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Das Australische Nadelkraut ist eine große Bedrohung. Prof. Volker Wissemann und sein Team untersuchen die Potenziale invasiver Wasserpflanzen.

Bedrohung im Wasser

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Der botanische Garten ist für viele Gießener das liebste Ausflugsziel. Dabei ist er in erster Linie eine Forschungseinrichtung. Aktuell untersucht Prof. Volker Wissemann zum Beispiel invasive Wasserpflanzen, die auch die Gießener Flora bedrohen.

Aus Nordamerika schwappen viele Trends nach Deutschland. Aber auch viele Probleme. Der Waschbär zum Beispiel hat es über den großen Teich geschafft und breitet sich immer weiter aus - nicht nur zum Ärger von Hausbesitzern, sondern vor allem zum Nachteil der heimischen biologischen Vielfalt. Die Liste dieser invasiven Arten ist lang, und sie begrenzt sich nicht nur auf das Festland. »Die meisten Menschen denken dabei nicht an Wasserpflanzen, da man sie oft nicht sieht«, sagt Prof. Volker Wissemann vom Institut für Botanik der JLU und wissenschaftlicher Leiter des Botanischen Gartens. Problematisch seien sie aber dennoch, mitunter könnten sie ganze Ökosysteme zerstören. Damit es dazu in Hessen nicht kommt, unterstützt das Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) ein von Wissemann geleitetes Projekt.

Dabei untersuchen die Wissenschaftler die Populationsgenetik von acht aquatischen Makrophytenarten in Hessen - vollständig untergetaucht lebende größere Pflanzen sowie Schwimmblattpflanzen -, die invasiv sind oder das Potenzial hierfür besitzen. »Unser Doktorand Benjamin Feller fährt dafür mit drei Bachelor-Studierenden quer durch Hessen und die benachbarten Bundesländer und sammelt an Seen und Flüssen die Wasserpflanzen ein«, erklärt Wissemann. Anschließend stehe im Labor eine populationsgenetische Analyse an. Diese Untersuchung soll Aufschluss darüber geben, wie stark sich die Populationen genetisch ähneln. Vereinfacht ausgedrückt: Haben sie den selben Ursprung, ist die Ausbreitungsgefahr meist geringer als bei Pflanzen, die auf unterschiedlichen Wegen nach Deutschland gekommen sind.

Wie bei den meisten invasiven Arten ist der Mensch auch für die Verbreitung der Wasserpflanzen verantwortlich. Sie gelangen dabei teils auf überraschende Weise in die heimischen Gewässer. »Viele der invasiven Wasserpflanzen stammen aus dem Aquarianerbereich. Nach dem Reinigen der Aquarien kippen die Besitzer das Wasser in die Toilette. Die darin befindlichen Reste gelangen dann über die Kläranlagen in die Gewässer«, erklärt Wissemann.

Gerade die amerikanischen Vertreter stoßen in Deutschland auf gute Bedingungen. Das Klima ist ähnlich, gleichzeitig gibt es keine Feinde, was zu teils explosionsartigen Ausbreitungen führt. Aber auch Pflanzen aus anderen Regionen sorgen für Probleme. Das australische Nadelkraut etwa bedroht die Uferzonen von Teichen in Schleswig-Holstein. Die heimischen Pflanzen haben gegen den Neuling keine Chance. »Inzwischen wurden ganze Dünentäler mit Baggern zugeschüttet, um das Nadelkraut einzudämmen«, sagt Wissemann.

Um solche Ausbreitungen zu verhindern, hat die EU die Unionsliste herausgegeben, die invasive Arten auflistet. Bestimmte Pflanzen dürfen seither in den Mitgliedsstaaten nicht mehr verkauft werden. Im Botanischen Garten gibt es sie dennoch. »Wir haben eine Ausnahmegenehmigung«, sagt Wissemann, der gerade das neu geschaffene Victoriahaus betreten hat. Neben dem Becken mit der imposanten Seerose wirkt das Nadelkraut unscheinbar. »Dabei ist es die Pest«, so Wissemann.

Mit seinem Team und dank der Förderung des Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie will der Botaniker dafür sorgen, dass Hessen zustände wie in Norddeutschland erspart bleiben. »Wir wissen im Grunde nichts über den Zustand der Wasserpflanzengruppen in Hessen, ob sie genetisch heterogen sind oder nicht.« Das Projekt soll Aufschluss darüber geben, wie groß das invasive Potenzial ist, damit die zuständigen Behörden geeignete Maßnahmen zum Schutz der Flora und Fauna treffen können.

2023 ist zudem eine Ringvorlesung zu der Thematik vorgesehen, eine Ausstellung der Pflanzen in Aquarien ist ebenfalls geplant. Man kann davon ausgehen, dass diese Exemplare nicht die Toilette hinuntergespült werden.

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