Pfarrer Klaus Weißgerber auf "seinem" Kirchenplatz. FOTO: SCHEPP
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Pfarrer Klaus Weißgerber auf "seinem" Kirchenplatz. FOTO: SCHEPP

Engagierter Theologe

Gießener Stadtkirchenpfarrer verabschiedet sich

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Pfarrer Klaus Weißgerber war immer mittendrin - Botschafter, Mahner und Seelsorger für alle, die "mühselig und beladen" sind. Ende Juni verabschiedet er sich aus diesem Amt, Nachfolger wird Pfarrer Gabriel Brand.

Immer nur Absichtserklärungen. Klaus Weißgerber winkt ab beim Thema Verkehrspolitik der Stadt. "Die Radinfrastruktur ist ein Desaster." Der Pfarrer ist nicht nur ein leidenschaftlicher Radfahrer, sondern zudem ein Freund deutlicher Worte. Auf der Kanzel und auch "im wahren Leben", wenn es um gesellschaftlich relevante Themen geht. Herumschwurbeln, vorsichtig Bedenken äußern, das ist nicht sein Ding. Schon eher "sagen, was ist", um mit Rudolf Augstein zu sprechen. Mit seiner Art, klare Kante zu zeigen, hat Weißgerber das Amt des Stadtkirchenpfarrers geprägt: Hier ist einer, der aufpasst, der eine Wächterfunktion hat. Das gilt für den Kampf ums Klima, aber er steht ebenso auf, wenn es um rechten Populismus, um Gewalt oder um Antisemitismus geht. Er ist ein politischer Pfarrer, dem es nicht in den Sinn käme, sich aus weltlichen Dingen herauszuhalten.

Als 2002 die Stelle für Stadtkirchenarbeit ausgeschrieben wurde, war der Inhalt nicht klar definiert, erinnert sich Weißgerber. Man wollte einen Anker und eine Anlaufstelle in der Innenstadt schaffen und die Gemeindearbeit bündeln. Wie das genau vonstatten gehen sollte, war offen. Im Fokus standen zunächst Aufbau und Betrieb des Kirchenladens. Ähnliche Projekte mit dem Ziel, die Stadtgesellschaft einzuladen, ohne Berührungsängste mit der Kirche in Kontakt zu kommen, gab es damals bereits in anderen Städten.

Weißgerber, der nicht nur Theologe, sondern auch Pädagoge ist, war in den 90er Jahren Seelsorger in der Leppermühle. Die Arbeit mit psychisch kranken Jugendlichen machte ihm Freude, die Atmosphäre stimmte. 1998 wechselte er nach Wieseck. Auch die Tätigkeit als Gemeindepfarrer in der Michaelsgemeinde gefiel ihm, er arbeitete gerne und gut mit Pfarrer Traugott Stein zusammen. Mit Thomas Reichardt, dem dritten im Bunde, gab es jedoch unversöhnliche Auseinandersetzungen. Weißgerber verließ das Team und ging nach Heuchelheim. Dort habe er der Kollegin "zugearbeitet", das habe bestens funktioniert, erinnert er sich. "Ich weiß genau, was ich will, aber ich kann mich auch zurücknehmen." Während seines letzten Jahres in Wieseck war bereits die Stadtkirchenarbeit hinzu gekommen, 2004 wurde aus der halben Stelle eine ganze.

Ums Zuarbeiten ging es in der Innenstadt nie, sondern hier mussten neue Strukturen geschaffen werden. Der Kirchenladen ist ein ökumenisches Projekt. Die katholische Cityseelsorge (Gerd Tuchscherer) und die evangelische Stadtkirchenarbeit kooperieren eng, sie werden von einem engagierten Team ehrenamtlicher Mitarbeiter unterstützt, die aus ganz verschiedenen Gemeinden kamen und auch heute noch kommen. Da es ähnliche Projekte bereits in anderen hessischen Städten gab, musste man nichts neu erfinden, sondern konnte sich daran orientieren, wie die Nachbarn vorgegangen waren.

Räumlich angesiedelt wurde die Stadtkirchenarbeit in der Pankratiusgemeinde, die 2004 aus den Gemeinden Markus und Matthäus entstand. Die Zeit der gemeindlichen Neustrukturierung und der Aufbau der Stadtkirchenarbeit fielen zusammen. Weißgerber knüpfte Kontakte zu städtischen Gremien, zu den Wohlfahrtsverbänden, zur Kulturszene, zu Universität und zum Handel, es entwickelten sich Kooperationen, die das städtische Leben bis heute bereichern: Konzerte, Theater und Lesungen in der Pankratiuskirche, Feste und Veranstaltungen am Stadtkirchturm, der Weihnachtsmarkt auf dem Kirchenplatz - all das begann in dieser Zeit. Ein Höhepunkt, an den Weißgerber gerne zurückdenkt, war die Landesgartenschau mit ihren Veranstaltungen und vielfältigen Möglichkeiten der Begegnung.

