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Ausflug vom Johannesstift in den Stadtpark Wieseckaue: Marion Bathe und ihre Passagiere genießen die Rikschafahrt.

Ehrenamtliches Engagement

Wenn die Rikscha durch Gießen rauscht: „Dabei geht mir das Herz auf“

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
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Wie viele Kilometer Marion Bathe in den letzten zwei Monaten per Rikscha zurückgelegt hat, weiß sie nicht. Aber eines ist gewiss: Sie hat den Senioren, die sie durch Gießen kutschierte, eine große Freude gemacht.

Gießen – Eine Gruppe Kita-Kinder hat sich auf einer Wiese im Stadtpark niedergelassen. Als sie die nahende Rikscha (plus Fahrrad-Begleitung der Gießener Allgemeinen) entdecken, springen sie auf und winken. »Hallo, hallo«, rufen sie, und: »Hümeyra, nimm uns mit«. Sie kennen eine der Frauen in der Rikscha. Kinder, Senioren und Erzieher lachen. Hümeyra Keles ist Betreuungsassistentin im Johannesstift, sie hat an diesem Vormittag das Glück, die Bewohnerinnen nacheinander in der Rikscha zu begleiten. »Wir sind ein bisschen aufgeregt, aber alle finden es toll«, sagt sie. Marie Balser nickt. Die 91-Jährige hat ihre grüne Wolldecke fest um ihre Beine geschlungen. Es ist stürmisch und ein bisschen kühl, und an das Holpern über die Bordsteine muss sie sich auch erst gewöhnen. Aber wann hatte sie das letzte Mal Wind in ihren Haaren? Sie lächelt. Das ist lange her.

»Wieder Wind in den Haaren«, ist das Motto der Aktion »Radeln ohne Alter«, der sich die Gießener Initiative Demenzfreundliche Kommune (IDfK) und »Frosch - Kultur im Alter« angeschlossen haben. Sie wurde 2012 in Kopenhagen geboren, mittlerweile gibt es weltweit Standorte. Das Land Hessen hat die E-Rikscha für einen Zeitraum von zwei Monaten zur Verfügung gestellt, in der letzten Woche wurden die Räder nach 1800 Kilometern auf dem Tacho schweren Herzens wieder abgegeben.

Gießen: 20 Ehrenamtler lassen sich zu „Rikscha-Piloten“ ausbilden

20 ehrenamtliche Interessenten hatten sich zu »Rikscha-Piloten« schulen lassen, um Senioren in Stadt und Kreis Gießen einen Rikscha-Ausflug zu ermöglichen. Dagmar Hinterlang (IDfK) und Marion Bathe (Frosch - Kultur im Alter) freuen sich über diese Resonanz. Sie haben unter der Woche Touren für Alten- und Pflegeheime organisiert, an den Wochenenden konnten Privatleute die Rikscha buchen. Die Musikerin und Kulturgeragogin Bathe hat dieses Projekt ehrenamtlich gestemmt, sie hat viele Stunden mit der Planung und schließlich auch im Sattel zugebracht - inklusive einer Panne im Wald und durchnässter Kleidung nach einem kräftigen Regenguss. Was war ihre Motivation? »Die Freude der Senioren ist beglückend, dabei geht mir das Herz auf«, erzählt sie.

Die Bewohnerinnen und Bewohner des Johannessstifts können dank der zentralen Lage Spaziergänge im Park, in den Seltersweg oder zum Markt unternehmen, mit und ohne Begleitung, mit und ohne Rollator oder Rollstuhl. Doch mit dem Fahrrad waren sie lange nicht unterwegs.

Rikscha-Fahrten sind schöne Abwechslung für Gießener Senioren

»Schauen Sie mal, da hoppeln Kaninchen«, macht Bathe ihre Fahrgäste aufmerksam. Marie Balser beobachtet die niedlichen Nager, sie betrachtet die Enten und Schwäne. Der Wind trägt den Geruch des frisch gemähten Grases herüber. Schön ist das. Einmal tief Luft holen, für einen Augenblick die Augen schließen, den Moment festhalten. Nach der Runde durch den Park geht es zurück zum Johannesstift. Dort wartet schon Lieselotte Boller, auch sie freut sich auf den Ausflug. »Das Foto schicken wir auch den Kindern und Enkeln«, sagt sie und strahlt. Manche Fahrgäste genießen stumm, andere unterhalten sich angeregt mit den Rikscha-Piloten, erzählt Bathe. Einige waren so gerührt, dass ihnen sogar die Tränen in die Augen stiegen. »Das geht einem dann auch nahe«, sagt die 45-Jährige. Weil die Erfahrungen so gut waren, werden sie und ihre Mitstreiter sich dafür einsetzen, dass Rikschafahren auch künftig möglich ist. Vielleicht, so hoffen Bathe und Hinterlang, kann ein solches Projekt mit Unterstützung der Stadt und/oder sozialer Träger etabliert werden.

Eine schöne Begleiterscheinung unserer Tour durch die Stadt sind übrigens die Reaktionen der Passanten: Viele winken und fast alle lächeln. Das ist ungewohnt - und man könnte sich gut daran gewöhnen.

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