Die Gleis-Drehscheiben gehören zu den denkmalgeschützten Teilen des Bahnbetriebswerks. Trotzdem rosten sie seit 17 Jahren vor sich hin. ARCHIVFOTO: SCHEPP
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Die Gleis-Drehscheiben gehören zu den denkmalgeschützten Teilen des Bahnbetriebswerks. Trotzdem rosten sie seit 17 Jahren vor sich hin. ARCHIVFOTO: SCHEPP

Denkmal

Bahnbetriebswerk Gießen: Ruinen zwischen Schienen

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Das Bahnbetriebswerk soll als Denkmal geschützt werden. Außer einer Begehung ist indes nicht viel passiert. Gelingt es Ehrenamtlichen, einen Teil der Gebäude zu retten?

Birken wuchern auf den rostigen Gleis-Drehscheiben, Brombeeren ranken an verwitterten Backsteinmauern empor, es riecht nach Metall und Diesel. Früher war die Luft hier erfüllt von Hämmern und Zischen, bis zu 1300 Menschen arbeiteten im Bahnbetriebswerk. Heute wirkt das Gelände weltabgeschieden - auch wenn ständig Züge vorbeifahren, deren Fahrgäste die Ruinen mitten im Schienengewirr verfallen sehen können.

Fünf Jahre ist es her, dass ein GAZ-Reporterteam sich vor Ort einen Eindruck verschaffen konnte von dem Stück Industriearchitektur. Ehrenamtliche vom Verein Oberhessische Eisenbahnfreunde schilderten beim Rundgang - mit Abstand zu den einsturzgefährdeten Gemäuern - ihren Traum, einen Teil der Anlage zu übernehmen und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Auf ihrem Gelände etwas weiter südwestlich werde der Platz knapp, und es fehle ein Dach für Schienenbusse und andere Schätze.

2016 gründeten einige Aktive den eigenen Verein "Historisches Bahnbetriebswerk Gießen". Das Ziel: Ein "lebendiges Eisenbahnmuseum" im nördlichen - nicht ganz so baufälligen - Ringschuppen. Dorthin gelangen könnten Besucher mit einem Pendelverkehr.

"Die Idee ist nach wie vor da", erklärt Gregor Atzbach, Sprecher des Vereins, auf GAZ-Nachfrage. Doch nach wie vor lahmten die Mietverhandlungen mit der Deutschen Bahn. Seit Frühjahr erschwere die Corona-Pandemie das Spendensammeln durch Sonderfahrten mit historischen Schienenfahrzeugen. Weitere Unterstützer seien herzlich willkommen.

Für einen Hoffnungsschimmer sorgte im vergangenen Jahr das Landesdenkmalamt. Es wurde darauf aufmerksam, dass die Deutsche Bahn auch den geschützten Teil der Anlage verfallen lässt. Dabei müssen Eigentümer Denkmäler "im Rahmen des Zumutbaren erhalten und pfleglich behandeln". Die DB hatte auf GAZ-Anfrage zuvor stets erklärt, sie betreibe nur noch "Stillstandsmanagement". In ihren Augen genüge die Sperrung der Brücke von der Frankfurter Straße, um die Verkehrssicherungspflicht zu gewährleisten und Vandalismus abzuwehren.

Vor anderthalb Jahren erklärte die Bahn dann, sie versuche "alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um die Immobilie zu erhalten. Dies ist aber sehr kompliziert bei einem Gebäude, welches sich zwischen befahrenen Strecken befindet." Das unterscheidet sie von positiven Beispielen für die gelungene Nachnutzung, etwa das ehemalige Ausbesserungswerk in Limburg oder die Güterhalle in Höchst im Odenwald: Sie liegen am Rande der Gleise.

Nach wie vor stecken die Beteiligten in dieser Sackgasse, erklärt ein Bahnsprecher nun. Es habe eine gemeinsame Begehung mit der Unteren Denkmalschutzbehörde und dem Landesamt für Denkmalpflege im Juli 2019 gegeben. Seitdem gebe es einen "Austausch zur Thematik", bisher ohne Ergebnis. Eine konkrete Mietanfrage des Vereins Historisches Bahnbetriebswerk Gießen gebe es offiziell nicht.

Abriss gilt als allerletzter Ausweg

Unter welchen Umständen kann ein Besitzer ein Denkmal aufgeben? Die Rechtslage haben viele Gießener im Zusammenhang mit Samen-Hahn und der Alten Hauptpost kennengelernt: Oberste Priorität hat die Erhaltung. Diese Pflicht gerät dann an ihre Grenzen, wenn das Gebäude "nicht oder nur unter unzumutbarem Aufwand erhalten werden kann", etwa weil es nicht mehr standsicher ist. Ein Abriss gilt für die Denkmalbehörden als "allerletzter Ausweg".

Die DB ist darauf wahrscheinlich selbst nicht erpicht. Ein fachgerechter Abbruch wäre sehr teuer und aufwendig. Die Ruinen zwischen Schienen bleiben vermutlich noch lange ein alltäglicher Anblick für Zugnutzer.

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