Weniger schöne Erinnerungen hat er an den erbitterten Streit um die verkaufsoffenen Sonntage. Weißgerber engagierte sich mit den Gewerkschaften in der "Allianz für den freien Sonntag" und nahm in diesen Auseinandersetzungen, die letztlich vor Gericht ausgetragen wurden, kein Blatt vor den Mund. "Da sind auch schon mal heftig die Fetzen geflogen", erinnert er sich. Nicht jeder habe ihm diese Haltung und die harsche Kritik verziehen, mancher trage ihm das bis heute nach. Das bedauert er. "Mir ist es wichtig, dass man wieder ins Gespräch kommt." Es sei nie um persönliche Kränkungen gegangen, sondern um Inhalte. "Ich wünsche mir, dass man sich zum Schluss die Hand reichen kann."

Bei seiner Kritik an den verkaufsoffenen Sonntagen stand nicht die zunehmende Kommerzialisierung im Mittelpunkt. "Der Kommerz hat uns eh im Griff, das Thema ist gegessen", sagt er. Ihm sei die gemeinsame freie Zeit wichtig. "Wenn es die nicht mehr gibt, wird unsere Gesellschaft zerstört." Geselligkeit in Vereinen, Familie und Partnerschaft sei ein hohes Gut, das man nicht aufs Spiel setzen dürfe. Er sei kein radikaler Gegner der Verkaufsöffnung an Sonntagen, in seinen Anfangsjahren habe er die Begleitaktionen an solchen Tagen sogar unterstützt. Aber die maßlose Ausweitung habe er nicht akzeptieren können. Die "Spielchen" beim Erfinden neuer Events, um einen Grund für immer mehr verkaufsoffene Tage zu finden, hätten ihn auf die Palme gebracht.

Bei all seinem politischen Engagement und dem Wunsch, die Innenstadt zu einem lebendigen Ort der Begegnung zu machen, ist Weißgerber immer auch Seelsorger und Sozialarbeiter. Er ist kein Pfarrer, zu dem die Schäfchen ehrfürchtig aufschauen, sondern er ist ein humorvoller "Kumpeltyp", dem sie ihre Sorgen und Nöte anvertrauen. Viele der Ratsuchenden sind psychisch krank, arbeitslos und alleine. Für sie bedeutet der Pfarrer einen wichtigen Halt. Das ist ein Punkt, der dem künftigen Ruheständler zu schaffen macht. "Manche von ihnen werden sich verlassen fühlen."

Weißgerber beendet seine Tätigkeit in der Stadtkirchenarbeit Ende Juni. Bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 2021 wird er die Kollegin in der Wiesecker Michaels- gemeinde unterstützen. "Zurück zu den Anfängen", sagt er und lacht.

Der 62-Jährige freut sich auf den neuen Lebensabschnitt. Auch seine Frau beendet im kommenden Jahr ihre Berufstätigkeit. Dann ist endlich mehr Zeit - für Gemeinsamkeit, für die alten Eltern, für die erwachsenen Töchter, das Enkelkind, das Radfahren, das Haus in Frankreich und noch viel mehr. Und dennoch sind es zwiespältige Gefühle, die ihn beim Gedanken an das kommende Jahr überkommen. Eine reiche und turbulente Phase geht zu Ende. Um sein "Vermächtnis" in der Stadtkirchenarbeit ist ihm nicht bange. Sein Nachfolger, Pfarrer Gabriel Brand, werde das Amt auf eine neue und gute Art führen, ist er sicher. Die Kirche ist im Umbruch, der Mitgliederrückgang macht Zusammenlegungen und neue Kooperationen notwendig; die Arbeit in der Stadtkirchenarbeit und im Kirchenladen soll jedoch fortgeführt werden wie bisher. Nur der Pfarrer für "gesellschaftliche Verantwortung" heißt künftig nicht mehr Weißgerber.

Seinen Abschied hat der Seelsorger sich anders vorgestellt. Ein Gottesdienst und ein fröhliches Fest mit Freunden, Kollegen und Weggefährten sowie der Vorstellung "des Neuen" wäre schön gewesen. Das hat Corona vermasselt. "Ein Jammer, das macht mich wirklich traurig", sagt er. Vielleicht findet sich ein Kompromiss. Dass der hemdsärmelige Pfarrer aus dem Kirchenladen einfach sang- und klanglos verschwindet, kann sich jedenfalls keiner vorstellen.

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