Nils Freitag (Pflegestützpunkt) und Daniela Poppe (BeKo) sind für Ratsuchende da. FOTO: CG
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Nils Freitag (Pflegestützpunkt) und Daniela Poppe (BeKo) sind für Ratsuchende da. FOTO: CG

BeKo plant mehr Hausbesuche

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Gießen(cg). Ob es um barrierefreies Wohnen, ambulante Pflege, Hilfsmittel, eine Kurzzeitpflege oder einen Heimplatz geht: Wer im Alter Unterstützung braucht, ist meist heillos überfordert. Welche Ansprüche habe ich und wie sieht die Situation vor Ort in meinem Wohnort aus? Seit 20 Jahren ist die BeKo (Beratungs- und Koordinierungsstelle für ältere Menschen in Stadt und Kreis Gießen) in der Kleinen Mühlgasse 8 eine wichtige Anlaufstelle. Seit zehn Jahren wird die Beko ergänzt durch den Pflegestützpunkt (Nils Freitag und Christa Christ), der vorrangig dann zuständig ist, wenn Pflegebedürftigkeit bereits vorliegt.

Bisher wurde die Beratungsstelle von einem Verbund aus Stadt und Landkreis, Caritas, Diakonie, Arbeiterwohlfahrt, Deutschem Roten Kreuz und Johanniter-Unfall-Hilfe getragen und finanziert. Diese Struktur hat man nun verändert; die Beko wird jetzt von einem gemeinnützigen Verein getragen, erläuterte Johanniter-Geschäftsführer Marco Schulte-Lünzum, der für zwei Jahre den Vorsitz des Vereins übernommen hat. Für die Ratsuchenden hat die formale Änderung keine Konsequenzen, zumal die zuvor Beteiligten gleich geblieben sind. Neu bei der BeKo ist Daniela Poppe. Die Dipl. Sozialpädagogin hat die Nachfolge von Andrea Kramer angetreten, die bisher das Gesicht der BeKo geprägt hat und die im vergangenen Jahr in den Ruhestand verabschiedet wurde. Poppe war zuvor unter anderem in der unabhängigen Patientenberatung tätig und kennt die Versorgungs- und Netzstrukturen vor Ort bereits gut.

Mehr Entlastung für Angehörige nötig

Mittelfristig soll das Team der BeKo (Daniela Poppe, Christina Keißner, Gisela Forchheim) personell weiter verstärkt werden, kündigte Schulte-Lünzum an. Ziel ist unter anderem, dass mehr Hausbesuche vereinbart werden können als derzeit. In der Praxis habe sich gezeigt, dass es für die Ratsuchenden häufig hilfreich ist, wenn man ihr Anliegen vor Ort besprechen könne. Aktuell ist dies aus Kapazitätsgründen nur eingeschränkt möglich, zudem erschweren die Corona-Bedingungen direkte Kontakte. "Wir können keine offenen Sprechzeiten mit Begegnungsverkehr anbieten, aber wir sind nach Absprache telefonisch und per E-Mail für die Menschen da", sagt Poppe.

Da das Mitarbeiterteam täglich mit den drängenden Sorgen der Bürger in Stadt und Kreis konfrontiert wird, hat die BeKo sich im Laufe der Jahre zu einer Art kommunalem Seismografen entwickelt, der gesellschaftliche Probleme früh erkennt und Initiativen startet. Beispiele hierfür sind die Herausforderungen durch die zunehmende Zahl Demenzkranker, der Mangel an Kurzzeitpflegeplätzen, an haushaltsnahen Dienstleistungen und ambulanten Diensten. Vieles kann vor Ort geregelt und gelöst werden, aber längst nicht alles. "Der Gesetzgeber muss dringend mehr Gas geben, wir erwarten Impulse", sagt Hans-Peter Stock, der Sozialdezernent des Kreises. Pflegebedürftige Menschen brauchten mehr Unterstützung, dafür benötige man mehr Geld, bessere Rahmenbedingungen und mehr Entlastungsangebote für Angehörige.

Das sieht auch Ruth Hoffmann so. Die Altenhilfeplanerin des Landkreises kritisiert die überbordende Bürokratie, die pragmatische Lösungen verhindere. Wenn z. B. eine Frau ihrer pflegebedürftigen Nachbarin die Wohnung putzen wolle, müssten zu viele Hürden genommen werden, um dies zu finanzieren. Qualitätssicherung sei wichtig, aber man müsse sich auch an der Realität orientieren.

In der Alten- und Krankenpflege fehlten allein im Landkreis rund 350 Pflegekräfte. Unter diesem Mangel litten die Betroffenen und ihre Angehörigen. Ohne die Angehörigen, das sagen auch die BeKo-Mitarbeiterinnen, würde unser Sozial- und Gesundheitssystem nicht funktionieren. Auch in der Corona-Krise merke man, dass die Töchter und Schwiegertöchter trotz eigener beruflicher und familiärer Belastung immer wieder einspringen. "Viele hatten Angst, den Pflegedienst ins Haus zu lassen, und haben das irgendwie selbst geregelt", sagt Schulte-Lünzum. Die Situation sei aber auch für die Pflegedienste schwierig - denn sie mussten sich auf veränderte Kundenwünsche einstellen, die unter anderem dadurch entstanden seien, dass Angehörige im Homeoffice andere Leistungen wünschten als zuvor.

Die angemessene Versorgung und Pflege alter Menschen ist angesichts des demografischen und gesellschaftlichen Wandels (weniger familiäre Strukturen, mehr Singles) eine Aufgabe, die nach Ansicht der Experten noch immer unterschätzt wird. Die Bedeutung der BeKo und des Pflegestützpunktes wird daher weiter zunehmen. Der Trägerverein habe dies erkannt und sich daher für eine weitere Stärkung entschieden. "Dass diese beiden Beratungsstellen kompetente Hilfe unter einem Dach anbieten, ist bundesweit einmalig", sagt Hoffmann.

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