Ein Behandlungsfehler kommt das Universitätsklinikum Gießen teuer zu stehen.	(Archivfoto: Schepp)
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90 Patienten am UKGM, 18 am Evangelischen Krankenhaus: Mit 108 Corona-Patienten haben die Gießener Kliniken einen neuen Höchststand erreicht. (Archivfoto: Schepp)

Freie Intensivbetten knapp

Corona in Gießen: Droht nun die Triage? Immer mehr Patienten in den Kliniken

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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UKGM und EV schlagen Alarm: Immer mehr Corona-Erkrankte müssen aufgrund ihrer Infektion in Kliniken behandelt werden. Droht Gießen bald die Triage?

  • Die Zahl der positiven Corona-Fälle in und um Gießen steigt immer weiter an.
  • Nun melden die Krankenhäuser der Stadt Gießen einen bedrohlichen Zwischenstand.
  • Immer mehr Betten auf Corona- und Intensivstationen sind belegt, hinzu kommt ein Mangel an Fachpersonal.

Update, 17.12.2020, 09:53 Uhr: Der Anstieg der Patientenzahlen an den heimischen Kliniken geht ungebrochen weiter. Am Universitätsklinikum in Gießen wurden am Dienstagmorgen 82 Corona-Patienten versorgt, am Abend waren es bereits 90 – und am Mittwoch schon 102 Patientinnen und Patienten mit Covid-19. 35 davon liegen auf den Intensivstationen, 67 auf mehreren Normalstationen.

In der Stadt Gießen gab es am Mittwoch (Stand 15 Uhr) 687 aktive Corona-Fälle. Die Sieben-Tage-Inzidenz lag bei 258,3. Im Landkreis zählte das Gesundheitsamt 2021 aktive Fälle. Die Inzidenz liegt bei 260,4. Von Entspannung auch hinsichtlich der geltenden Ausgangssperre keine Spur. Die Zahl der Verstorbenen stieg von 53 auf 56 Personen.

Corona in Gießen: Belastungsgrenze der Kliniken erreicht - Droht eine Triage?

Hintergrund, 16.12.2020, 07.35 Uhr: Tag für Tag zwängen sich die Ärzte und Pfleger in ihre Schutzanzüge und versorgen Covid-19-Patienten. Wenn die Männer und Frauen nach mehreren Stunden die Intensivstation verlassen, läuft ihnen der Schweiß in Strömen über die Haut. Seit Wochen ist die Belastung an den Gießener Krankenhäusern hoch, am Dienstag wurde erstmals die Marke von 100 Patienten überschritten. Entlastung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil.

Gießen: Evangelisches Krankenhaus an Belastungsgrenze angelangt

»Wir sind an der Belastungsgrenze angelangt. Wir rechnen aber mit weiteren Patienten«, sagt Sebastian Polag, der Geschäftsführer des Evangelischen Krankenhauses (EV). Positive Effekte durch den Lockdown würden in den Kliniken schließlich erst in zwei bis drei Wochen zu spüren sein.

Am Dienstagvormittag versorgte das EV fünf Patienten auf der Intensivstation sowie 13 auf der Corona-Station, die Platz für bis zu 18 Patienten bietet. Zumindest theoretisch. Denn derzeit fehlt es an Personal, wie Polag betont. »Viele unserer Mitarbeiter fallen momentan krankheitsbedingt aus. Daher haben wir Schwierigkeiten, alle Patienten zu versorgen. Wir mussten die Notbremse ziehen.«

EV-Gießen: Nur noch Notfälle operieren - Weitere Corona-Station geplant

Im EV ist das Elektiv-Programm heruntergefahren worden. »Das heißt, dass wir nur noch absolute Notfälle operieren«, sagt Polag. Alles andere werde verschoben. Von den sechs OP-Sälen seien aktuell nur zwei in Betrieb, die dadurch gewonnenen Kapazitäten sollen der Versorgung der Covid-Patienten zugutekommen. Durch Umstrukturierungen ist zudem eine weitere Corona-Station geplant. Polag will die Situation nicht beschönigen. »Die Lage ist angespannt und sehr ernst.«

Prof. Werner Seeger, der Ärztliche Geschäftsführer des Uniklinikums, teilt die Sorgen seines Kollegen. In seinem Haus wurden am Dienstag 90 Covid-Patienten versorgt, davon 40 auf den Intensivstationen. Das ist der bisherige Höchststand. In den vergangenen vier Wochen hat sich die Zahl der Corona-Patienten am UKGM nahezu verdoppelt.

Gießen und Umgebung: 90 Prozent der Intensiv-Betten belegt

»Die Intensivstationen vieler Kliniken in Deutschland sind schon jetzt extrem ausgelastet, und wir müssen neben den Covid-19-Kranken auch andere Patienten mit schweren Erkrankungen und Verletzungen versorgen«, sagt Seeger. Wie bedrohlich die Situation nicht nur in Gießen ist, belegt der Ärztliche Geschäftsführer mit Zahlen für die vom Uniklinikum organisierte Versorgungsregion 3, die die Landkreise Gießen, Lahn-Dill und Wetterau umfasst.

»Hier verfügen wir insgesamt über 360 Intensivbetten, die aktuell zu annähernd 90 Prozent belegt sind. Diese Betten sind für die Versorgung von Covid-19-Patienten, aber natürlich auch für andere intensivpflichtige Patienten da.« Eine Belegung von 90 Prozent liege weit oberhalb der Schwelle der üblichen Belegung und sei nur erreichbar gewesen, da alle Personalreserven mit Intensiv-Erfahrung in diesen intensivmedizinischen Versorgungsbereich hineingezogen worden seien. »Gegenwärtig umfasst der für Corona-Patienten vorgesehene Intensivbereich für die drei Landkreise zirka 80 Betten, davon 50 Prozent am UKGM Gießen, die jetzt schon weitestgehend belegt sind«, sagt Seeger.

90 Covid-Patienten am Uniklinikum

»Zudem haben wir durch mehrere Aufrufe unter den Studierenden erreicht, dass auch aus diesem Bereich die intensivmedizinische Pflege unterstützt wird. Gleichzeitig ist es ja auch immer so, dass wegen nicht vermeidbarer Infektionen und wirklicher Erschöpfung Pflegepersonal akut ausfällt.« Eine Ausweitung der intensivmedizinischen Kapazität sei nur möglich, wenn zusätzliches Pflegepersonal mit Intensiv-Erfahrung gewonnen werden könne, oder aber die Versorgung von Nicht-Corona-Patienten weiter reduziert werde.

Die große Belastung am UKGM ist auch damit zu begründen, dass nicht nur Gießener hier behandelt werden, sagt Seeger. »Es sind Patienten aus ganz Mittelhessen, teilweise bekommen wir auch Zuweisungen aus anderen hessischen Regionen, wenn dort – was gegenwärtig häufiger der Fall ist – die Kapazitäten erschöpft sind.«

Gießener Krankenhäuser: Kommt die Triage?

Die brenzlige Lage an den Gießener Kliniken lässt die Frage nach einer Triage aufkommen, in der bei knappen Ressourcen Patienten mit größeren Überlebenschancen zuerst behandelt werden. »Noch sind wir nicht soweit, dass wir Patienten das Beatmungsgerät wegnehmen müssen«, sagt EV-Geschäftsführer Polag. Aber natürlich werde diese Thematik im Krisenstab besprochen. Auch UKGM-Chef Seeger versichert, dass man von einer Triage noch ein gutes Stück entfernt sei. »Wir können alle nur hoffen, und ich persönlich wünsche es mir zutiefst, dass wir nicht in eine solche Situation kommen.«

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