"Bäume werden geschwächt"

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Es ist ein ungewöhnlicher Anblick: Apfelbäume, die im September noch blühen, obwohl sie schon längst Früchte tragen: Über dieses Naturphänomen wundern sich derzeit viele Leser – darunter auch Nina Freiheit aus Rödgen. Sie hat bei einer Joggingrunde einen blühenden, mit reifen Früchten behangenen Apfelbaum entdeckt. Auch Weinstöcke am Haus, die nach der Ernte plötzlich noch einmal neue Früchte ausbilden, sind derzeit zu beobachten. Die Natur treibt in diesem Sommer besondere "Blüten". Warum ist das so? Hat das vielleicht etwas mit dem extrem warmen und langen Sommer (mit über 110 Tagen, die über 25 Grad warm waren) zu tun? Wir haben darüber mit Dr. Gerald Moser vom Institut für Pflanzenökologie der Universität Gießen gesprochen.

Es ist ein ungewöhnlicher Anblick: Apfelbäume, die im September noch blühen, obwohl sie schon längst Früchte tragen: Über dieses Naturphänomen wundern sich derzeit viele Leser – darunter auch Nina Freiheit aus Rödgen. Sie hat bei einer Joggingrunde einen blühenden, mit reifen Früchten behangenen Apfelbaum entdeckt. Auch Weinstöcke am Haus, die nach der Ernte plötzlich noch einmal neue Früchte ausbilden, sind derzeit zu beobachten. Die Natur treibt in diesem Sommer besondere "Blüten". Warum ist das so? Hat das vielleicht etwas mit dem extrem warmen und langen Sommer (mit über 110 Tagen, die über 25 Grad warm waren) zu tun? Wir haben darüber mit Dr. Gerald Moser vom Institut für Pflanzenökologie der Universität Gießen gesprochen.

Herr Moser, wie kommt es, dass Apfelbäume gleichzeitig Früchte tragen und trotzdem noch einmal blühen? Ist das eine Folge des extrem warmen und trockenen Sommers?

Dr. Gerald Moser: Ja, die lange sommerliche Trockenheit kann bei Obstgehölzen dazu führen, dass die Wasseraufnahme der Pflanzen aus dem Boden über einige Zeit zum Erliegen kommt. Dadurch müssen die Pflanzen nicht nur die Fotosynthese einschränken, sondern den gesamten Stoffwechsel ähnlich weit drosseln wie während der winterlichen Vegetationsruhe. Wenn die Pflanzen dann nach ersten Regengüsse wieder Wasser aufnehmen können, wird der Stoffwechsel ähnlich wie im Frühjahr wieder hochgefahren. Sie treiben dann oft wieder neue Blätter aus, um die vertrockneten Blätter zu ersetzen – und zum Teil kommt es dann auch dazu, dass die für das nächste Jahr schon angelegten Blütenknospen sich öffnen.

Schadet das dem Baum?

Moser: Die Pflanze oder der Baum verbraucht dabei viele Reservestoffe, die eigentlich für das nächste Frühjahr benötigt werden und die dann fehlen, sodass es im nächsten Jahr wohl zu vermindertem Blütenansatz kommen wird und der Baum geschwächt ins neue Jahr starten wird.

Welche anderen Natur- und Pflanzenphänomene sind in diesem Sommer zu beobachten?

Moser: Der trockene und heiße Sommer, der mit hohen Temperaturen im April losging, hat dazu geführt, dass viele Entwicklungsstadien der Pflanzen viel früher und schneller eintraten und sich der Reifeprozess bei Obstgehölzen stark verkürzte. Auch verkürzte sich die Kornfüllungsphase beim Getreide, sodass nur sehr kleine Körner produziert wurden. Als weitere Konsequenz begann die Weinlese dieses Jahr außergewöhnlich früh und musste durch die hohen Tagestemperaturen zum Teil in die Nacht und frühen Morgenstunden verlegt werden. Durch die Trockenheit haben viele Bäume bereits im August mit der herbstlichen Blattverfärbung begonnen und vorzeitig ihr Wachstum eingestellt.

