Bernd Kolb (Berlin) sprach bei Unternehmerforum der Sparkasse Gießen

Gießen (si). Bernd Kolb (47) hat beruflich einiges erlebt. Internet-Pionier, gründete er 1988 die I-D Media AG, die er zu den Hochzeiten des Neuen Marktes an die Börse führte. Damals wurde er zum Unternehmer des Jahres gekürt. Kolb sprach am Mittwochabend beim Unternehmerforum der Sparkasse Gießen. »Perspektive 2020 - Neues Denken für ein neues Zeitalter« lautete sein Thema.

»Eigentlich wollte ich nur wissen, woher der Klimawandel kommt«, sagte Kolb, den der Sparkassen-Vorstandsvorsitzende Wolfgang Bergenthum eingangs als »großartigen Visionär« vorgestellt hatte (national und international ist der Wahl-Berliner inzwischen über 100-mal ausgezeichnet worden). Schlüsselerlebnis sei für ihn ein Vortrag des früheren US-Vizepräsidenten und Umweltaktivisten Al Gore 2006 in den USA gewesen. Je mehr er sich mit dem Thema beschäftigt habe, desto klarer habe er gesehen, wie komplex die Probleme sind, sagte Kolb. Klimawandel, Bevölkerungsexplosion, Energieproduktion, Weltflugverkehr und nicht zuletzt das Schuldenwachstum in den großen Industrienationen: Alles sei miteinander verknüpft, und überall herrsche exponentielles Wachstum - bei graphischer Darstellung also eine Kurve, die mit zunehmendem Zeitverlauf immer steiler nach oben zeigt.

»Sieben Sünden« entdeckte Kolb in den jüngsten 4500 Jahren der Menschheitsgeschichte. Zunächst Völlerei, Gefräßigkeit und Unmäßigkeit: Abzulesen etwa im stark gestiegenen Fleischverbrauch pro Kopf, der Wälder und andere natürliche Ressourcen bedrohe und den Einzelnen mit Übergewicht bestrafe (»38 Prozent aller Amerikaner sind fettleibig«). Gier und Geiz: Während ein Kilogramm Espressobohnen dem Pflücker 49 Cent brächten, erlöse der Konzern mit geschickter Vermarktung in Europa damit bis zu 70 Euro. Genusssucht und Ausschweifung: Für ein Kilogramm industriell hergestelltes Rindfleisch würden 15 500 Liter Trinkwasser benötigt (unter anderem aufgrund der aufwändigen Tierhaltung). Stolz: Exemplarisch zu sehen am »Burj Dubai«, dem höchsten Wolkenkratzer der Welt, auch wenn der nur mit einer Finanzspitze aus dem Nachbaremirat Abu Dhabi habe zu Ende gebaut werden können. Zorn und Wut: Die Rüstungsausgaben stiegen stetig an, weltweit lägen sie heute höher denn je, sagte Kolb. Neid und Missgunst: Zu dieser sechsten Sünde zeigte der Referent ein in Brasilien aufgenommenes Foto, auf dem die Bewohner eines Luxus-Apartmenthauses (mit Swimmingpool auf jedem Balkon) direkt auf einen Slum schauen.

Und schließlich »die Trägheit des Herzens und des Geistes«: Für die Sex-Affären von Golfstar Tiger Woods interessierten sich viel mehr Menschen als die zeitgleich abgehaltene Klimakonferenz in Kopenhagen, zeigte Kolb mit Google-Recherchetreffern.

Gibt es auch Hoffnungen? - das dürften sich nach der sehr ausführlichen Problemskizze viele der 230 Zuhörer gefragt haben. Kolbs Antwort: Ja, die gibt es, wie auch die nötigen Tugenden, jeweils wieder sieben. Sie könnten die Wende möglich machen. Innovationen seien nötig und längst vorhanden. Deutschland sei etwa bei den »grünen Patenten« Weltspitze. Man müsse außerdem auf die Frauen setzen, sie seien verlässlich und engagiert, sowie auf Bildung und Kindererziehung, hier liege ein wichtiger Schlüssel (»Ökologie muss Schulfach werden«). In Unternehmen finde schon ein Umdenken statt: Pepsi beispielsweise sponsere inzwischen statt des »Super Bowl« soziale Netzwerke und Projekte, und habe damit großen Erfolg. Waren und Dienstleistungen könnten schon längst umweltschonender angeboten werden. Hier sei mehr Transparenz notwendig, der Verbraucher solle sie fordern. Utopien könnten Wirklichkeit werden. Wer habe in den 80er Jahren an die Deutsche Einheit geglaubt? Heute sei sie Realität, sagte Kolb.

Sein Optimismus zum Ende hin verbreitete sich im Sparkassenfoyer. Umso besser schmeckte nach dem Vortrag das (wie immer) vorzügliche Büfett. (Foto: srs)

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