden sich impfen lassen. Je schneller, desto besser. Wir setzen dabei auf Information, Freiwilligkeit und Aufklärung. Die Forderung einer Zwangsimpfung für die stationäre Pflege ist aber falsch. Bei den Bewohnern besteht eine Impfbereitschaft von 98 Prozent und zudem gehören sie zur Gruppe, die als erste geimpft werden. Das heißt die Bewohner und Bewohnerinnen von stationären Einrichtungen sind in wenigen Wochen zu fast 100 Prozent geimpft und geschützt. Warum soll nun der Mitarbeitende in der stationären Pflege zwangsweise geimpft werden? Ein geimpfter Mitarbeiter schützt den Bewohner in keiner Weise mehr als die Impfung des Bewohners selber.

Außerdem sind noch viele Fragen rund ums Impfen außerhalb der Pflege relevant

So ist es. Wie bekommen wir zum Beispiel eine Impfbereitschaft in Krankenhäusern, Arztpraxen, Schulen und in allen Einrichtungen hin, wo das Infektionsgeschehen in vielfältiger Weise stattfindet? Es braucht bei allen Emotionen eine sachliche Diskussion.

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