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Über Missbrauch in der katholischen Kirche diskutieren (v. l.) Prof. Franz-Josef Bäumer, Prof. Ansgar Kreutzer, Weihbischof Udo Bentz und Prof. Britta Bannenberg.

Begünstigt Kirche sexuelle Gewalt?

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Die Zahlen sind erschütternd. Über 3600 Kinder wurden zwischen 1946 und 2014 in der katholischen Kirche sexuell missbraucht. Am Mittwoch dienten diese Zahlen als Basis für eine Podiumsdiskussion der theologischen Institute an der Justus-Liebig-Universität.

Rund 1670 Kleriker sind seit 1946 zu Tätern geworden und haben dabei 3677 Kinder missbraucht. Das sagt die im Herbst 2018 präsentierte "MHG-Studie", verfasst von Wissenschaftlern der Universitäten Mannheim, Heidelberg und Gießen. Am Mittwochabend wurde diese erschreckende Statistik bei der Podiumsdiskussion am "Dies Academicus" der theologischen Institute der Justus-Liebig-Universität vorgestellt. Scheinbar Nebensächliches entwickelte sich dabei zu Kernthemen. So beklagte ein Zuhörer, der Begriff "sexueller Missbrauch" stehe sinnbildlich für die "butterweiche Semantik in der Debatte". Tatsächlich gehe es um "echte Verbrechen".

Das zweite Beispiel für nur auf den ersten Blick Banales lieferte Udo Bentz, Weihbischof und Generalvikar im Bistum Mainz. Eine Lehre aus den Geschehnissen sei die "Vereinheitlichung von Personalakten". Dies erleichtere sämtliche Ermittlungen und dokumentiere, "dass man sich einer von außen gegebenen Norm unterwirft". Ins Zentrum seiner Ausführungen rückte der Geistliche das Stichwort "Macht". Sexueller Missbrauch in der Kirche sei Machtmissbrauch, betonte er, und eine Teil-Entmachtung der Institution also zwingend geboten.

Prof. Britta Bannenberg, Mitautorin der MHG-Studie, berichtete vom "Ringen und Zögern" der Kirche bei der Aufklärung. Während der wissenschaftlichen Auswertung von rund 38 000 Akten habe man wiederholt Hinweise auf Manipulationen gefunden. Daher seien alle Ergebnisse mit Vorsicht zu genießen - und Zahlen stets als Minima zu verstehen. Dass 28 Prozent der Tatverdächtigen pädophile Neigungen hätten und Homosexuelle stark vertreten seien, wollte die Kriminologin nicht überinterpretieren. Möglich sei, dass die Kirche Pädophile anziehe. "Vertuschungspraktiken" und hierarchischer Aufbau ergäben jedenfalls ein Umfeld, das sexuelle Gewalt begünstige.

Auf die kirchliche Struktur zielte Prof. Franz-Josef Bäumer. Ihr "Klerikerzentrismus" offenbare sich an etlichen Stellen, kritisierte er. Kirchenrechtlich gelte Missbrauch lediglich als Verstoß gegen das Keuschheitsgebot, die Höchststrafe sei die Degradierung eines Geistlichen in den Laienstand. Der Wissenschaftler forderte indes die Exkommunikation und zudem eine konsequente staatliche Verfolgung aller Täter. Seiner eigenen Profession, der Religionspädagogik, stellte Bäumer ebenfalls kein gutes Zeugnis aus: Für sexuellen Missbrauch in der Kirche sei sie "zu wenig sensibilisiert"; dass sie im kirchlichen Umfeld "auch in einem Machtgefüge stehen", werde Kindern und Jugendlichen oft nicht klar genug vermittelt.

Nach "strukturellen Konsequenzen" in der Kirche zu fragen, wie es die Diskussion tat, könne das Thema "ein Stück weit entindividualisieren", befürchtete eine Zuhörerin. Andererseits, meinte Bannenberg, seien grundlegende Reformen unverzichtbar, um das "Männermodell" katholische Kirche transparenter und weniger anfällig für sexuelle Gewalttaten zu machen. Auf eine neue Grundhaltung lief dagegen hinaus, was Bentz zum Abschluss noch einmal unterstrich. Das Zölibat dürfe nie zu einer "extremen Selbsttäuschung" führen und dürfe nicht verhindern, dass sich Geistliche ihrer eigenen Sexualität stellen.

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