An Wochenenden warten Kunden - unabhängig von Corona-Beschränkungen - hier oft auf Einlass: Benjamin Freilinger vor seinem "Lagerverkauf"-Geschäft an der Ecke Marburger/Heinrich-Will-Straße.
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An Wochenenden warten Kunden - unabhängig von Corona-Beschränkungen - hier oft auf Einlass: Benjamin Freilinger vor seinem »Lagerverkauf«-Geschäft an der Ecke Marburger/Heinrich-Will-Straße.

Schnäppchen-König

Gießen: Wie Benjamin Freilinger den „Lagerverkauf Freilinger“ groß machte

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Zehntausende folgen ihm im Internet, manche fahren extra nach Gießen für ein Selfie mit Benjamin Freilinger. Sein Laden für Sonderposten brummt, erst recht in Corona-Zeiten.

  • „Lagerverkauf Freilinger“ Gießen lockt Kunden auch aus hundert Kilometern Entfernung.
  • Großer Erfolg dank Facebook und Instagram.
  • Benjamin Freilinger (Gießen) kämpfte sich nach Privatinsolvenz zurück.

Gießen - Warum fahren Besucher nach Gießen? Als klassische Ziele gelten das Mathematikum oder die Hochschulen. Zu einem weiteren Magneten hat sich unbemerkt ein Geschäft in der Marburger Straße entwickelt. Manche Kunden nehmen mehrere hundert Kilometer Anfahrt auf sich. Ergattern wollen sie nicht nur »Schnäppchen«, sondern mitunter zudem ein Selfie mit dem Inhaber. »Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte«, sagt Benjamin Freilinger ein wenig verlegen.

Mit über 107.000 Followern auf Facebook und Instagram liegt sein »Lagerverkauf Freilinger« ganz vorn bei den heimischen Institutionen. Sein jüngstes Video wurde fast 218.000-mal angeklickt. In Poloshirt, Shorts und Sportschuhen steht der 40-Jährige zwischen Paletten voller Kartons und hält Mini-Salami, Tierfutter und Grillsoßen in die Kamera. Vielen Zuschauern gefallen offensichtlich nicht nur die Preise, sondern auch die Darbietung. »Cooler Typ« oder »Du bist der Hammer« lauten Kommentare. Auch in der Hoffnung, ihn zu treffen, fahren manche nach Gießen.

„Lagerverkauf Freilinger“ Gießen: Mit dem Mofa zu den Flohmärkten

Zum Händler wurde der Wiesecker früh. Als 13-Jähriger begleitete er seinen Vater auf einen Flohmarkt. »Ich habe gesehen: Da kann man gutes Geld verdienen.« Mit seinem ersten Mofaroller fuhr der Jugendliche bald regelmäßig auf Märkte und verkaufte Videospiele, die er über Zeitungs-Kleinanzeigen erstanden hatte. »Irgendwann bin ich an einen Posten Schokolade gekommen. Die Leute sind förmlich darüber hergefallen.« Fortan wurden Lebensmittel ein Schwerpunkt seines Wochenend-Nebenerwerbs.

Beruflich orientierte sich Freilinger erst einmal anders. Bei Buderus in Lollar machte er eine Ausbildung zum Werkzeugmechaniker. Er lernte viel, fand die Perspektive einer Tätigkeit in der Produktion aber eintönig. Im Zivildienst in der Lebenshilfe-Werkstatt in Lollar entdeckte er die Freude am Umgang mit behinderten Menschen. Sieben Jahre war er dort angestellt als Lagerist, Betreuer und Begleiter von Ferienfreizeiten. »Diese Zeit hat aus mir den hilfsbereiten Menschen gemacht, der ich heute bin.«

Er heiratete Helena, mit der er seit Schulzeiten zusammen ist. Tochter Leonie ist dreizehn, Sohn Luca elf Jahre alt. Zur Familie gehören auch zwei Französische Bulldogen.

Sein Vater Michael Freilinger gehörte zu den Pionieren, die den Verkauf von Rest- und Sonderposten als eigene Branche etablierten. Er sorgte ab 1997 mit seinem Markt »Preisbrecher« auf dem heutigen Lidl-Gelände an der Marburger Straße für Aufsehen - zum Beispiel bei der Licher Brauerei, die ein Sonderangebot ihres Biers komplett aufkaufte.

