Und ewig lockt das Weib: Carmen (Julie De Meulemeester, vorn) hätte gern einen von den drei Kerlen, doch die sind anderweitig beschäftigt. Foto: Rolf K. Wegst
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Und ewig lockt das Weib: Carmen (Julie De Meulemeester, vorn) hätte gern einen von den drei Kerlen, doch die sind anderweitig beschäftigt. Foto: Rolf K. Wegst

Berühren verboten

  • Manfred Merz
    vonManfred Merz
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Rot ist die Liebe. Und auch das Schicksal. Das Stadttheater zeigt den Tanzabend "Carmen" aus der vergangenen Spielzeit jetzt im Großen Haus. Pandemiebedingt in einer Social-Distancing-Variante.

Es geht um Liebe und Leidenschaft. Aber auch um seltsames Irrlichtern. "Carmen" heißt die Frau in Rot von Choreograf Ivan Strelkin. Sein Tanzabend feierte im Juni vergangenen Jahres im taT Premiere. Am Samstag ist "Carmen" ins Große Haus des Stadttheaters umgezogen. Das wollüstige Weib hat seine Aussteuer mitgenommen, Bühnenbild und Musik bleiben erhalten, die einzelnen Szenen auch - nur heißt es diesmal pandemiebedingt: Berühren verboten. Das Publikum ist davon angetan.

"Carmen" wird nun zu einer fatalen Liebe auf Abstand, die zwar schwelgerisch erscheint, aber den Tanz ohne Körperkontakt zelebriert. Es wird viel gerannt auf der nun größeren Bühne, die Tänzer fallen zu Boden und springen wieder auf. Handbewegungen ersetzen die Gefühle des Begehrens, Umarmens und Davonjagens. Selbst für die nur angedeuteten Pas de deux gilt: Distanz wahren.

"Carmen" (1875) von Georges Bizet zählt bis heute zu den beliebtesten Opern. Komponist Rodion Shchedrin hat daraus 1967 eine komprimierte Fassung erstellt, eine Ballettmusik ohne Gesang. Seine Suite für Streicher und Schlagwerk dauert, von der Habanera bis zu "Auf in den Kampf Torero", 45 Minuten anstatt der fast drei Stunden bei Bizet. Choreograf Strelkin nutzt für seine einstündige Inszenierung Shchedrins "Carmen".

Die gleichnamige Novelle von Prosper Mérimée (1847) erzählt die tragische Liebesgeschichte des in einer Zigarettenfabrik arbeitenden Zigeunermädchens Carmen und des Soldaten José im spanischen Sevilla. Strelkin bringt dazu sechs Tänzer (drei Frauen, drei Männer) auf die Bühne, die sich umschwirren wie Motten das Licht - nur das Licht berühren, das dürfen die Motten diesmal nicht. Der Choreograf setzt auf Affekte, auf Gefühlsregungen der abrupten Art, sie kommen und gehen, die Handlung der ursprünglichen "Carmen" spielt dabei kaum eine Rolle, dient lediglich als Gerüst. Die Männer (Michael D’Ambrosio, Floriado Komino, Gleidson Vigne) sind irgendwie verliebt, die Frauen (Chiara Zincone, Julie De Meulemeester, Magdalena Stoyanova) geben sich so zickig wie sensitiv. Wobei die Damen im roten Bühnenviereck jeweils als Carmen vielschichtiger daherkommen, wenn sie mithilfe der zum V gespreizten Zeige- und Mittelfinger an den Lippen das Zigarettenrauchen imitieren oder im Flamenco-Kleid als fleischgewordene Versuchung zur Zerstörerin werden. Das signalisiert bereits der variable Namensaufdruck auf ihren knappen roten Leibchen, während bei den Männern die Schriftzüge "José" und später "Torero" akkurat auf der Brust prangen (Bühne und Kostüme: Sergei Illarionov und Sandra Li Maennel Saavedra).

Ohne abgehobene Flieger-Figuren

Nicht umsonst beinhaltet der Begriff eROTisch die Farbe Rot, weshalb zum Ende hin alle zum Vamp werden (bei den Männern steckt plötzlich Floriado Komino im roten Flamenco-Kleid, das bei ihm die Aufschrift "Fate", Schicksal, trägt). Zuvor haben die Frauen in ihren Soli bezirzt. Zwischendurch blitzt in den Gruppenszenen Synchrones auf. Die abgehobenen Flieger-Figuren vom letzten Jahr fehlen coronabedingt.

Vor der durchbrochenen Bühnenwand finden die Charaktere schließlich zu sich selbst und ziehen ihre Straßenklamotten über, als wär nichts gewesen. Das Amouröse endet nicht tragisch wie in der Oper, weil es in dieser Version der unberührten Körper keine echte Liebe war, sondern eher nur eine zerrissene Brieffreundschaft.

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