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Benefizkonzert begeistert im Stadttheater

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Studio Konzertante gibt mit Solisten ein Konzert im Großen Haus zugunsten bulgarischer Kinder. Danach wurden Instrumente für das Projekt »Musik statt Straße« überreicht.

Frühlingsduft liegt in der Luft. Eine heitere Aufbruchstimmung, die aus allen Himmelsrichtungen zum Stadttheater strömt, durchs dicht bevölkerte Foyer fließt und den großen Saal flutet. Bald tauchen Musiker wie Zuhörer in die Magie brillanter Musik ein - und in die Gewissheit, dass an diesem Sonntagabend die Gänsehaut ganz dem guten Zweck gehört. Zum Benefizkonzert zugunsten des von seinem Leiter Georgi Kalaidjiev initiierten Kinderhilfsprojektes »Musik statt Straße« hatte das Kammermusikensemble Studio Konzertante eingeladen. Noch vor Jahresfrist hatten der Violinist und seine Frau Maria davon geträumt, dass Kinder aus den Slums von Kalaidjievs Heimatstadt Sliven in Bulgarien »eines Tages ihre erste Orchesterreise nach Deutschland antreten können«. Bereits in diesem September ist es soweit. Zwanzig Sieben- bis Siebzehnjährige, die dank des Projektes eine musikalische Ausbildung, Essen und Kleidung bekommen, werden für fünf Tage nach Gießen kommen. Zur Finanzierung der Reise trägt der Erlös aus dem gut besuchten Benefizkonzert bei.

Das Orchester hatte ein klangfarbenreiches Programm aus weltlichen und sakralen Meisterwerken zwischen Barock und lateinamerikanischen Rhythmen vorbereitet, Solisten vom Stadttheater Gießen und von der Gießener Musikschule dazugewinnen können und für die geistreiche Moderation Musikdramaturg Christian Steinbock. Zum Auftakt zog Studio Konzertante mit Johann Sebastian Bachs Konzert für drei Violinen, Streichorchester und Basso continuo in seinen vielsaitigen Bann. Den diffizilen musikalischen Zwiegesprächen hauchten die Solisten Ji-Yeon Shin, Alexandra Speckbrock und Georgi Kalaidjiev spannungsgeladene Transparenz ein. Hermann Wilhelmi stand am Cembalo Rede und Antwort und lieferte, wie noch oft an diesem Abend, das leichtfüßige Fundament.

Als spöttische Karikatur konservativ-klassischer Instrumentalmusik ging Schostakowitschs Klavierkonzert op. 35 in die Geschichte ein. Vor seiner Ächtung durch Stalin hatte sich der Komponist in humor- wie anspruchsvollen Anspielungen ausprobiert - sehr zur Freude des Gießener Publikums, zumal in Evgeni Ganev am Flügel und Johannes Osswald an der Trompete zwei kraftvolle Meister ihres Faches alle Register zogen.

Den Auszügen aus Antonio Vivaldis populärem »Gloria« verliehen Sybille Plocher (Sopran) und Gabriela Tasnadi (Alt) jenen strahlenden Glanz, den man sich für einen solchen Abend wünscht, zumal in der Vorosterzeit. Nicht zuletzt das Miteinander von Sopran und Violine (Kalaidjiev) im »Domine Deus« ging unter die Haut. Den Schmerz Mariens im Angesicht des Todes Jesu brachten Orchester und Sängerinnen im wohl berühmtesten »Stabat Mater« auf den Punkt. Das ausgewogene Miteinander der Stimmen gab Giovanni Battista Pergolesis Verschmelzung von sakralen und opernhaften Elementen Gewicht ohne Schwere.

Der geschickten Dramaturgie folgend, explodierten zum furiosen Finale Frühlingsfreuden beim Tango Nuevo à la Piazzolla. Bei der heißblütigen Verschmelzung der Stile glänzte Arne Kühr an der Gitarre und am Akkordeon Roland Schmiedel. Mit Bravorufen und Ovationen verschaffte das Publikum seinem beschleunigten Puls Erleichterung. Noch einmal drangen Schostakowitschs Karikaturen unter die erhitzte Haut, bevor Richard Strauss' »Also sprach Zarathustra« den letzten Paukenschlag als Ausrufezeichen hinter ein Konzert setzte, das freudig stimmen, aber auch aufrütteln sollte.

Tief beeindruckt waren nicht zuletzt Anni und Bernd Krüger aus Gera sowie Angelika Kory aus Hamburg, die eigens zum Konzert angereist waren. Während das Ehepaar Krüger seit letztem Jahr das Projekt »Musik statt Straße« unterstützt, wurde die Hanseatin kürzlich via Internet aufmerksam. Indem sie Kalaidjiev im Anschluss an das Konzert fünf wertvolle Geigen, zwei Bratschen und 20 Geigenbögen für die Kinder in Sliven übergab, erfüllte sie den letzten Wunsch ihres Vaters: Als der Geiger im vergangenen Jahr 94-jährig starb, trug er auf, seine Instrumente an ein soziales Projekt zu geben. Dass die Instrumente - das älteste wurde 1787 in Prag gebaut - nun in die richtigen Hände kommen, freue sie besonders, unterstrich Kory.

Krügers sind spätestens seit ihrem Besuch in Sliven Feuer und Flamme. »Wir haben uns ganz diesem einen Hilfsprojekt verschrieben«, erzählen sie von einem Auto voller Instrumente und weiterer Spenden für die Kinder, die sie auf eigene Kosten nach Bulgarien brachten. Kalaidjiev und seine Frau Maria sind dankbar, dass das Projekt Kreise zieht. »Alle vor Ort arbeiten für ein so geringes Honorar, dass wir mit 30 Euro pro Kind und Monat kalkulieren können.« Das Spendenkonto »Musik statt Straße« bei der Volksbank Mittelhessen (BLZ 513 900 00) hat die Nummer 66554600.

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