2007 startete das Familienunternehmen »Lagerverkauf Freilinger«. Benjamin Freilinger, seine Frau, sein Vater und sein Bruder Maximilian mieteten eine ehemalige Videothek im Wiesecker Weg an. »Wir haben 5 000 Flyer verteilt. Vom ersten Tag an lief das Geschäft gut.« Ein Jahr später kündigte er bei der Lebenshilfe.

Gießen: Mit „Lagerverkauf Freilinger“ nach Privatinsolvenz zum Erfolg

Auf der Erfolgswelle kamen bald weitere Läden hinzu an der Licher und Marburger Straße, in Marburg und Butzbach, außerdem ein Großhandel in Frankfurt. Offenbar ging es allzu schnell bergauf. Stockend erzählt Freilinger von der Privatinsolvenz, die er 2014 anmelden musste. »Ich habe mich verzettelt und bin gefallen. Das war schlimm.« Was er daraus gelernt hat, spiegelt sich für ihn wider in einem Satz, der »mich jeden Tag weiterbringt«: »Unser Ruhm ist nicht, niemals zu fallen, sondern immer wieder aufzustehen.«

Der Familie gelang es, das Geschäft in der Marburger Straße zu retten. Vor allem seiner Mutter Renate Freilinger und seiner Frau - »Helena war und ist in allen Höhen und Tiefen an meiner Seite« - habe er zu verdanken, dass er aus der Krise gestärkt hervorging.

Für das Unternehmen gilt das sowieso. Eine stetig wachsende Schar an Kunden drängt sich in der schmucklosen Halle und stöbert nach Schokolade, Käse oder Wein zum Sonderpreis. Ein besonderer Reiz: »Wir haben immer Überraschungen und Dinge, die es anderswo nicht gibt.« Und das in guter Qualität: »Auch wir unterliegen der Lebensmittelkontrolle.« Am Wochenende entstehen oft Warteschlangen vor dem Geschäft, das mit nur 400 Quadratmetern - plus 1 500 Quadratmeter Lager - »aus allen Nähten platzt«.

Woher kommt die Ware, warum ist sie so günstig? Weil die Hersteller die Mengen nicht passgenau planen können und immer wieder die Gestaltung wechseln, sagt Freilinger. Bei ihm landen Aktionsartikel, Saisonware oder Verpackungen mit Über- oder Untergewicht, selten auch Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum kurz bevorsteht. Unumwunden räumt der 40-Jährige ein, dass seine Branche wohl dazu beiträgt, das System der Überproduktion aufrechtzuerhalten. Aber: »Einige Waren würden vernichtet, wenn wir sie nicht vermarkten würden. ›Retten‹, das wäre zu hochgegriffen.«

„Lagerverkauf Freilinger“ Gießen: Online-Versand »explodiert« seit Corona

Die Corona-Pandemie war auch für Freilinger zunächst »ein Schock«. Das ursprünglich erste Standbein brach weg, nämlich der Verkauf auf Floh- und Jahrmärkten, der die Hälfte des Jahresumsatzes ausmachte. Das erwies sich als Segen. Die Familie nutzte die Zeit, um ihre Werbung in sozialen Medien zu optimieren - vor allem für den Online-Versand, der bei Ebay klein angefangen hatte und nun »förmlich explodiert. Wir haben unsere Umsätze vervielfacht. Wir werden nicht auf Märkte zurückkehren.« Für Läden sind keine weiteren Standorte geplant. Gern würde Freilinger großzügiger neu bauen, doch eine geeignete Fläche sei in Gießen schwer zu finden.

Sonderpostenhändler gibt es einige. »Aber wir sind einmalig mit unserer Spezialisierung und unserer persönlichen Art.« Die Kunden gehören zu allen sozialen Schichten »vom Rechtsanwalt bis zum Hartz-IV-Empfänger«.

Den Erfolg nutzt Freilinger auch, um zu helfen. Er ist stolz darauf, dass ein Großteil der derzeit 40 Mitarbeiter - drei davon über die Lebenshilfe vermittelt - ihm schon jahrelang die Treue halten. Seine Firma wirkt als Sponsor im Basketball und Fußball. Und sie unterstützt den Gießener Markus Machens bei seinen Aktionen für Arme. »Wir wollen da sein für Leute, die einen ganz kleinen Geldbeutel haben - oder auch gar keinen.«

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