Mensch, Gießen

Bärbel Weigand: Ein Herz für jene auf der Schattenseite

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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In der Nordstadt schlagen viele gute Herzen. Eines davon ist in der Brust von Bärbel Weigand zu finden. Die 54-Jährige ist nun schon seit fast zehn Jahren für die Werkstattkirche im Einsatz und hilft jenen Menschen, die es nicht so gut erwischt haben.

Bärbel Weigand hat an einem großen Tisch in der Werkstattkirche Platz genommen. Der Raum ist vollgestellt mit Büchern und Kisten. Allesamt Spenden, die Menschen hier abgegeben haben, um anderen Menschen eine Freude zu machen. Selbst das imposante Klavier stammt von einer großzügigen Geberin aus der Nachbarschaft. »Ist das nicht toll?«, fragt Bärbel Weigand. Ihre leuchtenden Augen verraten, dass die Freunde vom Herzen kommt. Genauso wie der Einsatz, den sie hier in der Werkstattkirche seit fast zehn Jahren leistet. Zusammen mit dem ehemaligen Pfarrer Christoph Geist hilft sie den Menschen aus der Nordstadt, deren Leben irgendwann aus der Bahn geraten ist. Oder die schon seit ihrer Geburt auf dem Abstellgleis stehen. »Ich habe nun mal eine Schwäche für die Verkorksten«, sagt Weigand. Aus ihrem Mund klingt das nicht abwertend, sondern liebevoll. Ihre Anteilnahme für die Schwachen rührt auch daher, dass ihr eigenes Leben so anders verlaufen ist.

Viel idyllischer als Weigand kann man wohl nicht aufwachsen. »Ich bin auf einem Bauernhof in einem winzigen Dorf bei Korbach großgeworden«, sagt sie. Ihr Vater sei aber nicht nur Landwirt gewesen, sondern auch Springreiter und Pferdezüchter.

Trotzdem wurde das Mädchen mit den Pferden nicht warm. Zu hektisch und zu scheu seien sie gewesen, sagt Weigand. »Ich mochte die Kühe lieber. Ich habe sie auch regelmäßig gemolken.« Es sei eine wundervolle Kindheit gewesen, sagt Weigand. Selbst die Tatsache, dass sie im Gegensatz zu ihren drei Brüdern nicht Trekker fahren durfte, hätte daran nichts ändern können. »Es gibt nichts Schöneres als eine Kindheit auf dem Bauernhof«, sagt die 54-Jährige und fügt lächelnd hinzu: »Ich kann die Jahreszeiten am Geruch erkennen.« Nach dem Abitur stand ihr dennoch der Sinn nach einer Luftveränderung. Und so landete sie Mitte der 80er Jahre in Gießen.

Eigentlich wollte Weigand eine Hauswirtschaftslehre machen, sie hatte sogar schon eine Stelle in der Wetterau sicher. Doch dann trat ihr Onkel auf den Plan. »Er war Arzt in Gießen und hat meinen Eltern gesagt, Friedberg sei wegen der vielen amerikanischen Soldaten zu gefährlich.« Der Unterschied zum mit GIs bevölkerten Gießen erschließt sich Weigand bis heute nicht. Aber das Wort des Onkels hatte Gewicht in der Familie, und so begann Weigand an der Gießener Augenklinik eine Ausbildung zur Orthoptistin, also zur Fachkraft für Augenheilkunde.