Wie gut können sich die Natur und die einheimischen Nutzpflanzen an die veränderten Klimabedingungen anpassen?

Moser: Nach den Klimaprognosen für Hessen müssen wir damit rechnen, dass sich bei uns bis zum Ende des Jahrhunderts ein "Mittelmeerklima" einstellt. Das heißt, trockene heiße Sommer und kühle, feuchte Winter, so wie wir dies seit Herbst 2017 erleben. Im Herbst und Winter wird dann oft der Boden wassergesättigt sein, sodass Landwirte das Ausbringen der Gülle und Aussäen von Wintersaaten nur eingeschränkt mit schweren Maschinen durchführen können. Es werden dann nur noch sehr selten negative Wintertemperaturen auftreten, sodass alle Nutzpflanzen, die diesen Kältereiz benötigen, um im Frühjahr synchron mit ihrem Wachstum und ihrer Entwicklung zu beginnen, verminderte Erträge bringen werden. Das betrifft vor allem die Wintergetreidesorten, aber auch Obstgehölze und auch die häufigste Erdbeersorte. Der Schädlingsdruck wird voraussichtlich durch die milden Winter weiter zunehmen.

Was bedeutet das für die Pflanzen und für uns Menschen?

Moser: Wenn die Obstgehölze früher austreiben, aber, wie vorhergesagt, die Spätfrostgefahr bestehen bleibt, wird es dazu kommen, dass dann nicht nur die Blüten abfrieren, sondern auch die danach austreibenden Blätter. So verliert der einzelne Baum mehr Ressourcen und kann durch das Neuaustreiben in einen latenten Erschöpfungszustand kommen.

Was prognostizieren Sie für die Zukunft?

Moser: Die zukünftigen Extremjahre werden noch deutlich heißer und trockener als der Sommer 2018 werden, sodass wir mit noch größeren Ernteausfällen im Grünland und bei Ackerkulturen rechnen müssen. Die jetzt verwendeten Sorten werden sich nicht schnell genug an den Klimawandel anpassen können, aber zum Teil können bereits besser hitze- und dürretolerante Sorten oder andere Kulturen wie Hirse gewählt werden. Dort, wo es technisch und wirtschaftlich möglich ist, wird künstliche Bewässerung ausgebaut werden müssen. Auch eine Diversifizierung der Kulturen wird für den Landwirt wichtiger. In Kombination mit erhöhter Temperatur und geänderter Niederschlagsverteilung wird der Einfluss der erhöhten CO2-Konzentration auf den Stoffhaushalt von Nutzpflanzen voraussichtlich zu veränderten Nährstoff- und Energiegehalten von Nahrungs- und Futtermitteln führen. Einige Studienergebnisse zeigen, dass der Proteinanteil, der Energiegehalt und auch der Gehalt an essenziellen Nährstoffen wie Zink und Eisen in Pflanzen abnehmen und unter Umständen zu Mangelernährung führen kann. Beim Grünlandfutter kommt hinzu, dass der Rohfaseranteil zunimmt, sodass es für Kühe schwerer verdaulich wird und die Kühe durch den abnehmenden Protein- und Energiegehalt mehr Futter verdauen müssen, um gleich viel Milch geben zu können.

Wie lautet demnach Ihr Fazit?

Moser: Dieser Sommer mit seinen vertrockneten Wiesen und Feldern hat vielen Menschen die Auswirkungen des Klimawandels vor Augen geführt. Hoffentlich führt das dazu, dass die Menschen jetzt aktiv ihren Lebensstil – Wohnen, Mobilität, Konsum – klimaschonender gestalten und auch an der Wahlurne an den Klimawandel denken. Es sollte jedem klar sein, dass die Vermeidung von Treibhausgasemissionen viel günstiger ist als Folgekosten, die durch Ernteausfälle, Sturmschäden, Küstenschutz und andere klimabedingte Schadenereignisse entstehen.

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