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Bei der IKS-Bigband aus Rüsselsheim zupft eine Frau den Kontrabass.

Big Bands lassen es beim Jazzpodium krachen

Viel Blech und Gebläse gab es am dritten und letzten Tag des Hessischen Jazzpodiums im Konzertsaal des Rathauses. Anlass war die Verleihung des mit 10 000 Euro dotierten Hessischen Jazzpreises.

Albert Zetzsche vom Ministerium für Wissenschaft und Kunst hob hervor, dass von bisher 23 Prämierten 18 ausübende Musiker gewesen seien, während fünf sich auf andere Weise um die Förderung des Jazz verdient gemacht haben. Die diesjährigen Preisträger, Horst Aussenhof (57) von der Immanuel-Kant-Schule in Rüsselsheim und sein Kollege Franz-Josef Schwade (62) vom Schlüchterner Ulrich-von-Hutten-Gymnasium, haben das Fach Musik noch nicht einmal studiert, sich aber durch die langjährige Arbeit mit den von ihnen gegründeten Big Bands in der Nachwuchsförderung im Jazz engagiert.

Aussenhof gründete die IKS-Bigband, die sich heute zu gut 75 Prozent aus Ehemaligen der Schule zusammensetzt, im Jahre 1986. In der Schule selbst arbeitet der Mathematik- und Physiklehrer mit den Swing Kids etwa zweieinhalb Stunden pro Woche. Die Auszeichnung bedeute ihm Würdigung, Bestätigung und Motivation für die weitere Förderung des Jazz, hob er in seiner Dankesrede hervor. Der Jazzpreis sei aber auch eine Würdigung all derer, die seine Projekte mittragen. "Ihr habt all die Jahre meinen – ich sag’s mal so – persönlichen Charme ertragen", bedankte er sich zu guter Letzt leicht selbstironisch bei seinen Big-Band-Musikern.

Schwade, durch seine Baskenmütze leicht als Französischlehrer (plus Sport) zu erkennen, gibt zu, dass er "eigentlich kein Jazzmusiker" sei, dafür aber "ein leidenschaftlicher Pädagoge". Pädagogen müssten nicht unbedingt Big-Band-Leiter sein, wohl aber umgekehrt, hat Laudator Thomas Cremer, selbst Schlagzeuger, in seiner liebevollen und geistreichen Lobrede kurz vorher noch hervorgehoben. Auch Schwades bereits 1983 ins Leben gerufene Caravan Bigband besteht im Wesentlichen aus Ehemaligen, während die Aufbauarbeit in der Schlüchterner Schule durch ein Blasorchester ab Klasse 5 und das UvH Jazz-Ensemble für die höheren Jahrgänge geleistet wird. Etwa 150 in dieser Richtung musizierende Schüler gebe es an der UvH-Schule, sagte Schwade im Gespräch mit dieser Zeitung. Zum Jazz hinführen könne man Kinder vor allem durch die Neugier der unbefangenen Kids und deren Lust am Spielen. Auch sieht er einen Zusammenhang zwischen der Qualität der Blechbläser und der Verankerung von Spielmannszügen und Posaunenchören im ländlichen Umfeld.

Wie sein Kollege dankte Schwade nach dem Empfang der Urkunde mit dem Hessen-Löwen vielen Menschen – von der Familie (einige Mitglieder haben in der Big Band mitgewirkt oder tun es bis heute) über Schulleitungen, Kommunen bis zu den Musikern selbst.

Umrahmt wurde die Zeremonie von Auftritten der erwähnten Big Bands. Beide glänzten durch Abwechslung, indem Nachwuchssänger und -sängerinnen auftraten, die weitere Bühnenerfahrungen sammeln wollen. Aussenhof überließ zwischendurch dem Nachwuchs die Leitung der Band, und auch bei Schwade wird Jazz nicht nur gespielt, sondern auch gesungen. Darüber hinaus fällt auf, dass der Frauenanteil in den Ensembles des dritten Festivaltages erfreulich gestiegen ist – wobei die jungen Damen nicht nur am Mikro stehen, sondern Kontrabass (IKS Bigband), Klavier (Caravan Bigband) und Blasinstrumente spielen.

Die Rüsselsheimer begannen mit "Stompin’ at the Savoy", haben mit "Backrow politics", einem aktuellen Stück von Gordon Goodwin, aber auch fast Funkiges im Repertoire. Die Caravan Bigband bot ein noch etwas größeres Stilspektrum – von Ray Charles’ souligem "Hallelujah, I love her so" über "Embraceable you" bis hin zu Jazzrock von Pat Metheny ("Heartland") und "Georgia on my mind". Beide Jazzorchester trumpften mit einer beachtlichen Spielkultur auf.

Ganz im Sinne des Thementags mit elf zusätzlichen Bläsern zur Quasi-Big Band Brass Bomb aufgestockt, ließen es die Lokalmatadore von Captain Overdrive zum Festivalabschluss ordentlich krachen – wenn auch, wie schon vor ein paar Jahren beim Karstadt-Auftritt, ein bisschen von der ursprünglichen Energie des Quartetts um Posaunist Andreas Jamin verloren zu gehen schien. Die kraftvolle Kompaktheit der Overdrive-Stücke wurde hier und da zugunsten von big-band- typischen Solobeiträgen aufgelöst. Vor allem Carolin Hild gefiel mit ihrem expressiven Spiel auf dem Altsaxofon, ebenso wie Hans Kreuzinger am Tenor.

Das durchweg gut besuchte Jazzpodium – nach 1994, 1997 und 2004 bereits das vierte in Gießen – darf von den Veranstaltern, der Jazzinitiative Gießen und dem Kulturamt der Stadt, als großer Erfolg gewertet werden: Abwechslung und Atmosphäre stimmten und den Zuhörern wurde ein hochwertiges und unterhaltsames Programm geboten. Und am Schluss wurde in den schmalen Gängen des Saals dann auch getanzt.

Den Mitschnitt der Preisträgerkonzerte sendet hr2 am 20. Dezember.

Axel Cordes

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