Um es vorwegzunehmen: Weigand hätte am liebsten gleich wieder kehrtgemacht. »Gießen war eine völlig andere Welt. Die Sprechweise war ganz anders, außerdem haben die Gießener eine besondere Art, auf Menschen zuzugehen. Das war für mich als Naivchen vom Land sehr schwierig.« Hinzu kam, dass Weigands Zweck-WG in der Nähe des Straßenstrichs in der Frankfurter Straße lag, was nicht nur einmal zu unschönen Erlebnissen führte. Daher suchte Weigand jedes Wochenende das Weite. Und das ist wörtlich zu verstehen. »Zu meiner Korbacher Zeit hatte ich einen Freund, der in einem Motorradclub war.« Nicht so etwas wie die Hells Angels oder die Bandidos, sondern kernige Jungs vom Land, die »einfach gerne Moped fuhren«, wie Weigand es formuliert. Mit diesen rauen Typen sei sie dann vier Jahre lang jedes Wochenende durch Deutschland getourt. Tagsüber hinten auf dem Bock, nachts am Lagerfeuer liegend. Die Männer in schwarzen Lederjacken waren für Weigand so etwas wie der Ausgleich zu den Kittelträgern aus der Augenklinik. Wobei Weigand nicht falsch verstanden werden möchte: »Die Arbeit an sich war toll. Vor allem der Umgang mit den Patienten. Man muss sehr emphatisch sein, um etwas von ihnen zu erfahren«, sagt sie und erzählt, häufig mit Schlaganfallpatienten, kleinen Kindern und Autisten zu tun gehabt zu haben.

Nach ihrer Ausbildung zog Weigand nach Goslar, ein Jahr später holte sie ihr einstiger Chef jedoch zurück. »Mir wurde ein unbefristeter Vertrag angeboten. Da konnte ich nicht Nein sagen.«

Eine Freundin vermittelte ihr dann ein WG-Zimmer. Der potenzielle Mitbewohner war bei der Besichtigung nicht da. »Aber es hing ein Bild von ihm an der Wand, wie er nur mit einer Hose bekleidet durch den Schnee stapft. Da habe ich mir gedacht: Cooler Typ, hier ziehe ich ein.« Mit dem einstigen Mitbewohner ist Weigand nun fast 30 Jahre verheiratet.

Heute lebt Weigand mit ihrem Mann Lutz in Großen-Linden. Die Zeit in der Augenklinik liegt schon lange zurück, nach der Geburt ihrer beiden Töchter wollte die 54-Jährige zunächst Mutter sein. Zudem engagierte sie sich in der Kirchengemeinde ihres neuen Wohnorts. »Ich habe Kindergruppen betreut und den Job des Hausmeisters übernommen. Außerdem war ich zwölf Jahre lang im Kirchenvorstand.« Für ihre Mitstreiter sei das nicht immer einfach gewesen, sagt Weigand. Sie bezeichnet sich selbst als Menschen, der anstrengend sein kann. »Ich frage nach, bin unbequem und inzwischen durchaus politisch. Ich will Sachen verändern.« In Großen-Linden hat sie das beispielsweise durch die Tausch-Bibliothek geschafft, die sie zusammen mit ihrer Tochter Ida organisiert.

Seit fast zehn Jahren setzt sie sich auch schon in der Gießener Nordstadt ein. Pfarrer Geist hatte sie seinerzeit nach Gießen geholt. Für Weigand ist die Arbeit in der Werkstattkirche eine Herzensangelegenheit. Und eine Mission. »Ich bin privilegiert. Daher möchte ich etwas zurückgeben«, sagt sie und kritisiert die Parallelgesellschaften, die auch in Gießen aneinander vorbei lebten. Meistens sei es so, dass schon die Geburt das weitere Leben festlege. »Dabei ist es doch nicht unser Verdienst, in einem schönem Haus oder auf einem Bauernhof aufzuwachsen. Sondern ein Geschenk. Diese Realität gehört geändert.«

In der Werkstattkirche versucht Weigand daher, unterschiedliche Menschen zusammenzubringen und auch den »Verkorksten« eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Zum Beispiel beim regelmäßigen Reparaturtreff, gemeinsamen Theaterstücken, Umzugshilfen und vielem mehr.

Und auch wenn sie in der Werkstattkirche oft mit traurigen Schicksalen konfrontiert wird, kommt sie immer gerne in die Ederstraße. »Ich mache seit zehn Tagen jeden Tag etwas Neues. Das finde ich toll.« Weigand lächelt bei diesem Satz. Dann sagt sie: »Ich bin froh, dass ich niemanden auf der Welt um das beneide, was er ist. Mein Leben ist einfach klasse.«

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