"Ist es schon zu spät?", fragt Cécile Wajsbrot. FOTO: JOU
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"Ist es schon zu spät?", fragt Cécile Wajsbrot. FOTO: JOU

Beängstigendes Szenario

  • vonSascha Jouini
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Gießen(jou). Es war in mehrfacher Hinsicht eine besondere Veranstaltung. Erstmals seit dem Lockdown bot das Literarische Zentrum wieder eine Lesung, und trotz strenger Hygieneauflagen fanden sich viele Besucher im Rathaus ein. Die französische Schriftstellerin Cécile Wajsbrot (*1954) präsentierte zudem mit ihrem jüngsten Roman "Zerstörung", in der deutschen Übersetzung Anfang März im Wallstein Verlag erschienen, ein Werk mit speziellem Gegenwartsbezug.

Geschildert wird darin eine Diktatur nach der Machtübernahme. Die Ich-Erzählerin soll jeden Sonntagabend am Computer einen mündlichen Bericht erstellen und unbekannten Auftraggebern liefern, wird so Teil eines Experiments, dessen Zweck ihr vorenthalten bleibt. Wajsbrot entwirft ein beängstigendes Szenario einer Welt, in der ein autoritäres Regime das kollektive Gedächtnis auszulöschen versucht. Die Live-Aufzeichnungen brächten etwas Flüchtiges mit sich: Im Gegensatz zu schriftlichen Gedanken könne die Erzählerin diese nicht korrigieren. Eine Tendenz zu einfachen Ausdrucksformen beobachtet Wajsbrot auch an der heutigen Kunst - das Kompliziertere sei bereichernder, aber weniger gefragt.

Unterschiedliche Sprachrhythmen

Wie die mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin im Gespräch mit Moderatorin Dr. Kirsten Prinz anmerkte, habe sie am ersten Tag der pandemiebedingten Ausgangssperre in Paris an den Roman gedacht. Einiges von der dargestellten Situation finde sich in der Realität wieder. Das Buch sei nicht zuletzt vor dem politischen Hintergrund in Frankreich vor dreieinhalb Jahren zu sehen, als die rechtsextreme Nationale Front fast die Macht ergriffen hätte.

Wajsbrot las Ausschnitte des Romans auch auf Französisch, sodass man eine Vorstellung von der Sprachmelodie gewann. Wie sie gegenüber dem Publikum hervorhob, ließ sie sich bei der Konzeption von musikalischen Prinzipien leiten, arbeitete beispielsweise mit unterschiedlichen Sprachrhythmen.

In den Fokus rücke in "Zerstörung" eine "Diktatur ohne Gesicht". Die Vergangenheit im Roman sei unsere Gegenwart, die Jetztzeit eine Gewaltherrschaft. Angesichts "beängstigender Zeichen", dass wir auf solche Verhältnisse zusteuern, wirft Wajsbrot die Frage auf, ob wir noch etwas dagegen tun können oder ob es schon zu spät ist. Kritisch wertet sie, wie in unserer Kultur die Vergangenheit zuweilen derart viel Raum einnehme, dass kaum Platz bleibe für Zukunftsperspektiven. Noch gefährlicher sei indes die im Roman gezeichnete Welt ganz ohne Erinnerung. Die Befürchtung, die dunkle NS-Zeit etwa könnte vergessen werden, muss im familiären Kontext gesehen werden: Als Tochter polnischer Juden, die unter Hitlers Regime nach Frankreich flohen, habe sie einen Weg finden müssen, ihr Erbe anzunehmen.

Autorin und Moderatorin diskutierten außerdem literaturtheoretische Aspekte. Im Publikumsgespräch ging Wajsbrot auf die Symbolik des Mondes und der Gestirne in ihrem Roman ein, die wie ein Ausweg aus dem "Gefängnis" seien, aber auch als Metapher funktionierten: Die Diktatur gehe wie eine Sonnenfinsternis vorüber, dies berge die Hoffnung, dass die bedrohliche Situation ein Ende finde.

Eine Welt ohne Erinnerungen

Inspirieren ließ sich Wajsbrot bei dem Regime, von dem man nur die Maßnahmen sehen könne, nicht allein durch Kafkas "Prozess", sondern auch durch Autoren aus der ehemaligen Sowjetunion oder Truffauts Science-Fiction-Film "Fahrenheit 451". Wie Prinz betonte, funktioniere der Roman durch zahlreiche literarische Bezüge selbst auch als Erinnerungstext.

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