Der Nächste, bitte! Morgendlicher Betrieb vor der Tierklinik. FOTO: CG
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Der Nächste, bitte! Morgendlicher Betrieb vor der Tierklinik. FOTO: CG

Bangen und Bellen im Open-Air-Wartezimmer

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Die kleine Hündin mit dem Wuschelfell ist aufgeregt. "Deshalb hält sie die Klappe, normalerweise würde sie hier alle rundmachen", erklärt die Besitzerin. Aber heute ist nicht normalerweise, der Gesundheitscheck steht an. Die Hündin ist herzkrank, die Kontrolle und Medikation möchte die Besitzerin nicht ihrem Haustierarzt überlassen, deshalb hat sie den weiten Weg von Bad Berleburg in Kauf genommen. "Mir ist es lieber, die Spezialisten hier kümmern sich darum." Die moppelige Hundedame schaut vorwurfsvoll nach oben zum Frauchen. Sie hält von dem Ausflug nach Gießen offenbar nicht viel.

Damit ist sie nicht allein. Auch die anderen Vierbeiner, die an diesem Vormittag vor der Tierklinik im Open-Air-Wartezimmer stehen, haben keinen Bock auf die Behandlung. Alle paar Minuten geht die Tür auf und einer von diesen Menschen mit Namensschildchen am T-Shirt und Klemmbrett in der Hand holt den nächsten Patienten ab. Alltag in Zeiten von Corona. Seit dem Frühjahr heißt es "Herrchen und Frauchen müssen draußen bleiben". Der Abschied fällt den meisten schwer. "Passen Sie gut auf ihn auf", ruft ein junger Mann der Tierärztin hinterher, als sie seinen Jagdhund mitnimmt. "Keine Sorge, wir sehen uns heute Mittag." Eine Kollegin verabschiedet derweil eine Frau, die ihren Liebling abholt, der noch etwas benommen in der Box hockt. "Geben Sie die Tabletten eine Woche lang." Das Kätzchen, versichert sie, werde sich schnell erholen. Klägliches Maunzen aus der Kiste. "Was wisst denn ihr schon?"

Manche wichtigen Dinge werden im Vorfeld schon telefonisch geklärt. "Der Stuhl war in den letzten Tagen breiig, aber nicht flüssig", schildert ein Mann. Die französische Bulldogge zu seinen Füßen schaut konsterniert in die Ferne. Menschen können unendlich peinlich sein.

Ein junger Airedale-Terrier wird zu seinen Besitzern zurückgebracht. Stürmische Begrüßung, der Hund wird für seinen Heldenmut gefeiert. "Er hat sehr brav alles mitgemacht", sagt die Ärztin. "Das haben wir schon geübt, als er noch ganz klein war", erzählt die Besitzerin stolz. Der Rüde führt ein Tänzchen auf.

Die herzkranke Hündin schaut missbilligend zu ihm hinüber. Alberner Kerl. Normalerweise würde sie dem Jungspund eine Ansage machen. Aber darum kann sie sich jetzt nicht kümmern. Lieber ist sie still und tut so, als sei sie unsichtbar. (cg)

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