Welche Farbtöne passen zusammen? Die Zeitschrift "Schöner Wohnen" empfiehlt nur kühle oder nur warme Töne zu kombinieren. Foto: Christin Klose
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Bis zu drei Wochen warten Firmen aktuell auf bestellte Farben. Baustoffe sind knapp.

Wirtschaft

„Beispiellose“ Preisexplosion bei knappen Baumaterialien ist für Gießener teuer und mühsam 

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Trotz Corona hat die Baubranche 2020 ein Rekordjahr hingelegt. Aktuell droht der Boom jedoch zu stocken. Der Grund: Das Material ist knapp, die Preise schnellen in die Höhe. Auch Gießener Baufirmen sind von dem Trend betroffen.

Gießen – Es gibt immer was zu tun: Vor allem Hausbesitzer werden diesen Slogan unterschreiben. Die Fassade müsste gedämmt werden, der Zaun könnte einen neuen Anstrich vertragen, und allzu lange sollte die Dachsanierung auch nicht aufgeschoben werden. Das Problem: Gießener, die aktuell einen Handwerker beauftragen, müssen sowohl mit hohen Preisen als auch mit langen Lieferzeiten rechnen.

Der Bundesverband »Farbe Gestaltung Bautenschutz« spricht aktuell von einer »beispiellosen Welle von Preiserhöhungen bei Rohstoffen und Materialien für den Ausbau«. Er warnt vor einem »Preisschock« für Häuslebauer. Auch der Verband für Dämmsysteme, Putz und Mörtel (VDPM) berichtet von steigenden Preisen und Lieferschwierigkeiten.

Gießener Betriebe bekommen Knappheit von Baumaterialien zu spüren

Was die großen Verbände nun bekanntgeben, spüren die heimischen Betriebe schon lange. »Früher konnten wir zehn Eimer Farbe bestellen und am nächsten Tag waren sie da. Heute kriegt man die Ware drei Wochen später - wenn man Glück hat«, sagt Dietmar Döring, der Geschäftsführer des Gießener Unternehmens Richardt Baudekoration. Nicht nur Farbe sei derzeit knapp und teilweise gar nicht mehr zu bekommen, sondern auch Trockenbaumaterial. »Gipskartonplatten sind momentan fast ausverkauft«, betont Döring.

Felix Pakleppa, der Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe, sieht als Ursache der Knappheit die in der ersten Phase der Pandemie heruntergefahrene Produktion. Als dann die Konjunktur in China wieder angesprungen sei, sei die Nachfrage schneller als die Kapazität gewachsen. Und auch der Wintereinbruch in den USA habe sich negativ ausgewirkt, die dortige Produktion habe nicht rechtzeitig wieder hochgefahren werden können.

Das hat auch die IHK beobachtet. »Viele Produkte für die Bauwirtschaft werden importiert. Eine Reihe von Produzenten im Ausland hat zu Beginn der Corona-Pandemie ihre Produktion fast vollständig eingestellt. Daraus ergeben sich aktuelle Knappheiten«, sagt Matthias Leder, Hauptgeschäftsführer IHK Gießen-Friedberg. Ein weiterer Faktor sei die Behinderung von Transportwegen, etwa durch den Mangel an Containern.

Gießen: „Uns wird das Holz vor der Nase weggekauft“

»Uns wird das Holz vor der Nase weggekauft«, sagt Katja Schöffmann, Prokuristin beim gleichnamigen Dachdeckerunternehmen aus Wieseck. Die Sägewerke würden derzeit Holz vor allem nach China und Amerika exportieren, weil diese Länder bereit seien, sehr hohe Preise zu zahlen. »Auch bei uns sind die Preise regelrecht explodiert«, sagt Schöffmann. Demnach würden Dachlatten und Kanthölzer derzeit über das Doppelte, teilweise sogar das Dreifache vom normalen Einkaufswert kosten.

Noch profitiere die Firma davon, bereits recht früh größere Mengen gekauft und eingelagert zu haben, sagt die Prokuristin. »Aber auch da waren die Preise schon sehr hoch. Und auch wenn wir ein vergleichsweise großes Lager haben, sind die Kapazitäten natürlich begrenzt.«

Neben den hohen Kosten würden auch die langen Lieferzeiten Sorgen bereiten, sagt Schöffmann. »Holzweichfaserdämmung hat sonst eine Lieferzeit von etwa zwei bis drei Wochen. Aktuell sind es über 20 Wochen.«

Die veränderte Situation am Markt hat sowohl für Handwerksbetriebe als auch ihre Kunden weitreichende Auswirkungen. Erstere können schlechter planen, die Baustellenzeiten werden länger und nachstehende Projekte verzögern sich. Die Kunden müssen hingegen mit langen Wartezeiten rechnen - und deutlich höheren Rechnungen.

Holz bis zu dreimal so teuer, aber volle Auftragsbücher in Gießen

Die Baubranche hat im vergangenen Jahr trotz der Corona-Pandemie einen Rekordumsatz erzielt. Laut Statistischem Bundesamt lagen die Erlöse bei 98,3 Milliarden Euro. Das ist ein Zuwachs von 6,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Zahl der Mitarbeiter stieg ebenfalls deutlich, und zwar um 18 000 auf 505 000.

Auch das Unternehmen Richardt Baudekoration hat ein gutes Jahr hinter sich, sagt Geschäftsführer Döhring. »Wir merken von der Krise nichts, die Auftragsbücher sind immer noch voll.« Dann fügt der Geschäftsführer hinzu: »Aber was nutzen uns die vielen Aufträge, wenn wir kein Material haben?«

Haben Baumärkte im Lockdown geöffnet oder geschlossen? Die Bundesnotbremse brachte Klarheit über die Voraussetzungen, konnte aber den Flickenteppich nicht beseitigen.

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