Um das Warenhaus Karstadt/Kaufhof muss wieder einmal gebangt werden. 
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Um das Warenhaus Karstadt/Kaufhof muss wieder einmal gebangt werden. 

Bangen am Selterstor: Hat der Gießener Karstadt eine Zukunft?

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
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Für die Mitarbeiter der Galeria Kaufhof Karstadt beginnt nach Pfingsten der Monat der Wahrheit. Ende Juni soll feststehen, ob und wie es mit dem Warenhaus im Seltersweg weitergeht.

Mai 2009. Der Arcandor-Konzern und damit auch die Warenhauskette Karstadt ist von der Pleite bedroht. Geschäftsführer Lothar Schmidt und einigen seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stehen Tränen der Rührung in den Augen, als sie im Seltersweg "rote Herzen für Karstadt" verteilen. Noch nie zuvor hatte ein Geschäft in Gießen eine solche Wertschätzung durch seine Kunden und die Bevölkerung erfahren. Am Ende sind es 32 000 Unterschriften, die unter dem Motto "Wir kämpfen gemeinsam für Karstadt" zusammenkommen. Sogar vom Bistum Mainz gibt es eine Solidaritätsbekundung für Karstadt in Gießen.

Karstadt Gießen: Krisenmanagement nahezu im Stillen 

Verglichen mit der Situation vor elf Jahren vollzieht sich das aktuelle Krisenmanagement rund um die Warenhauskette Galeria Kaufhof Karstadt schon fast im Stillen. Das Unternehmen befindet sich seit 1. April im Schutzschirmverfahren, einer Vorstufe eines Insolvenzverfahrens, bei der der Schuldner aber die Kontrolle über sein Unternehmen behält. Generalbevollmächtigter Arndt Geiwitz und Sachwalter Frank Kebekus versuchen, für die Warenhauskette eine Lösung zu finden. Bis zum 30. Juni haben sie Zeit. Dann muss ein tragfähiger Insolvenzplan vorliegen, dem die Gläubigerversammlung zustimmen muss. Ist das nicht der Fall, könnte dies das endgültige Aus für die Warenhauskette bedeuten. Doch so weit ist es noch nicht.

"Es gibt noch keine neuen Erkenntnisse. Wir wissen bislang auch nur, dass möglicherweise bis zu 80 Filialen geschlossen werden sollen", sagt der Gießener Filialleiter Lothar Schmidt auf Anfrage dieser Zeitung. Die Schließungen sollen ein Teil des Insolvenzplans sein. Um die notwendige Einsparsumme zu erreichen, dürften aber auch weitere Schritte notwendig sein, darunter ein erneuter Personalabbau und der Versuch, in Verhandlungen mit den Vermietern der Kaufhäuser Mietminderungen zu erzielen.

Karstadt Gießen: Schwarze Zahlen trotz hoher Mieten

In Gießen warten die rund 220 Mitarbeiter natürlich mit Spannung auf die Liste der Filialen, die von einer Schließung betroffen wären. Aber auch die Kommunalpolitik hält den Atem an. "Wir sind im Gespräch", heißt es aus dem Rathaus. Mit öffentlichen Forderungen oder Resolutionen hält man sich am Berliner Platz diesmal aber zurück.

Erste Informationen über die angestrebten Schließungen werden in den nächsten Tagen erwartet. Die Stimmung in der Belegschaft sei trotz allem gelassen, heißt es am Selterstor. Gestählt durch die Erfahrungen der Insolvenz 2009 seien viele Mitarbeiter sicher, auch diese Krise wieder zu überstehen.

Die Corona-Einschränkungen haben in Gießen natürlich auch zu einem Rückgang der Kundenfrequenz und des Umsatzes geführt. Von bis zu 30 Prozent ist die Rede. Trotzdem arbeite die Filiale nach wie vor wirtschaftlich. Das Plus sei, unter anderem durch unverhältnismäßig hohe Mietzahlungen, die in der Arcandor-Zeit fixiert worden seien, zwar kleiner geworden, aber immerhin noch vorhanden. Das stimme viele Mitarbeiter auch in dieser Krise zuversichtlich. "Wir hatten vor Corona wirklich die Überzeugung, dass es durch den Zusammenschluss mit Kaufhof einen Aufwärtstrend gibt", sagt ein Insider. Auch das Weihnachtsgeschäft sei seit vielen Jahren wieder einmal gut gewesen.

Karstadt Gießen: Personalabbau, aber keine Ideen

Nach Einschätzung von Manuel Sauer, der in Kassel sitzt und seit dieser Woche bei der Gewerkschaft Ver.di als Sekretär für den Handel in Mittelhessen zuständig ist, werden bereits in der Woche nach Pfingsten Entscheidungen fallen. Dabei gehe es nicht nur um das Unternehmen, sondern auch um die Zukunft der Innenstädte. In Städten wie Gießen, Fulda oder Kassel seien die Karstadt/Kaufhof-Filialen nach wie vor "Leuchttürme", sagt Sauer. In Kassel finde heute eine Betriebsversammlung statt, an der auch der Oberbürgermeister teilnehme. Sauer geht davon aus, dass der Gewerkschaft in Kürze ein Sanierungstarifvertrag vorgelegt werden wird, der für die Mitarbeiter weitere Einbußen vorsehe. Die Beschäftigten indes könnten überhaupt nichts für die Situation. "Die sind immer noch freundlich und motiviert", sagt Sauer.

In den Filialen, die bestehen bleiben sollen, stehe zudem ein zehnprozentiger Personalabbau zur Debatte. "Dann wird wieder schlank- und fitsaniert", schimpft Joachim Haucke, der bei Ver.di in Gießen viele Jahre für Karstadt zuständig war und als Experte für Einzelhandel gilt. "Nur sparen, sparen, sparen ist aber kein Zukunftskonzept. Die Frage, wie große Kaufhäuser in den Innenstädten funktionieren können, muss beantwortet werden", betont Haucke.

Die Auswirkungen, die eine Schließung des Warenhauses am Selterstor auf die Gießener Innenstadt hätte, dürften immens sein. Immerhin zieht das Unternehmen an normalen Tagen bis zu 2000 Kunden an. "Wir sind halt immer noch der Platzhirsch", sagt Schmidt.

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